MUTTERSTADT / NEUHOFEN
Mit Fingerspitzengefühl für Material und Umgebung
Der Händedruck der zierlichen Frau ist fest. „Als Restauratorin arbeite ich viel mit den Händen und muss Kraft in den Fingern haben“, sagt Doris Hörtel. Die 47-Jährige lebt nach ihren Lehr- und Wanderjahren wieder an ihrem Heimatort Mutterstadt – mit drei Hühnern und einer Katze. Das Abitur legte sie am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Ludwigshafen ab. „Wir haben uns in der Oberstufe für einen ersten Kunst-Leistungskurs stark gemacht“, erzählt Doris Hörtel. „Abzeichnen war meine große Stärke, und beruflich wollte ich durchaus was mit Kunst machen“. Auf jeden Fall eine Arbeit mit den Händen, und da ihr Vater Busunternehmer war und als Kfz-Mechaniker alles selbst reparierte, hatte sie sich eine Zeitlang für das Restaurieren von alten Autos interessiert, erzählt sie. „Aber ich hatte Neuromermitis an den Händen und durfte sie nicht mit Ölen, Fetten und Reinigungsmitteln in Kontakt bringen“. Also zeichnete Doris Hörtel, die schon immer Großformatiges liebte, das Abendmahl von da Vinci. Das hatte es ihr besonders angetan.
Auf der Wand im Flur ihres Onkels ließ sie das Dschungelbuch entstehen; in Waldsee verschönerte sie ein Garagentor. „Wenn man damals schon als Graffiti-Auftragskünstler hätte arbeiten können, hätte ich Kunst studiert“, sagt Doris Hörtel. Doch dann kam der Fingerzeig aus Speyer: Als sie eines Tages vor dem eingerüsteten Dom – „meinem Lieblingsdom, obwohl ich später im Kölner Dom arbeitete“ – stand, sei ihr schlagartig klar gewesen, was sie machen wollte: „Steindenkmäler erhalten!“. Sie nervte die Restauratoren so lange, bis sie ein Praktikum machen durfte. Dabei musste sie Gummikügelchen, die beim Reinigen des Chorgewölbes herabfielen, zusammenkehren. Die Arbeit beflügelte ihre Fantasie: „Ich stellte mir vor, wie der Maler vor Jahrhunderten auf so einem Gerüst gelegen hat, und vielleicht findet man dort sogar noch Pinselhaare.“ Charmant finde sie auch, „dorthin zu kommen, wo sonst niemand hin darf und vielleicht seit Jahren auch keiner mehr gewesen ist.“
Fachfrau für Buntsandstein
Restauratoren arbeiten interdisziplinär. So umfasst das Studium Geologie, Chemie, Kunstgeschichte, historische Werkstoffkunde, handwerkliches und künstlerisches Arbeiten sowie Ikonographie, um historische Inschriften entziffern und nachbilden zu können. Vor dem Studium muss ein dreijähriges Praktikum absolviert, eine Mappe mit Zeichnungen eingereicht und eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden. Im Praktikum bei einem renommierten Restaurierungsbetrieb lernte sie, dass Restauratoren viel auf Reisen sind: „Meinen Chef habe ich nach dem Vorstellungsgespräch ein Jahr lang nicht gesehen, denn ich wurde kreuz und quer in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen eingesetzt.“ Sie studierte Restaurierung und Konservierung von Kulturgut mit der Fachrichtung Wandmalerei und Objekte aus Stein. Währenddessen arbeitete Doris Hörtel für Restauratoren, um ihr Studium zu finanzieren und Berufserfahrung zu sammeln. Daneben jobbte sie in einer Konzerthalle und war in der Früh wieder auf die Baustelle. Sie nennt es Liebe zum Objekt – es ganz zu durchdringen, um es dann so weit wie möglich in den Originalzustand zu versetzen. „Denkmäler bedürfen des Schutzes, und man muss ganz genau wissen, was man macht, denn Stein verzeiht keine Fehler“, sagt Doris Hörtel.
Daher gilt es, vor der eigentlichen Konservierungs- oder Restaurierungsarbeit die genaue Zusammensetzung des Steins zu bestimmen und seine Eigenschaften zu kennen. Dazu gehört auch die Dokumentation der Steinfarben, um die richtigen Pigmente für die Reparaturmassen (in der Fachsprache „Ergänzungsmasse“), mit denen beschädigte Areale verfüllt werden, herzustellen. „Wir machen unsere Massen und Farbpigmente grundsätzlich selbst und verwenden kein Material aus dem Baumarkt“, betont die Fachfrau für Buntsandsteinergänzungsmassen. Darüber hat sie auch ihre Diplomarbeit geschrieben.
In der Pfalz gibt es viele Buntsandsteindenkmäler
In der Pfalz hat Doris Hörtel ein reiches Betätigungsfeld, denn Buntsandsteindenkmäler gibt es hier zuhauf. Doch man braucht einen langen Atem vom „Ausgucken“ eines Denkmals bis zum endgültigen Auftrag. So hatte sie sich für das Neuhofener Kriegerdenkmal bereits beim vorigen Ortsbürgermeister Gerhard Frey vorgestellt, doch erst während der Amtszeit von Ralf Marohn konnte ihr Restaurierungsvorhaben umgesetzt werden. Angefangen hatte sie damit schon vor Jahren. Während der Neugestaltung des Rathausplatzes musste sie ihre Arbeit unterbrechen. „Dadurch wurde der Platz erneut verändert – wie in der Zeit der Entnazifizierung und in den 70-ern, als die Durchfahrt für Autos ermöglicht wurde“, sagt Doris Hörtel. Eigentlich ist die gesamte Anlage einschließlich der beiden Podeste mit den Feuerschalen sowie die Treppe zum Monument Denkmalzone. Seit 2004 ist jedoch nur das Monument geschützt. Es gilt also, neben dem behutsamen Umgang mit dem Stein, immer auch das Umfeld sensibel zu betrachten. Arbeit an Denkmälern ist eben in vielerlei Hinsicht Fingerspitzengefühl.