Rhein-Pfalz Kreis Mit Dubber und Leidenschaft

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Schifferstadt

. Der Empfang in der Ludwigstraße 28 ist südeuropäisch. Zitronen und Apfelsinenbäumchen stehen Spalier. An der Hauswand rankende Weinreben mit roten und grünen Trauben schließen sich dem Zitruswunder an. Wer hier nicht schon staunend haltmacht, der bleibt spätestens mit offenem Mund stehen, wenn er um die Hofecke biegt: Birnen, Pflaumen, Mirabellen, Zucchini, Bohnen, Tomaten, Lavendel, Rosmarin ... Man kann auf Anhieb gar nicht erfassen, was alles an Bäumen und Sträuchern hängt, an Gittern rankt, aus Beeten lugt und Töpfen ragt. Der absolute Gartenwahnsinn! Gisela und Karl-Heinz Eichberger lachen. Führen uns jedoch zunächst mal an den blühenden Landschaften vorbei zu einem leeren Beet. Braun und trocken. Aber deshalb sind wir ja hier. Wir säen Mairettich. Im August. Eine Spezialität, die man zwar immer essen könnte, weil sie so lecker schmeckt. Die aber nicht immer wächst. Oder besser gesagt: nicht so, wie sie soll. Die Rettichrübe unter der Erde entwickelt sich nämlich am besten, wenn das Kraut oben nicht so schnell schießt – also bei eher mäßigen Temperaturen. Zwar brennt die Sonne heute Vormittag ganz gut auf die Erde, aber die schwüle Hitze, die wir vom Juli her kennen, dürfte vorbei sein. „Die Luft wird klarer, die Nächte sind kühler“, sagt Karl-Heinz Eichberger. Und da er mit seiner Frau beim Schifferstadter Herbstmarkt Ende September die rare Rettichsorte mit dem milden Geschmack feilbieten möchte, wird es Zeit, ihre Samen unter die Erde zu bringen. Seine Frau greift zu einem großen, hölzernen Gerät und als sie in fragende Augen schaut, erklärt sie: „Das ist ein Dubber.“ Aha ...? Als Gisela Eichberger das Teil zum Einsatz bringt, wird schnell klar: Der Dubber macht Tupfen, kleine Dellen, in die Erde, in die anschließend jeweils ein Samenkorn kommt. Der Reddichdubber ist eine Schifferstadter Erfindung. Was auch sonst? Schließlich ist die Stadt in der Mitte des Rhein-Pfalz-Kreises nicht umsonst immer noch als Rettichmetropole bekannt, obwohl sie sich um diese Auszeichnung eher in der Vergangenheit verdient machte. Die würzigen Wurzeln stehen nicht mehr ganz so hoch im Kurs wie einst. Ein bisschen an den Rand der Gemüseäcker gedrängt wurden sie von den Radieschen. Sie sind der aktuelle Vorderpfalzrenner. Im Pfalzmarkt in Mutterstadt gehören sie zu den meistverkauften Produkten. Der Mairettich wäre gar ganz ausgestorben, würden sich die Eichbergers und ein paar Mitstreiter nicht um sein Fortleben bemühen. „Früher gab es die Samen noch bei Bernd Imo, der eine Samenhandlung in der Stadt hatte. Er hat vor ungefähr zehn Jahren den Bio-Gartenfreunden Schifferstadt den Samen ,Schifferstadter Mai’ besorgt, der zu diesem Zeitpunkt schon eine geraume Zeit verschollen war. Heute ziehen wir ihn selbst nach.“ Gisela Eichberger nimmt dafür ein besonders schönes Exemplar aus dem Rettichreigen heraus, setzt es extra und lässt es blühen. „Dann bilden sich kleine Schoten mit den Samen drin.“ Die wohnen nun in einem Glas mit Schraubdeckel. Das wird geöffnet und Korn für Korn und Dubbe für Dubbe, das Beet bestellt. „Früher hat man meist drei Körner in ein Loch gegeben. Und später die schönste Pflanze stehen lassen. So hat man sich Ertrag gesichert, als es noch darauf ankam“, berichtet Karl-Heinz Eichberger, der mit Rettich und Feldarbeit aufgewachsen ist. Gisela Eichbergers Familie hat Rettich – und auch anderes Pfälzer Gemüse – in Stuttgart auf dem Markt verkauft. Eine weite Fahrt, die sich aber gelohnt habe. „Durch die günstigen Klimaverhältnisse waren wir mit unseren Produkten immer ein bisschen früher dran und hatten entsprechend Kundschaft.