Harthausen RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Kamm und Schere: Geschichten aus dem Leben eines Friseurs

Genießt den Ruhestand: Norbert Häußler.
Genießt den Ruhestand: Norbert Häußler.

1965 kommt der Friseur Norbert Häußler aus Geinsheim nach Harthausen. 2007 legt er Kamm und Schere aus der Hand und vermietet sein Geschäft. Am 31. Juli ist auch damit Schluss. Sein Laden in der Hanhofer Straße steht seitdem leer. Damit endet ein Kapitel Ur-Harthausener Coiffeur-Geschichte.

„Das Geschäft ist immer so gut wie die Leute, die darin arbeiten.“ „Das Friseurhandwerk ändert sich jährlich. Wir waren im Können immer up to date.“ „Einen Kasten Bier hatte ich anfangs immer im Laden.“ Sätze wie diese umreißen die Berufsauffassung und die Geschichte des über Jahrzehnte hinweg einzigen Friseurs im Tabakdorf Harthausen. Leicht sei der Weg nicht gewesen, sagt der 81-Jährige heute. Aber auf das Ergebnis ist er stolz: „Ich habe immer ein Bombengeschäft gehabt.“ Ehrgeiz und Können, aber auch harte Arbeit und Talent haben dazu geführt.

Haare schneiden und Frisuren legen kann der junge Norbert Häußler von Anfang an. Schließlich ist er gelernter Damen- und Herrenfriseur mit besten Zeugnissen. „Ich habe vier Jahre Ausbildung absolviert, danach in mehreren Salons volontiert“, betont er im Gespräch mit der RHEINPFALZ.

Als Helfer gekommen

Der damals 19-Jährige kommt frisch von der Bundeswehr, ist noch ohne Meistertitel. Die Meisterschule in Kaiserslautern musste er abbrechen, weil er „eingezogen“ wurde. Der Staat nimmt damals keine Rücksicht auf individuelle Ausbildungspläne. In Harthausen ist Theo Schreiner der etablierte „Barbier“. Der Inhaber des Ladens in der Speyerer Straße 59 kämpft mit einer Kriegsverletzung, ist schwer krank. Häußler hilft ihm.

Eineinhalb Jahre lang arbeitet er angestellt. Dann kann er das Geschäft übernehmen und legt los. Kleine Räume, kaum Platz, aber ein großes Verkaufsgeschäft neben den Friseurstühlen. Von Kopfschmerztabletten über Hygieneartikel reicht das Sortiment. „Bis die Apotheke in den Ort kam, Anfang der 1980er-Jahre, gab es bei uns alles zu kaufen“, erinnert sich Häußler. Der junge Mann kommt gut an im Dorf. Seine offene, freundliche Art und sein Können verschaffen ihm schnell Anerkennung in der Gemeinde. „Ich habe gerne mit Leuten zu tun gehabt und meinen Beruf geliebt“, sagt er.

Der Friseur hat klare Meinungen, immer was zu sagen und zu fragen, erzählt gern Witze und seziert gemeinsam mit den Kunden das Welt- und Dorfgeschehen. Termine vereinbart damals noch keiner. Kinder müssen ohnehin warten. Zuvor werden die Männer rasiert und frisiert. Beim Friseur dauert es eben, „bis du dran bist“. „Die Alten kommen zweimal die Woche zum Rasieren. Bis etwa 1975 war das Usus“, schildert Häußler den damaligen Alltag, zu dem ein Biervorrat gehört.

25 Mark Monatslohn im ersten Lehrjahr

Doch zurück zu Häußlers Ausbildung Ende der 1950er-Jahre in Speyer, wohin er täglich mit dem Fahrrad fährt. Um 8 Uhr öffnet der Laden, Feierabend ist, wenn keiner mehr kommt. Montags ist Berufsschule, der Samstag ist ein normaler Arbeitstag – bis abends. 25 Mark gibt es im ersten Lehrjahr, 35 im zweiten, 45 im dritten. Das Werkzeug – Kamm, zwei Scheren, zwei Rasiermesser – muss sich der Lehrling selbst kaufen. „Kein Vergleich zu heute“, sagt der Senior. „Kann sich keiner mehr vorstellen.“

Anstrengend ist der Weg als junger Selbstständiger: Er muss den Laden führen, nebenbei den Meister machen und für die nun eigene Familie da sein. Mit Unterstützung vieler erreicht er sein Ziel. Nicht zuletzt seine Frau Ursula, viel zu früh verstorben, ist ihm eine große Stütze. „Eine liebe und fleißige Frau. Obwohl sie keine Friseurin war, hat sie viel, viel für den Auf- und Ausbau des Geschäfts getan“, würdigt er ihre Leistung und blickt auf ein Foto von ihr.

