Speyerer Umland
Nachkriegsjahre: Als Schuhe Mangelware waren
Wohnungen, Wäsche und Porzellan – das wenige, was es noch gab, wurde nicht selten von der Besatzungsmacht beschlagnahmt. Kein krummer Nagel, keine rostige Schraube, kein Wollfaden und kein Fetzen Stoff wurde deshalb weggeworfen. Fahrradreifen, sofern man überhaupt ein Fahrrad hatte, wurden unzählige Male geflickt, die Mäntel unterlegt.
Für Kinder und Jugendliche, die mit dem Rad nach Speyer fahren mussten, war es an der Tagesordnung, rasch zu flicken. Beinahe jeder versuchte, etwas herzustellen, sowohl zum Tauschhandel als auch für den eigenen Bedarf. Not und Entbehrung ließen die Menschen zusammenrücken in einem Maße, wie man es sich heute – selbst in der Corona-Pandemie – kaum vorstellen kann.
Nun ein Paar Schuhe im Jahr erhältlich
Schuhe waren ein Problem. Auf Bezugsschein gab es ein Paar jährlich – für Erwachsene zu wenig, für Kinder im Wachstum eine Katastrophe. Immer wurden sie erst viel zu groß gekauft, dann waren sie viel zu klein und natürlich abgetragen. Weil er die üble Gewohnheit hatte, für Schuhreparaturen als Entlohnung Naturalien statt Geld zu fordern, sah sich die Gendarmerie Heiligenstein veranlasst, bei einem Schuhmachermeister aus Mechtersheim vorzusprechen.
„Bei dieser Gelegenheit konnte ein umfangreiches Warenlager von über 500 Paar Schuhe aller Art, darunter eine Anzahl Herren- Damen- und Kinderschuhe in Leder sichergestellt werden, die nun der Allgemeinheit zugeführt werden können“, berichtete die RHEINPFALZ am 4. Januar 1947. Der Schuster hatte es unterlassen, seinen über Jahre angesammelten Schuhbestand anzumelden.
In der Schule fehlt die Heizung
In vielen Schulen blieb nach den Weihnachtsferien 1946 das Schulhaus kalt. In dieser Zeit konnten sich die Kinder nur knapp eine Stunde darin aufhalten. Das Fehlen einer Heizung samt Brennmaterial machte sich spätestens im Herbst unangenehm bemerkbar. Der Unterricht konzentrierte sich bis zum Eintreten milderer Witterung auf das Durchsehen und Neubesprechen von Hausaufgaben.
Der Mangel an Papier, Lehr- und Lernmittel war ebenfalls ein Problem. Die alten Schulbücher waren verboten, neue noch nicht vorhanden. Die Schulhefte bestanden meist aus dünnem zugeschnittenem braunen Packpapier, das zusammengenäht war. Am 2. Mai begann 1946 ein Kurzschuljahr, das schon am 4. Oktober wieder endete.
Neues Geld, neue Hoffnung
In den Schulen wurden die Kinder gewogen und gemessen. Nicht selten wurde dabei infolge mangelhafter Ernährung Untergewicht festgestellt. Das Pausenbrot der meisten Kinder bestand in einer Scheibe dottergelbem, leicht bitter schmeckendem Maisbrot. Dennoch blieb kein Krümelchen übrig. Am 4. Mai 1949 begann eine Schülerspeisung. Selbstversorger schieden aus. Kinder, deren Väter gestorben, gefallen, vermisst oder kriegsgefangen waren, brauchten den Obolus nicht zu entrichten.
Wie früher das Verbandspäckchen, so hatte man jetzt Teller und Löffel im Schulranzen. Es gab in der Pause jetzt einen Teller Suppe oder etwas Reis. An der Hoover-Schulspeisung, einer der größten sozialen Einrichtungen der damaligen Zeit, nahmen 2800 Kinder aus allen Orten um Speyer teil.
Ein verheerendes Explosionsunglück in Ludwigshafen kostete 1948 insgesamt 13 Menschen im damaligen Landkreis Speyer das Leben, darüber hinaus gab es zwei Vermisste und 35 Schwerverletzte. Von den Toten stammten zehn aus Schifferstadt und je einer aus Berghausen, Dudenhofen und Hanhofen. Die Vermissten waren aus Heiligenstein und Waldsee.
Die ersten Vereine bilden sich
Erfreulicherweise bildeten sich, noch während der Besetzung durch französische Truppen und mit Genehmigung der Militärregierung, in allen Orten die ersten Vereine. Sie waren in den Kriegswirren gelähmt oder, wie die kirchlichen Vereine, zuvor von den Nazis verboten worden. Nun fanden sie sich erneut zur Gemeinschaft und bildeten damit den Grundstock zur Fortentwicklung und Erhaltung eines gewachsenen Kulturguts.
In dieser Zeit kamen auch größere Transporte von Flüchtlingen – Heimatvertriebene aus dem Osten – in die Dörfer. In den allermeisten Fällen wurden sie reibungslos untergebracht.
Am 20. Juni 1948 kam schließlich die Währungsreform. Für die Menschen jener Zeit ein Erlebnis. Plötzlich lagen in den Schaufenstern Dinge, die man nur noch vom Hörensagen kannte. So manches junge Mädchen fuhr nach Speyer, um Schaufenster anzusehen. Man würde heute sicherlich über die ärmlichen Auslagen lächeln, damals waren sie wunderbar. Was somit ganz zaghaft begann, war nun der Beginn des Wirtschaftswunders und somit Grundlage des heutigen Wohlstands.