Kalmit-Klapprad-Cup
Nach Unfall im Rollstuhl: Aufgeben gilt nicht!
Wie sich der Unfall genau abgespielt hat, daran kann sich Patrick Minrath nicht mehr erinnern. „Ich bin weit geflogen. Und dann war ich komplett weg“, sagt er. Es war der zweite Tag einer Radtour durch die Pyrenäen, sechs Mann in der Gruppe, etwa 60 Kilometer vor Barcelona. Minrath geht in eine Abfahrt, vielleicht zieht er die falsche Bremse, jedenfalls stürzt er schwer, und dann weiß er erst mal nichts mehr. Ein mitreisender Pfarrer beatmet ihn noch vor Ort. In der Nähe der Unfallstelle gibt es Handyempfang und dort kann dann auch ein Rettungshubschrauber landen, beides alles andere als selbstverständlich, mitten in den Pyrenäen.
Er landet erst im spanischen Tarragona und er wacht nach fünf Wochen im Koma in der Ludwigshafener Unfallklinik wieder auf. Das Erste, woran er sich nach dem Aufwachen erinnert, ist eine Putzfrau, die den Boden wischt und Möbel, mit dem gleichen Lappen. Seine Frau erklärt Minrath im Krankenhaus, dass er von nun an querschnittsgelähmt ist. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich da gedacht habe“, sagt er. „Wut hatte ich tatsächlich nicht. Ich hab’ das akzeptiert.“Am kommenden Wochenende wird Minrath wieder zu einer Bergfahrt antreten: beim Kalmit-Klapprad-Cup. Mit Ausnahmegenehmigung der Organisatoren, im Liegerad.
Viel Hilfsbereitschaft im Ort
Wer Minrath in seinem Haus im vorderpfälzischen Bobenheim-Roxheim besucht, der bekommt den Eindruck eines Menschen, der bemüht ist, möglichst sachlich mit dem umzugehen, was ihm da passiert ist. „Ich versuche wirklich, dass alles ganz normal läuft“, sagt der 46-Jährige. Er hat einiges an seinem Haus umbauen müssen, Rampen an Treppe, Bad und Küche beispielsweise, gar nicht so viel eigentlich. Es läppert sich aber: „Man macht sich vorher ja überhaupt keine Gedanken über so etwas“, sagt Minrath.
Er hat viel Hilfe bekommen, weil er gut vernetzt ist im heimischen Bobenheim, unter anderem hat der Sportverein eine Benefiz-Veranstaltung für ihn organisiert. Er ist im Ort groß geworden, „wenn ich die Straße entlangrolle, hupen so viele Leute...“, sagt er. Minrath ist gelernter Schreiner, und er arbeitet in einer Frankenthaler Einrichtung zur beruflichen Qualifikation schwierig zu vermittelnder junger Menschen, Schulverweigerer. Langzeitarbeitslose. Sein Arbeitgeber unterstützt ihn, und sein Heimatdorf unterstützt ihn, seine Familie: Frau und zwei Söhne.
Im Spital hat er gesehen, dass das auch ganz anders geht: „Im Krankenhaus waren viele Rollstuhlfahrer – das waren aber oft einsame Menschen“, sagt er, „die haben auch keinen Besuch bekommen.“ Ab 17 Uhr waren die meisten Patienten im Bett und er noch auf den Fluren unterwegs, „das war schon ein wenig erschreckend.“ Hat er versucht, Kontakt zu Hilfsorganisationen oder Netzwerken von Behinderten aufzunehmen? „Nein“, sagt Minrath entschieden.
Stattdessen hat er schon kurz nach dem Unfall beschlossen, wieder am Kalmit-Klapprad-Cup teilzunehmen. „Ich hab’ schon direkt danach gesagt: Ich fahr’ wieder mit.“ Ein weiteres Stück Normalität eben, „Normalität“ im weitesten Sinne: Das, was da am Samstag. 3. September, zum nunmehr 31. Mal stattfinden wird, ist so etwas wie institutionalisierter Irrsinn auf 20-Zoll-Rädchen: Die Kalmit ist steil, 540 Höhenmeter auf sechs Kilometern, in etwa eine Stunde brauchen die Besten des Feldes für den Aufstieg auf dem Klapprad ohne Gangschaltung.
Rennen mit eigener Mythologie
Das Rennen hat seine eigene Fangemeinde und seine eigene Mythologie, und an der wird ständig gestrickt: Die Auffahrt steht unter jährlich wechselnden Slogans, dieses Jahr ist Frankreich dran, Motto: „Liberté, Égalité, Klapperité!“ Macht ja auch Sinn, meint Holger Gockel, der Zweite Vorsitzende des veranstaltenden Pfälzer Klappvereins: 1794 sei mit Napoleon ja bereits das erste Peugeot-Klapprad in die Pfalz gekommen, sagt Gockel. Und so ist der Kaiser dann wohl auch seinen großen Siegen bei Aboukir oder Austerlitz zugerauscht: mit seinen kurzen Beinchen energisch strampelnd auf einem kleinen Rad, man hat die Bilder lebhaft vor sich.
Wie gesagt: eigene Mythologie, und an der stricken die Teilnehmer auch selbst. Karnevaleske Verkleidung passend zum Motto ist eigentlich Standard beim Rennen – weshalb Patrick Minrath auf seinem Liegerad eine rote Mühle nach oben wuchten wird: Seine Gruppe hat sich entschieden, die legendäre Pariser Busen-Bar „Moulin Rouge“ aufs Klapprad zu transponieren. Im Frühsommer war Minrath sogar in Paris und hat sich das Original angeschaut. Also, von außen: Ziemliche Touristenfalle wohl, das Ding.
Startnummer „69“ mehrfach vergeben
Beim Thema „Französisch“ scheinen überraschend viele Teilnehmer erst mal nur an das Eine zu denken. Die Startnummer „69“ jedenfalls war heiß umstritten und musste gleich mehrfach vergeben werden, berichtet Gockel. „Könnte mit dem Motto zusammenhängen“, sagt er, und grinst durchs Telefon. Um die 700 Teilnehmer haben sich bislang fürs Rennen angemeldet, sogar ein paar Franzosen sind dabei. Mal gespannt, als was die gehen.
Zurück in Bobenheim resümiert Minrath gegen Ende des Gesprächs dann noch einmal das, was der Unfall mit ihm gemacht hat. „Man hat so viele Einschränkungen. Es ist alles so langsam“, sagt er. Alles eine permanente Bergfahrt, eigentlich, langsam machen will er aber nicht, und ganz gewiss nicht an der Kalmit. Außer Konkurrenz einfach so mitschwimmen? Kommt ihm nicht in die Tüte. „Ich hab’ gesagt: Ich hör erst auf, wenn ich brechen muss“, sagt er.
