Rhein-Pfalz Kreis Neue Sprache, neue Schrift

Kindergarten- oder Schulkinder lesen gemeinsam Zeitung oder schneiden sich ihre Lieblingsartikel aus. Das kenne ich, das habe ich auch schon gemacht. Aber neu ist für mich, dass das auch Erwachsene tun. Und zwar welche, die ebenfalls Lesen und Schreiben lernen – und eine neue Sprache noch dazu.
Das wollte ich genau wissen. Also habe ich mich in die Flüchtlingsunterkunft in Limburgerhof reingemogelt. Mein kleiner Bruder Nals hat sich darüber gewundert, dass Leute, die älter als 20 Jahre sind, Lesen und Schreiben lernen. Er hat nicht darüber nachgedacht, dass die Leute in der Flüchtlingsunterkunft von weit her kommen. Aus Afrika zum Beispiel. Da sprechen die Menschen natürlich kein Deutsch und viele auch kein Englisch. Das heißt, wenn sie zu uns kommen, müssen sie eine Sprache lernen, die völlig anders ist als ihre eigene. Und es geht sogar noch weiter: Auch die Schrift ist in vielen afrikanischen Ländern anders als hier bei uns. In dem Deutschkurs in der Flüchtlingsunterkunft habe ich Major, Selam und Awet aus Eritrea und Wael aus Ägypten kennengelernt. Die Eritreer haben mir erzählt, dass sie zu Hause Tigrinya sprechen und die äthiopische Schrift benutzten, die sehr eckig aussieht. Der Ägypter Wael hingegen spricht Arabisch und benutzt die arabische Schrift. Die ist ziemlich schnörkelig und wird von rechts nach links gelesen, also für uns verkehrt herum. Das ist also alles viel komplizierter als Nals denkt. Wenn er in China wäre, wo es noch mal andere Schriftzeichen gibt, die von oben nach unten gelesen werden, müsste er mit seinen Schreib- und Lesekünsten ja auch noch mal ganz von vorn anfangen – von der Sprache ganz zu schweigen. Genau so ist das bei Major, Selam, Awet und Wael. Damit die das möglichst gut hinbekommen, kriegen sie Hilfe. Sie gehören zu einer Gruppe, die von Doris Kleinhans unterrichtet wird. Die war früher Lehrerin und hat deutschen Kindern in der Grundschule Lesen und Schreiben beigebracht. Jetzt tut sie das bei Flüchtlingen. Was das jetzt mit der Zeitung zu tun hat? Die ist für Kleinhans eine Ergänzung zu den Sprachbüchern, mit denen eigentlich gelernt wird. Auch die Flüchtlinge lesen zusammen mit ihrer Lehrerin Artikel, suchen nach Wörtern, die sie schon kennen oder die sie besonders gern mögen. Sie haben eine Collage mit ihren liebsten Artikeln und Überschriften gebastelt – ähnlich wie in den Schulen. Ihr seht, wenn man Lesen und Schreiben lernt, kommt es auf das Alter eben nicht so sehr an. Und ob man sechs oder 20 Jahre alt ist, die Lernmethode ist im Grunde immer die Gleiche. (yns)