Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Nazi-Zeit: Was Zeitzeugen berichten können

Schulleiterin Monika Kleinschnittiger begrüßt Zeitzeugin Judith Rhodes.
Schulleiterin Monika Kleinschnittiger begrüßt Zeitzeugin Judith Rhodes.

Auf Zeitreise hat sich das Paul-von-Denis-Gymnasium mit der Britin Judith Rhodes begeben. Die 69-Jährige hat von ihrer Mutter Ursula Michel berichtet, die 1939 mit einem der letzten Kindertransporte aus Nazi-Deutschland gerettet werden konnte.

Ein Mädchen aus Ludwigshafen erzählt von ihrer Kindheit und Jugend. Sie stellt sich als Ursula Michel vor. „Ich bin gerade 15 geworden, gehe zur Schule und wenn ich Zeit habe, schwimme ich gerne im Rhein.“ Doch die Fotos, die auf der Leinwand erscheinen, stammen nicht aus der heutigen Zeit. „Es ist November 1938“, berichtet die Stimme, „und seit letzter Woche ist alles anders“.

In der Bibliothek des Paul-von-Denis-Gymnasiums herrscht gebannte Stille. Denn schnell wird klar, warum sich das Leben der 15-Jährigen so drastisch geändert hat. Ursulas Vater Heinrich ist Jude und seit der Machtübernahme Adolf Hitlers immer neuen Repressalien ausgesetzt. Als am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, SA-Männer Häuser und Geschäfte jüdischer Bürger zerstören, wird auch die Wohnung der Familie Michel verwüstet. Am nächsten Tag wird der Vater verhaftet und für einige Wochen ins Konzentrationslager Dachau gebracht.

Nur mit einem kleinen Koffer

Bald darauf muss die Familie ihre Wohnung in der Pfalzgrafenstraße verlassen und kommt in Mannheim unter. Doch die Situation für jüdische Familien – Mutter Gertrud, Ursula und ihre jüngere Schwester Lilli zählen trotz ihres christlichen Glaubens dazu – wird immer gefährlicher. Über die befreundete Familie Schwab bekommen sie Kontakt zu einem Pfarrer, der Kindertransporte nach Großbritannien organisiert. Die Entscheidung fällt: Wenigstens Ursula soll so gerettet werden. Mit einem kleinen Koffer und nur dem Nötigsten trat sie am 25. August 1939 die Reise an.

Viele Details aus der Vergangenheit ihrer Mutter hat Judith Rhodes erst durch eigene Recherchen erfahren. Nach deren Tod im Jahr 2011 ließ Rhodes alle Briefe und Dokumente ihrer Mutter übersetzen, wodurch sie Dinge erfuhr, von denen diese nie gesprochen hatte. Auf Initiative von Judith recherchierte auch der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine das Schicksal der Familie Michel. „Es muss jemand den Anstoß geben und sich für die Geschichte interessieren“, erklärt Schulleiterin Monika Kleinschnitger, die im Verein aktiv ist und selbst am Film über Ursula Michel beteiligt war.

Der Kontakt brach ab

Judith Rhodes berichtet den Schülerinnen und Schülern, dass ihre Mutter nach der Ankunft in ihrer englischen Pflegefamilie viel Zeit damit verbracht habe, sich in ihr neues Leben einzugewöhnen. Später habe sie zu ihr gesagt, dass sie ihrer Familie nicht so oft geschrieben hat, wie sie es hätte tun sollen. Der Kontakt zur Mutter und Schwester Lilli ist 1942 abgebrochen. Sie und Vater Heinrich wurden von den Nazis im KZ umgebracht.

Die Gymnasiasten zeigen sich sehr interessiert an den Schilderungen der 69-Jährigen aus Leeds, der solche Zeitzeugen-Gespräche in Schulen sehr wichtig sind. „Es ist so viel einfacher, die Ereignisse durch die Augen eines Menschen zu verstehen, der einen Namen hat“, ist sie überzeugt. Den kleinen Koffer, mit dem ihre Mutter damals geflohen ist, hat sie immer noch. Ein vergleichbares Exemplar zeigt sie in Schifferstadt. Und die Vorstellung, mit wie wenig das junge Mädchen seine Heimat und Familie verlassen musste, macht die Zuhörer sichtlich betroffen.

Die Familie Michel, die Aufnahme stammt vermutlich von 1938.
Die Familie Michel, die Aufnahme stammt vermutlich von 1938.
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