Rhein-Pfalz Kreis „Man sollte einen kühlen Kopf bewahren“

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Herr Schneider, wie ist das, wenn man abends im Urlaub seine Gemeinde in den Nachrichten sieht? Schneider:

Zunächst ist man schockiert. Das muss ich schon sagen. Ich sehe unsere Gemeinde ja sehr gern – aber nicht in einem solchen Zusammenhang. Ich konnte es erst gar nicht glauben, aber der Fall ist schnell Realität für mich geworden. Das Handy stand ja nicht mehr still. Wer hat denn alles angerufen? Schneider: Ihre E-Mail hat mich zuerst erreicht. Nachrichten bekommt man auf dem Smartphone ja gleich angezeigt. Darüber habe ich auch erfahren, was los ist und habe gleich im Rathaus angerufen. Da wusste aber niemand etwas Genaues. Mit der Zeit hat sich zum Glück herausgestellt, dass es anfangs dramatischer klang als es war. Zunächst war ja von einem hochrangigen IS-Funktionär die Rede. Und mir war nicht recht klar, ob es nun einen Anschlag gab oder nur eine Verhaftung. Zum Glück nur Letzteres. Und der Verhaftete ist „nur“ noch ein Verdächtiger. Haben Sie außer amtlichen Telefonaten auch andere Gespräche geführt – mussten Sie Verwandte und Bekannte beruhigen? Schneider: Später am Abend habe ich private Gespräche geführt. Aber ich hatte an diesem Tag auch Geburtstag. Von daher kann ich mir das Datum sehr gut merken ... Sie haben den Urlaub abgebrochen. Wegen dieses Vorfalls und der unklaren Nachrichtenlage? Schneider: Wir sind einen Tag früher los. Es hat aber ohnehin geregnet. Und wenn es im Berchtesgadener Land mal regnet, dann regnet es richtig. Als wir auf der Autobahn waren, hat wieder mein Handy geklingelt. Es war Uwe Stein, der Leiter der Polizeiinspektion Schifferstadt. Er wollte mir erklären, warum wir als Verwaltung nicht über das Unterfangen des Spezialeinsatzkommandos unterrichtet wurden. Solche Aktionen sind seinen Angaben nach so geheim, dass nicht einmal die Polizei vor Ort vollauf darüber im Bilde war. Wichtig ist einfach, dass durch Nichts der Einsatz gefährdet wird und im Vorfeld keine Informationen nach außen gelangen. Insofern dient die Geheimhaltung natürlich auch unserem Schutz – so können wir erst gar nicht in den Verdacht geraten, etwas verraten zu haben. Sie waren auf der Autobahn, hatten eine gute Strecke vor sich. Da hat man Zeit – wenn mal nicht das Handy klingelt – sich Gedanken zu machen. Das Thema IS und Terror ist durch den Vorfall näher gerückt. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen? Schneider: Als erstes habe ich an die Flüchtlinge hier vor Ort gedacht. Mich gefragt, ob es jetzt Probleme gibt. Leidet die Bereitschaft, ehrenamtlich etwas zu tun? Werden die Bürger ängstlicher – beispielsweise sich in der Öffentlichkeit zu bewegen? Eigentlich hört man immer nur in den Metropolen von Anschlägen und Verhaftungen. Auf einmal scheint die Größe einer Kommune aber keine Rolle mehr zu spielen. Obwohl – das bleibt zu betonen: Es war kein Anschlag, sondern nur eine Verhaftung. Und bei der hat auch der Zufall noch eine Rolle gespielt. Wie war das bei Ihnen, Frau Franz-Yilmaz? Franz-Yilmaz: Mich hat die Nachricht auch im Urlaub erreicht. Allerdings war ich in Mutterstadt – und dadurch relativ schnell sehr gut informiert. Ich wusste zum Beispiel, bei welcher Familie der Einsatz stattgefunden hat. Ich muss sagen, dass ich im ersten Moment schon schockiert und auch verunsichert war. Man fragt sich dann ja sofort, wo der Kontakt zu so einem Terrorverdächtigen eigentlich herkommt. Wie der hierher nach Mutterstadt gelangt ist. Und was er ausgerechnet mit dieser Familie zu tun hat. Kennen Sie die Familie denn? Franz-Yilmaz: Ja, ich hatte schon vor dem Vorfall öfter Kontakt zu dieser Familie – zum Beispiel, wenn sie hierher ins Rathaus gekommen ist, wegen schulischer oder medizinischer Angelegenheiten. Dabei habe ich die Mädchen und ihre Mutter eigentlich als sehr zugänglich und aufgeschlossen kennengelernt. Umso schwerer waren die Geschehnisse für mich in Einklang zu bringen. Aus dem Rathaus hieß es zunächst, in der Wohnung würde nur eine Mutter mit zwei Töchtern leben. Wo kommen nun der Vater und die Oma her? Geib: Die Familie lebt auf verschiedene Wohnungen verteilt. Die Mutter und die Töchter wohnen in einer. Dann war die Antwort aber schon etwas getrickst. Drei Frauen alleine oder eine komplette Familie: Es