Rhein-Pfalz Kreis Mehr Wildblumen, mehr Rebhühner

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Ob Hase, Rebhuhn, Hamster oder Kiebitz: Die Vielfalt und der Bestand von Tierarten in Feld und Flur sind in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Ganz Europa habe seit 1980 durch intensive Landwirtschaft 300 Millionen Vögel verloren, sagen Experten. Die Hauptgründe sind, dass die Tiere in den mit chemischen Keulen behandelten Monokulturen wie Mais- und Weizenfeldern keine Nahrung mehr finden, dass Brachflächen und Ackerränder ihnen keine Deckung mehr geben und dass sie beim Mähen und Pflügen regelrecht geschreddert werden. Der Rhein-Pfalz-Kreis und die Stadtgemarkungen von Frankenthal und Ludwigshafen sind da keine Ausnahme. „Gerade in der Vorderpfalz wird viel Gemüse angebaut“, sagt Hegeringleiter Oskar Jung aus Bobenheim-Roxheim. „Da wird mitunter dreimal im Jahr geerntet. Und die Zeit dazwischen reicht für die Vögel nicht, um eine Brut großzuziehen.“ Als Vertreter der Jägerschaft in diesem Gebiet hat Jung neulich mit Unterstützung des Landesjagdverbands rund 50 Menschen an einen Tisch geholt, denen der Verlust des Niederwilds nicht egal sein sollte. Denn es gilt als Gradmesser für die Güte einer Kulturlandschaft. Ein wissenschaftliches Projekt im Landkreis Göttingen zum Schutz des Rebhuhns hat die Zusammenhänge deutlich aufgezeigt: Wenn in der Landwirtschaft die Biodiversität verloren geht, wenn Hecken, Grassäume und kräuterreiche Feldränder aus der offenen Landschaft verschwinden, sieht man auch keine Bienen, Käfer und Schmetterlinge mehr und bald danach kaum noch Kaninchen, Feldlerchen und Rebhühner. Fressfeinde wie Greifvögel oder Füchse tun dann das Übrige, um die Populationen zu dezimieren. Im Göttinger Rebhuhnprojekt konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass sich der Bestand dieser Bodenbrüter in bestimmten Gebieten in drei Jahren verzehnfachen lässt, wenn auf sieben Prozent der Ackerfläche sogenannte Blühstreifen angelegt werden. Das sind Flächen, auf denen nach dem Ausbringen einer für die Region geeigneten Saatgut-Mischung blütenreiche hohe Kräuter und Leguminosen (Hülsenfrüchtler) wachsen, die dem Niederwild als Nahrung und Deckung sowie zur Aufzucht des Nachwuchses dienen. „Ohne die Grundstückseigentümer und Landwirte funktioniert das aber nicht“, weiß Robert Ackermann vom Landesjagdverband, der in Bobenheim-Roxheim den Vertretern von Bauern, Jägern und Behörden die Sache näher gebracht hat. Denn erstens kostet das Saatgut Geld, und die Blühstreifen müssen unter Umständen gepflegt werden. Und zweitens liegt der Erfolg laut Ackermann auch in der richtigen Auswahl der Flächen. „Je mehr und je kleiner, desto besser“, sagt der Revierjagdmeister und spricht von einer mosaikartigen Verteilung der Blühstreifen, „damit das Niederwild auf seinem Weg von A nach B immer wieder in die Deckung verschwinden kann“. In Rheinland-Pfalz hat der Verband mit seinen schon 20 Jahre dauernden Versuchen, Landschaften für die Tierwelt aufzuwerten, unterschiedliche Erfahrungen gemacht. „Es gibt Regionen, wo das hervorragend läuft, und andere, wo gar nichts davon umgesetzt wird“, sagt Ackermann. Im Lehrrevier des Landesjagdverbands bei Bad Kreuznach erfreuen sich die Blumenwiesen bei Besuchern großer Beliebtheit, weiß Ackermann. „Auf Schildern erklären wir, was es damit auf sich hat, und wir beteiligen Kinder am Anlegen solcher Blühstreifen.“ Im Anschluss an seinen hiesigen Vortrag hätten sich Teilnehmer des Infoabends gleich für eine Sammelbestellung von Saatgut der Firma Saaten Zeller zusammengetan, berichtet Robert Ackermann erfreut. Die Mischung heißt „Lebensraum I“ und bietet bis zu fünf Jahre lang eine blütenreiche ganzjährige Deckung bis zu zwei Metern Höhe sowie Nahrung für Insekten, Vögel und Niederwild einschließlich Rehwild. Ein Kilogramm der Mischung kostet 18 Euro, zehn Kilo benötigt man für einen Hektar. „Das Ausbringen des Saatguts wird vom Land gefördert“, sagt der Revierjagdmeister und spricht einen weiteren wichtigen Punkt des Projekts an: die finanziellen Anreize für Landwirte, sich an der Verbesserung von Biotopen zu beteiligen. Zwei Förderprogramme der Europäischen Union zielen laut Ackermann darauf ab, doch sei es für die Bauern zum Teil sehr kompliziert, sich daran zu beteiligen. „Greening“ zum Beispiel, ein Programm zur Erhaltung von Dauergrünland, bringe einem Landwirt zwischen 300 und 600 Euro Zuschuss im Jahr, aber die Einhaltung der Regeln für Blühstreifen sei so schwer, dass viele auf das Geld verzichteten. Interessant sei das Förderprogramm Eulle, bei dem im Zeitraum 2014 bis 2020 EU-, Bundes- und Landesmittel in Höhe von 660 Millionen Euro für die rheinland-pfälzische Landwirtschaft und die Entwicklung ländlicher Räume zur Verfügung stehen. Robert Ackermann empfiehlt, dass sich Bauern und Projektgruppen beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) über Zuschüsse und wie man sie bekommt beraten lassen. Wie geht es in Oskar Jungs Hegering Nord nun weiter? „Etliche Landwirte wollen mitmachen und auch die Firma Süd-Müll auf ihrem Deponiegelände in Heßheim“, sagt der Bobenheim-Roxheimer erfreut. „Im Frühjahr wird das Saatgut ausgebracht.“ Seiner Ansicht nach gibt es außer Blühstreifen noch weitere Möglichkeiten, die hiesige Landschaft aufzuwerten. Seinen dringendsten Wunsch richtet Jung an alle Besitzer von Wiesenflächen, vor allem an die Kommunen: „Bitte dort von April bis Mitte Juli nicht mähen!“ Das sei die Brut- und Setzzeit, und das A und O für Niederwild seien dann die Rückzugsräume. Und für alle, die nicht verstehen, was er meint, hat er einen brutalen Satz parat: „Eine Rebhuhnhenne lässt sich leider lieber von der Mähmaschine zerfleischen, als ihr Gelege zu verlassen.“

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