Rhein-Pfalz Kreis „Mit einem Bein im Kittchen“

. Das Mindestlohngesetz können nur Schreibtischtäter verbrochen haben – da sind sich alle Bauern einig. „Es ist einfach nicht an der Praxis orientiert“, sagt Werner Jotter. Er hat in Dannstadt seinen Betrieb und hält den bürokratischen Aufwand, den er inzwischen für seine Mitarbeiter betreiben muss, für viel zu hoch. Peter Fehmel aus Mutterstadt drückt es noch drastischer aus: „Ich kann mich nur zwischen Pest und Cholera entscheiden: Entweder ernte ich mein Gemüse, wenn es reif ist und wenn ich es verkaufen kann – und dann stehe ich schon mit einem Bein im Kittchen. Oder aber ich lasse meine Ernte vergammeln.“ Es ist zunächst weniger der Mindestlohn an sich, der die Landwirte aufregt, sondern die ihn begleitenden Regeln und Gesetze – angefangen bei der Dokumentation der Arbeitszeit. So hat ein Arbeitgeber nach dem Willen des Gesetzesgebers die Arbeitsstunden eines Tages innerhalb von einer Woche aufzuschreiben. „Wir haben das sonst am Monatsende zusammen mit der Lohnabrechnung gemacht“, sagt Johannes Zehfuß aus Böhl-Iggelheim. Der 56-Jährige ist nicht nur Landwirt, sondern auch Kreisvorsitzender des Bauern- und Winzerverbands. Er kennt die Sorgen seiner Kollegen. „Ein großes Problem ist das aufwendige Dokumentieren – sogar die eigenen Familienmitglieder müssen erfasst werden. Das ist eine Arbeit, für die während der Saison keine Zeit ist.“ Zusätzliche Kräfte einzustellen koste wiederum Geld – vor allem in Mindestlohnzeiten. Schreibt ein Landwirt auf, wann seine Mitarbeiter Spargel stechen oder Erdbeeren pflücken, kann auch überprüft werden, ob das korrekt abläuft. Ärgernis Nummer zwei ist also das Arbeitszeitgesetz in Verbindung mit strengen Kontrollen, seitdem die Dokumentationspflicht gilt. „Einen Kollegen hat das gerade 25.000 Euro gekostet. Sechs Minuten überschreiten, das sind schon 50 Euro pro Nase“, berichtet Zehfuß. Der Mann habe Glück gehabt, dass die Beamten nur einen Tag geprüft hätten. Nach dem Gesetz beträgt die zulässige Arbeitszeit an einem Werktag maximal acht Stunden. Bei sechs Werktagen in der Woche ergibt das folglich eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden. Verlängert werden auf 60 Stunden darf sie nur, wenn ein Ausgleich erfolgt. Zum Schutz vor Überlastung steht Arbeitnehmern außerdem nach Feierabend eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden zu. Wer diese verkürzen will, muss die Ruhestunden in anderen Nächten nachholen. „So geht uns aber die Flexibilität verloren, die wir in der Landwirtschaft brauchen. Schließlich gibt hier die Natur den Takt vor – wir müssen auf Kälte und Hitze, Sonne und Regen reagieren – ob wir pflanzen, düngen oder ernten. Folgen wir jedoch diesem Takt, machen wir uns unter Umständen strafbar“, sagt Peter Fehmel. Der Mutterstadter bringt ein Beispiel: „Wenn es jetzt warm wird, geht es hier richtig zur Sache – dann wächst alles, dann ist die Ware da, dann muss was geschafft werden, dann sind Sondereinsätze nötig. Stunden zählen und Ruhezeiten einhalten ist nicht drin, wollen wir die Ernte nicht vergammeln lassen. Außerdem kommen die Aufträge kurzfristig bei uns rein – da lassen sich Arbeitszeiten und Pausen noch schlechter planen.