Neues Zeitalter mit Neubau

1978 läutet Norbert Häußler ein neues Friseurzeitalter in Harthausen ein. Der Neubau seines Geschäfts an der Hanhofer Straße beginnt. 1980 folgt der Umzug. Auf 1000 Quadratmetern sind ein Wohnhaus und ein modern konzipierter Salon entstanden. Neueste Hygienevorschriften können nun leicht befolgt werden, ein Sozialraum für die Mitarbeiterinnen ist da, neun Bedienungsplätze sind installiert. Das gemeistert zu haben, macht Häußler heute noch stolz und zufrieden. Er weiß nämlich auch von Skeptikern und Neidern, die ihn damit wohl gerne hätten scheitern sehen.

Sein Kundenkreis wächst jedoch beständig. Von Landau über Germersheim bis ins Badische und aus Richtung Ludwigshafen kommt die Kundschaft. Landräte, Bürgermeister und andere Würdenträger sitzen bei ihm auf dem Stuhl. „Ich habe immer darauf geachtet, gutes Personal zu bekommen. Die haben oft selbst Kunden mitgebracht“, verrät er eine Marketingmaßnahme.

Häußler bildet von Beginn seiner 47 Berufsjahre an selbst aus. Gut 40 weibliche Lehrlinge gehen durch seine Schule. „Keine ist durch die Prüfung gefallen“, versichert er. Auf Weiterbildung legt er größten Wert, fährt oft mit zu Schulungen der Firma Wella in Darmstadt. „Wir haben alles draufgehabt, was gefragt war.“ Über 300 Mark habe er einmal für ein Buch aus den USA bezahlt, in dem die damals ausgefallensten Frisuren dargestellt waren.

Lob und Dank an Harthausen

Gut erinnert er sich auch an die Zeit, als ins Haar geschnittene Muster und Namen in Mode kamen. „Ich habe immer am Stuhl gestanden bei der Arbeit. Als damals eine Frau das FCK-Emblem im Haar haben wollte, habe ich mich dann aber doch gesetzt beim Schneiden. Ich habe es nämlich frei Hand gemacht“, weiß er noch. Ab 2002 werden erstmals Termine im Salon vergeben – zunächst nur für Frauen. Eine Maschine wird aufgestellt, um den Kunden Kaffee anbieten zu können.

Einer Kundin muss er das zuvor von ihr ausdrücklich gewünschte „leuchtende Rot“ wieder aus dem Haar holen. Deren Nachbarin meint nämlich: „So kannst du nicht auf die Straße gehen.“ Diese „Reparatur“ habe er verweigert, sagt Häußler. Anders bei der Frau, die das zwei Stunden zuvor erst aufgebrachte Dunkelbraun wieder weghaben wollte, weil sie zu Hause vorm Spiegel Angst bekam, was ihr Mann am Abend wohl dazu sagen würde.

Norbert Häußler hat noch unzählige Anekdoten wie diese auf Lager. Sein persönliches Fazit will er unbedingt noch loswerden: „Ich habe sehr gut mit den Harthausenern gearbeitet“, versichert er. „Ich bin froh, dass ich mein Arbeitsleben in dem Dorf führen konnte.“

Ende der 70er-Jahre neu gebaut: Häußlers Wohnhaus mit Friseursalon.
Ende der 70er-Jahre neu gebaut: Häußlers Wohnhaus mit Friseursalon.
 Blick in den Damensalon: Solche Tapeten waren damals modern.
Blick in den Damensalon: Solche Tapeten waren damals modern.
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