“ Korn für Korn, Dubbe für Dubbe. Es ist schon Arbeit, die 30 Reihen zu füllen. Dabei hatten die Eichbergers die schlimmste Arbeit schon verrichtet – „den Boden geschort“. Wieder ein fragender Blick, dann die Übersetzung: „Das ist ein alter Ausdruck für umgraben. Mindestens eine Spatentiefe muss die Erde gelockert werden, denn der Rettich soll nach unten wachsen können“, erklärt die Expertin. Außerdem sei das Beet mit einer kleinen Harke zwei- bis dreimal bearbeitet worden, um die Beikräuter zu unterdrücken. Puh. Wenn 30 Reihen à zehn Dubbe schon so viel Arbeit machen, mag man sich gar nicht vorstellen, wie das früher war, als Mairettich noch felderweise angebaut wurde. Der Aufwand ist sicher ein Grund, warum Mairettich heute nicht mehr erwerbsmäßig angebaut wird. Inzwischen hat ihn eine EU-Vorschrift zudem ganz vom Markt gekegelt: Mairettich darf ausschließlich privat angebaut werden. Zum Glück gibt es den Schifferstadter Herbstmarkt, da kommen auch Menschen ohne grünen Daumen in den Genuss, die Wurzel mit dem feinen Geschmack zu kosten – wenn denn das mit dem Anbau hier was wird. Doch auch ein zweiter schweifender Blick über den Garten bestätigt: Hier wächst und gedeiht es. Sicherheitshalber spannt das Ehepaar ein Netz über seine jüngste Aussaat. Auf dass es gefräßige Nacktschnecken und fiese Rettichfliegen abhalte. Eichbergers retten heute alte Sorten, früher sind sie neue Wege gegangen. Bereits vor etwa 35 Jahren haben sie sich von der Bio-Idee anstecken lassen. Begonnen hat alles mit der Suche nach einer guten Kartoffel. „Alles, was man kaufen konnte, hat uns nicht geschmeckt“, erinnert sich Karl-Heinz Eichberger. Beim Recherchieren stießen sie auf den Pfälzer Arbeitskreis für naturgemäßen Landbau. Und über diesen auf die ersten Seminare zum Thema Bio – außerhalb der Pfalz. „Hier hat noch kein Mensch was damit anfangen können.“ Anfangs ackerten die beiden auf einem gemieteten Stück Land außerhalb der Stadt. Später übernahmen sie den 1300 Quadratmeter großen Garten von Gisela Eichbergers Eltern. „Und jetzt sind wir mit der Bio-Idee alt geworden“, sagt Karl-Heinz Eichberger. Er kokettiert ein bisschen. Der Schifferstadter hat zwar knapp das 70. Lebensjahr überschritten, doch sieht man ihm das nicht an. Wie seine Frau, die etwas jünger ist, steckt er noch voller Tatendrang. Er hat das Imkern angefangen, weil Bienen gut für einen Biogarten sind – sie bestäuben Blüten und vertreiben mit ihrem Gebrumme Schädlinge. Er kümmert sich um die Biohühner, die selbstverständlich glücklich sind. Und gerne tüftelt Karl-Heinz Eichberger am Geschmack seines Weins. Ein kleines Fässchen pro Jahr wirft der eigene Anbau nämlich ab. Seine Frau zieht Paprikasamen. „Von einer Sorte, die es hier nicht gibt. Sie schmeckt süß. Einfach lecker.“ Sie päppelt kleine Zitronenbäumchen hoch. Und Spaß hat Gisela Eichberger zudem an Experimenten, etwa daran, Kohlrabi in der Einkaufskiste anzubauen. Ihr heißer Tipp für Menschen, die nur einen kleinen Garten oder Balkon haben. Außerdem kümmert sie sich um die Gemüseverarbeitung, darum, dass aus Weißkohl Sauerkraut und aus Tomaten Soße wird. Austausch mit anderen ist für die beiden Gartenfans wichtig. Den Pfälzer Arbeitskreis für naturgemäßen Landbau gibt es nicht mehr, dafür aber eben die Bio-Gartenfreunde Schifferstadt. Sie halten inzwischen auch schon seit über 30 Jahren zusammen, geben sich Tipps zu Biodüngern und wichtigen Mineralstoffen – haben allerdings für ein Problem noch keine Lösung gefunden: Nacktschnecken. „Dieses Jahr ist es so schlimm, dass mein Mann sogar nachts noch mal rausgeht, um sie einzusammeln. Zum Glück machen das andere in der Stadt auch. Ich hatte schon Angst, man könnte uns für verrückt halten.“ Hoffentlich lassen die kleinen Schleimer den Mairettich in Ruhe. Schließlich wollen wir in ein paar Wochen probieren, was heute gesät wurde. Auf der anderen Seite: Kann man es den Schnecken verdenken? Wir haben inzwischen ja auch Mirabellen gefuttert, Tomaten genascht und Zucchini eingepackt. Der Eichberger-Garten in der Ludwigstraße macht glücklich. Und satt. Genau das Richtige für Lecker-Schmecker.

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