“ Zehfuß spricht ein anderes Problem an: „Normalerweise halten wir uns im Sommer an spanische Arbeitszeiten – früh morgens und abends geht es aufs Feld – jetzt müssen wir jedoch unsere Saisonkräfte in der Hitze nach draußen schicken, um Ruhezeiten zu beachten. Doch werden in anderen Bereichen solche Pausen eingehalten? Welcher persönliche Referent oder Chauffeur eines Politikers folgt solchen Arbeitszeitmodellen?“ Ebenfalls nicht beachtet worden sei von den Gesetzgebern, dass die Leute aus Polen und Rumänien kommen, weil sie arbeiten – Geld verdienen – wollen. „Erklären Sie denen mal, dass wir uns an ein Gesetz halten müssen, wo sie selbst sehen, dass Arbeit da ist.“ Nach Dokumentationspflicht und Arbeitszeitregeln ist der Mindestlohn per se der dritte Aufreger – ein vierter sind die Gemüsepreise. Der Druck des Lebensmitteleinzelhandels, sprich der Supermarktketten und Discounter, sei enorm. „Denen ist es egal, ob sie das Gemüse bei uns in der Pfalz kaufen oder in Polen. Wer günstig ist, gewinnt“, sagt Landwirt Uwe Beutelmann aus Hochdor-Assenheim. Billig produzieren – bei steigenden Lohnkosten, das breche vielen Bauern das Genick, da sind sich alle Befragten einig. „Viele von uns werden zurückfahren müssen. Als erstes fallen die arbeitsintensiven Kulturen wie Radieschen, Zwiebeln oder Bohnen weg“, sagt Joachim Knoll aus Lambsheim. „Das wird den Gemüsegarten Rhein-Pfalz-Kreis verändern – vor allem, was seine Vielfalt anbelangt.“ Auch Bio-Produkte werden laut Zehfuß in der Produktion zu teuer. „Wenn Sie nicht spritzen, müssen Sie zupfen. Das ist extrem arbeitsintensiv.“ Jürgen Hass sieht als Obstbauer in punkto Arbeitsaufwand ebenfalls ein Problem auf sich zukommen. „Handarbeit – darauf basiert eigentlich mein ganzes Betriebsmodell.“ Der Böhler glaubt deshalb, dass die steigenden Lohnkosten viele Betriebe bald unrentabel machen. „Dieses Jahr geht es noch, nächstes Jahr zahlen wir aber schon acht Euro. Ende 2017 9,10 Euro.“ Hass denkt darüber nach, früher in Rente zu gehen. An eine Betriebsübergabe, wie sie einmal geplant war, sei nicht mehr zu denken. Auch Peter Fehmel zieht erste Konsequenzen: „Fünf Festangestellte werde ich entlassen müssen.“ Das Mindestlohngesetz trifft nicht nur die Landwirte, sondern auch ihre Hilfskräfte. Das wird noch an anderer Stelle klar: „Bei der Ernte vieler Kulturen wird nach Akkord bezahlt – also nach dem, was ein Helfer tatsächlich erntet. Wer da heute unter dem Mindestlohn bleibt, wird heimgeschickt. Früher hat man langsamere Kräfte mitgetragen, heute kann sich keiner mehr leisten, sie mitzuziehen“, erklärt Johannes Zehfuß. Zu solchen Problemen mache sich auch noch sozialer Unfrieden in den Betrieben breit. Langjährige Mitarbeiter, die zum Teil ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und Steuern abführen müssen, fordern mehr Gehalt als den Mindestlohn. Zehfuß: „Sie wollen als erfahrene Leute mehr verdienen als ungelernte Saisonkräfte, die nur zwei Monate bleiben und ihr Gehalt ohne Abzüge mit nach Hause nehmen.“ Arbeitszeitdokumentation, strenge Kontrollen und der Mindestlohn, der in den kommenden Jahren weiter steigt – die Stimmung in der Landwirtschaft ist schlecht, und keiner der Bauern wagt der Prognose des Pfalzmarkts zu widersprechen: Am Ende könnte nur noch eine Handvoll Betriebe im Rhein-Pfalz-Kreis übrigbleiben. „Gemüsefirmen“ nennt sie Jürgen Hass.