Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Nadelklappern gegen das Altern

Im Strickcafé der Landfrauen geht es heiter und gesprächig zu.  Foto: BOLTE
Im Strickcafé der Landfrauen geht es heiter und gesprächig zu.

An jedem ersten und dritten Dienstag im Monat klappern im Untergeschoss der Rheinschule in Bobenheim-Roxheim die Nadeln. Denn dann treffen sich im Landfrauenraum in froher Runde bei Kaffee und Kuchen die Teilnehmerinnen des Strickcafés.

Es ist 14 Uhr, Ursula Hertfelder stellt Brezelkörbchen auf die Tische, im Hintergrund brutschelt eine Kaffeemaschine. Als Stellvertreterin von Chefin Christa Burkhardt bereitet sie alles vor für einen kreativen Nachmittag. „Wir sind eine Splittergruppe der Landfrauen und haben uns 2009 gegründet“, berichtet Hertfelder und entkräftet gleich das Vorurteil über Landfrauen als Koch- und Backverein. Christa Burkhardt lernte das Strickcafé bei der Arbeiterwohlfahrt in Worms kennen, war begeistert vom Konzept und setzte die Idee in der Altrheingemeinde um. Seither wird in der Schule fleißig gestrickt, gequatscht und viel gelacht.

Nach und nach trudeln die Strickcafé-Besucherinnen ein, allesamt Frauen ab der Lebensmitte. Zum Beispiel Gertrude Schneider aus Worms, die auch in dem dortigen Projekt aktiv ist. Ins Bobenheim-Roxheimer Strickcafé kommt sie nur sporadisch, aber gerne. Mitmachen kann jede und jeder: „Wir sind eine Initiative der Landfrauen, aber ein offener Kreis, man muss nicht Mitglied sein, um hierher zu kommen“, sagt Ursula Hertfelder. Die Teilnahme ist kostenlos, fürs Catering – die Butterbrezeln sind diesmal der Renner – steht ein Spendenkörbchen da.

Hier wird viel erzählt und gefachsimpelt

Gegen 15 Uhr sind 13 Plätze an der langen Tafel belegt, und alle haben ihre mitgebrachten Utensilien ausgepackt. Man kennt sich, Neue werden schnell integriert, denn man hat ja ein gemeinsames Thema. Es wird erzählt und gefachsimpelt. Eine Frau erklärt die Vorzüge von Nadeln aus Bambus – im Dreierpack für 19 Euro – gegenüber den grauen Inox-Stricknadeln aus Metall: „Die sind warm und liegen gut in der Hand.“ Und sie erleichterten die Handarbeit, vor allem bei Rheuma oder Gicht, bestätigt eine ältere Teilnehmerin. Gleich mit fünf Nadeln hantiert Liesel Sack. Routiniert fertigt die Seniorin damit eine Wollsocke an. Masche um Masche glatt rechts, akkurat mit Ferse und Spitze.

Seit vier Jahren ist die 80-jährige Barbara Seelert Stammgast im Strickcafé. Sie wagt sich an ein ganz besonderes Projekt, eine Kinderhose für den Urenkel, mit regenbogenfarbigen Ringelbeinen und frechem Monstergesicht auf dem Po. Die Anleitung dazu hat ihre Sitznachbarin im Internet gefunden. Sie gibt der Seniorin Tipps. „Allein hätte ich mich an dieses Stück nie ran getraut“, sagt Barbara Seelert. Ihren ersten Handarbeitskorb bekam sie als Kind zu Weihnachten. Seither sind Klassiker wie Schals, Mützen und Topflappen ihre bevorzugten Projekte, die sie gerne verschenkt. „Im vorigen Jahr hab ich allein sieben Paar Socken gestrickt.“

Gestrickt und gehäkelt wird für den Eigenbedarf und zum Verschenken

Ganz in Blau- und Lilatönen schwelgt Marliese Vogel beim Anfertigen eines klassischen Schals mit Farbwechsel. Sie hat 1972 den Landfrauenverein in Bobenheim-Roxheim mitgegründet. Natürlich darf im Strickcafé auch gehäkelt werden. Luftmaschen, feste Maschen, Stäbchen: Margarete Schäfer häkelt sich eine filigrane Fenstergardine in sonnengelb: „Was Freundliches für den Frühling“, sagt sie. Am Strickcafé schätzt die Frankenthalerin die entspannte familiäre Atmosphäre. „Hier fühle ich mich wohl“, meint sie.

Warum in Zeiten allgegenwärtiger Massenware noch handarbeiten? Die Frage provoziert empörte Gesichter. Ausnahmslos alle Strickcafé-Gängerinnen machen das aus Spaß, aus Woll-Lust sozusagen, für den Eigenbedarf oder um Handgemachtes verschenken zu können. Nur die Ältesten kennen das Nadelgeklapper noch als Notwendigkeit in der schwierigen Nachkriegszeit. Vor einigen Jahren haben die Frauen mal Socken produziert und sie auf dem Weihnachtsmarkt zugunsten einer Multiple-Sklerose-Gruppe verkauft.

Dass Geselligkeit und Gesundheit weitere Motive sind, um zu Wolle und Nadeln zu greifen, wird an diesem Nachmittag ebenfalls deutlich: Stricken entspannt und beruhigt, die Feinmotorik wird geschult und Kopfarbeit ist es allemal: Nadelklappern für die Seele und gegen das Altern. Männer sind – anders als zuweilen in Worms – nicht dabei, sie seien aber willkommen – „wenn sie ernsthaft mitmachen wollen und sich nicht so iwwerzwerch anstellen“, heißt es in der lachenden Frauenrunde.

Info

Strickcafé der Landfrauen Bobenheim-Roxheim, jeden ersten und dritten Dienstag im Monat ab 14 Uhr im Raum der Landfrauen, in der Rheinschule, Eingang Kaufweide. Nähere Informationen bei Christa Burkhardt, Telefon 06239 6237, und Ursula Hertfelder, Telefon 06239 2358.

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