Dudenhofen
Meilenstein für Südtangente
Einige der rund 20 Zuhörer bei der Ortsgemeinderatssitzung am Donnerstagabend in der Festhalle mussten mangels Sitzgelegenheiten wegen der Corona-Auflagen das Geschehen im Stehen verfolgen. Bei einer Nein-Stimme von Jürgen Amann (Grüne) und vier Enthaltungen beschloss der Rat die Aufstellung des Bebauungsplans „Gewerbegebiet – Südliche Erweiterung/Südtangente“. Nun muss der Landesbetrieb Mobilität (LBM) grünes Licht geben und es müssen weitere Behörden und Träger öffentlicher Belange gehört werden.
Die vom Planungsbüro Piske formulierte „Zielvorgabe“: Dudenhofen beabsichtigt im Süden die Ausweisung eines neuen Gewerbegebietes – die Erweiterung des bestehenden rechts der Harthauser Straße um 6700 Quadratmeter – sowie links einer südlichen Umfahrung des Orts. Begründet ist das Vorhaben mit „einem erheblichen Bedarf an gewerblichen Baugebieten, Arbeitsplätzen“. Die Südtangente – direkte Verbindung zwischen der L537 (nach Harthausen) und der K27 (nach Berghausen) – soll eine „Entlastung der Gemeinde vom Durchgangsverkehr zur oder von der B9“ bringen.
Ausgebaut werden soll die Südtangente auf einer Länge von 650 Metern, weitere 180 Meter sorgen für die Anbindung an die Harthauser Straße. Die Fahrbahnbreite soll acht Meter betragen – plus beidseitig 1,50 Meter breite Banketten. Piske rechnet damit, dass durch Gewerbegebiet und Straße 12.790 Quadratmeter Fläche versiegelt werden: Ackerflächen, aber auch Streuobstwiesen und Offenbrachen würden verloren gehen. „Nicht gänzlich ausschließen“ will Piske das Vorkommen besonders geschützter Arten im Planungsgebiet.
Jürgen Creutzmann (FDP) freute schlicht, „dass es endlich los geht“. Wenn „denn der Wiedehopf oder ein anderer Vogel“ die Ausführung nicht verhindere. Wilhelm Kannegießer (SPD) plädierte für die Beibehaltung der Berghauser Straße und von ihr aus eine zweite Anbindung an die Südtangente: „Nach Berghausen erst Richtung Harthausen, den Umweg über die Südtangente zu fahren, wäre kontraproduktiv“, fand er. Marcus Mönig (CDU) wünschte sich dagegen die Berghauser Straße künftig als „Sackgasse“. Auch Beigeordneter Reinhard Burck (Grüne) war für deren „Schließung“. Für Planer Ulrich Villinger wäre es „sinnvoll, die Berghauser Straße abzuhängen“. Eine zweite Anbindung koste Geld – ohne die Mittel für den Grunderwerb bereits 300.000 Euro – und bilde einen Unfallschwerpunkt.
Schon lange gewünscht
Die Südtangente war bereits 1999 im Flächennutzungsplan der Gemeinde dargestellt und geisterte in den Folgejahren immer mal wieder durch Absichtserklärungen und Haushaltsplanentwürfe. 2010 verabschiedete der Rat den Bebauungsplan „Gewerbegebiet – Südliche Erweiterungstangente“. Im Anschluss an das Zusammengehen mit Römerberg schrieb der damalige Dudenhofener Ortsbürgermeister Peter Eberhard (CDU) im Mai 2012 eine Prioritätenliste, für was die vom Land zugesagte „Hochzeitsprämie“ von 580.000 Euro ausgegeben werden soll. An erster Stelle notierte er die Südtangente. Kostenvoranschlag: 920.000 Euro. Ein Jahr später musste er verkünden: „Nach Rücksprache mit der Kreisverwaltung besteht für den Bereich Südtangente vor der abschließenden Klärung der artenschutzrechtlichen Zulässigkeit der Planung keine Möglichkeit die Flächennutzungsplanänderung zu genehmigen.“
2015 wurde mit einer geänderten Trasse ein neuer Versuch angestoßen. Im März 2019 war LBM-Leiter Martin Schafft Gast in einer Sitzung des Bau- und Hauptausschusses. Zur Frage, wie er die Chance einer Befürwortung der Südtangente durch seine Behörde einschätze, sagte Schafft damals: „Wesentliche Entscheidungskriterien sind das Kosten-Nutzen-Verhältnis und innerörtliche Konsequenzen.“ Wie lange der LBM prüfen werde, konnte Schafft damals nicht klar beantworten. Das von Peter Eberhard bei der Ausschusssitzung genannte Zeitfenster, bis die Südtangente umgesetzt sein könnte: „Ich schätze weitere fünf bis sieben Jahre.“
Kommentar: Chance verstrichen
Standen im Gemeinderat Dudenhofen die Themen Südtangente oder Bürgerpark auf der Tagesordnung oder in Haushaltsplanentwürfen, wiederholte Reinhard Burck für die Grünen mehr als 20 Jahre lang sein Gebetsmühlen-Mantra der Ablehnung: Beide Projekte seien nicht notwendig, Naturflächen würden durch sie zerstört und versiegelt, und seltene Arten seien gefährdet. Am Donnerstagabend enthielten sich – mit Ausnahme von Jürgen Amann – die Grünen und Burck, der inzwischen Beigeordneter mit Geschäftsbereich einer Dreier-Koalition ist, im ersten konkreten Schritt zur Umsetzung einer Südtangente der Stimme. Neue Erkenntnisse können sie nicht zum Umdenken bewogen haben. Es gibt keine. Die breite Zustimmungsmehrheit hätte ein Ausscheren der Grünen auch nicht gefährdet. Warum also das Wegducken? Die Chance, der Öffentlichkeit beziehungsweise den Wählern – vergangenen wie möglichen künftigen – ihr Verhalten zu erklären, ließen die Grünen und Burck, die sonst nicht um Worte und Stellungnahmen verlegen sind, verstreichen. Wie Burcks Beigeordneter-Kollege Hartmut Lardon von der FDP, der sich ebenfalls nicht (mehr) entscheiden konnte. Wo doch die Liberalen immer Fortschritte in Sachen Südtangente anmahnten. Interessant wird sein: Wie arrangiert sich die Koalition beim Bürgerpark? Auf welche Bootsseite wechselt dann die SPD?