Mutterstadt
Mehr als nur ein Kartengruß – Inspirationen einer Ausstellung
Alle Jahre holt Birgit Bauer, Leiterin der Mutterstadter Bibliothek, ihre ganz besonderen Weihnachtskarten aus dem Schrank –aus Sentimentalität, als schöne Erinnerung und weihnachtliche Dekoration. Einen ähnlichen Brauch gibt es auch in Großbritannien. Dort werden den Lieben in der Vorweihnachtszeit besondere Karten geschickt, die dann bei den Empfängern auf dem Kaminsims oder aufgehängt an einer Girlande ganz dekorativ präsentiert werden. Eine wundervolle Tradition, die sich doch auch gern hier bei uns durchsetzen könnte. Wenn, ja wenn man sich denn überhaupt noch besondere Karten schicken würde. So wie früher! Aber wer weiß das denn noch, wie das früher so war, fragte sich Birgit Bauer. Und schon war die Idee zur Ausstellung „Weihnachtskarten früher und heute“ geboren, die ab Montag, 22. November, in den Bibliotheksräumen gezeigt wird.
„Nie hätte ich gedacht, dass die Mutterstadter noch so viele Weihnachtskarten aufgehoben haben“, erzählt sie begeistert. Etwa 140 Exemplare wurden der Bibliothek für die Schau zur Verfügung gestellt, zuvor hatte Birgit Bauer im Amtsblatt um die Exponate gebeten. Aber nicht nur die Anzahl überraschte, auch die vielen Schätze darunter. Dem Bücherei-Team wurde die Auswahl wahrlich nicht leicht gemacht. Herausgekommen ist eine entzückende Ausstellung privater Kartengrüße, die zeitlich und auch thematisch, zum Beispiel nach Ländern, sortiert ist.
Mit der Feldpost gekommen
Eine der ältesten Karten ist mit der Feldpost gekommen, ein Soldat im Ersten Weltkrieg hat darauf selbst Tannenzweige, eine Kerze und Glocke gemalt. Der Gruß ist knapp, denn es sollten ja bekanntlich so wenige Details wie möglich von der Front über den Postweg ins Landesinnere gelangen und womöglich der Propaganda zuwiderlaufen. Besonders solche selbstgemalten Karten sind kleine Unikate, für die sich die Menschen, die getrennt von ihren Familien waren, viel Mühe gegeben haben. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die Daheimgebliebenen sich darüber gefreut und den ersehnten Kartengruß in Ehren gehalten haben, war es doch auch ein hoffnungsvolles Lebenszeichen des geliebten Ehemanns, Vater, Sohns, Bruders oder Onkels im Krieg.
Wunderschön sind auch die gedruckten Karten, manche filigran ausgestanzt und mit Glitzereffekten, dazu die Neujahrsgrüße in verschnörkelter Sütterlin-Schrift – es braucht wirklich nicht viel, um den Betrachter zu verzaubern. „Interessant ist auch, dass unter den älteren Karten mehr Neujahrs- als Weihnachtsgrüße waren“, sagt Birgit Bauer, „doch der Grund leuchtet ein: In dem mageren Jahren war das neue Jahr eben das Symbol für die Hoffnung auf bessere Zeiten.“
Kunstvoll und mit Goldprägung
Aber auch in den Jahrzehnten nach dem Krieg waren Weihnachtskarten kleine Schmuckstücke. Die Möglichkeiten des Drucks entwickelten sich weiter, die Karten wurden kunstvoller und aufwendiger hergestellt. Goldprägungen etwa waren populär – prunkvolles Beispiel der Ausstellung ist dafür eine Karte aus China. Engel, Weihnachtsmänner, St. Nikolaus, pausbäckige Kinder, Christbäume, Schneelandschaften, religiöse Szenen, aber auch lustige Karikaturen – mit allem erdenklich Weihnachtlichen sind die ausgestellten Karten verziert. Und es ist spannend zu sehen, schon wie die Art der Darstellung sich geändert und von den Trends der Jahrzehnte geprägt wurde.
Besonders aber fallen die selbst gemachten Karten ins Auge, zum Beispiel der Weihnachtsgruß aus Indien: Liebevoll hat die Absenderin (eine Entwicklungshelferin) mit Tusche auf Pergamentpapier einen Buddha gezeichnet. Aus dem Erzgebirge kommt ein auf die Karte gestickter goldener Stern. Und auf einer anderen Karte sind die Grüße einer Künstlerin mit zart verlaufenden Aquarellfarben schwungvoll geschrieben, die Schrift allein ist hier das Kunstwerk. „Das nennt man Handlettering und ist wieder sehr gefragt“, weiß Birgit Bauer. Und sie hofft, dass sie mit der Ausstellung vielleicht auch einen Trend setzt und die Lust, mal wieder Weihnachtskarten zu schreiben oder gar selbst zu gestalten, wieder weckt. Etwas Wertvolles gestalten, das auch dann hoffentlich wertgeschätzt wird, nachhaltig denken - das ist ja im Moment in aller Munde. „Wie schnell ist doch ein digitaler, virtueller Weihnachtsgruß per WhatsApp oder E-Mail gelöscht und somit auch aus dem Gedächtnis verschwunden“, fragt Birgit Bauer.
Wer mit seinen weihnachtlichen Grüßen nicht so schnell in Vergessenheit geraten möchte, kann beim Workshop mitmachen, mit dem die Ausstellung um 16 Uhr in den Bibliotheksräumen eröffnet wird. Bei diesem werden - selbstredend - Weihnachtskarten gebastelt. Nur sollte man sich dafür in der Bibliothek anmelden unter Telefon 06234 946494 oder per E-Mail an gemeindebibliothek@mutterstadt.de.