sind generell unterschiedliche Informationen an die Medien gelangt. Wie haben Sie die Berichterstattung wahrgenommen? Geib: Für mich hatte das Ganze zwei Seiten. Auf der einen kann ich verstehen, dass es ein Bedürfnis nach Informationen gibt, auf der anderen sollte man auch Rücksicht auf die Betroffenen nehmen. Die Mutterstadter Familie war ja nicht verdächtig. Franz-Yilmaz: Es kommt dazu, dass die Familie selbst etwas zu verarbeiten hatte. Der Schock ist auch für sie groß gewesen. Das gilt übrigens genauso für andere Bewohner des Hauses, die ebenfalls Flüchtlinge sind und bei denen das vermummte Spezialeinsatzkommando Ängste ausgelöst hat. Der Trubel und das riesige Interesse an den Tagen danach haben das natürlich nicht besser gemacht. Schneider: Mutterstadt hat es sogar in die New York Times geschafft. Allerdings war es kein schönes Thema, mit dem unsere Gemeinde in der Weltöffentlichkeit stand. Das Haus war am Tag nach Bekanntwerden der Festnahme in vielen Medien zu sehen, einige haben Interviews mit der Familie geführt, die teils weitere Fragen aufwarfen. Hätten Sie sich mehr Zurückhaltung gewünscht? Schneider: Der Schutz der Familie ist wichtig. Wir versuchen, Flüchtlinge dezentral unterzubringen, damit sie nicht so auf dem Präsentierteller sitzen – Ausnahme sind die Container auf dem AC-Parkplatz. Es gibt schließlich Leute, die Asylbewerbern nicht so positiv gegenüberstehen. Mit Bildern von dem Haus werden natürlich unsere Bestrebungen unterlaufen. Der Standort ist markant. Mit dem Getränkehändler im Hintergrund – da weiß jeder, wo das Haus steht. Geib: Für mich war die Berichterstattung am ersten Tag okay, am zweiten wurde es mit Bildern vom Haus und den Interviews schwieriger. Als der Druck der Medien wuchs, haben wir versucht, die Sache zu lenken, indem wir eine Mitarbeiterin und einen Dolmetscher stellten. Alles in allem denke ich, die Berichte waren in Ordnung. Nach unserem Wissensstand ist ein 24-jähriger Terrorverdächtiger festgenommen worden, als er gerade seine 14-jährige Verlobte besuchte, die er erst seit Kurzem kannte. Lässt sich das dem durchschnittlichen Mitteleuropäer irgendwie vermitteln? Schneider: Wir wissen ja gar nicht, ob die Geschichte stimmt: Die 14-Jährige und der 24 Jahre alte Mann aus Syrien haben sich zufällig in Mannheim kennengelernt, stammen aber aus dem gleichen Dorf ...? Vielleicht kannten Sie sich ja schon. Generell ist es aber wohl so, dass man in diesem Kulturkreis die Verlobung braucht, um sich überhaupt treffen und gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigen zu können. Geib: Für uns ist es schwierig nachzuvollziehen, wie und warum Bindungen geknüpft werden. Wir können auch nur schwer einschätzen, welche Qualität hinter dem Begriff „Verlobung“ steht. Franz-Yilmaz: Ich denke auch, dass das eine Art Legitimation war. Damit alles seine Ordnung hat. Unsere Einsicht reicht leider nicht so tief, dass wir das verstehen oder erklären können. Daher finde ich es besonders gut, dass bei uns im kommenden Monat ein neuer Betreuer seine Arbeit aufnimmt. Arabisch ist seine Muttersprache und er wird bestimmt eine große Bereicherung für die Arbeit mit den Flüchtlingen sein. Schneider: Er wird bei uns angestellt. Er ist um die 40 und bringt Lebenserfahrung mit. Ich glaube, dass er uns viele Fragen aus dem anderen Kulturkreis beantworten und manche Brücke schlagen kann. Die Aufregung nach dem SEK-Einsatz war schon groß. Ist es jetzt um den Fall ruhiger geworden, oder beschäftigt er die Leute im Ort noch? Schneider: Die ersten beiden Tage nach dem Bekanntwerden war der Vorfall das absolute Gesprächsthema. Aber inzwischen ist es total abgeebbt. Und ich muss sagen: Hysterie gab es überhaupt nicht. Viele Leute haben es sachlich gesehen: Es war eine Verhaftung, kein Anschlag. Ich glaube auch, es bleibt nichts Negatives zurück. Die Leute sind vielleicht sensibler, das ja. Aber sonst läuft alles wie vorher. Franz-Yilmaz: Das kann ich für die Ehrenamtlichen bestätigen. Die haben am Anfang natürlich Fragen gehabt. Was war da los? Wie konnte das passieren? Sie wollten aber einfach nur informiert werden. Sie achten jetzt vielleicht noch ein bisschen mehr auf Kleinigkeiten, aber Misstrauen ist nicht aufgekommen. Die Leute engagieren sich weiter, es hat sich niemand zurückgezogen. Gab es Kritik? Forderungen? Schneider: Nein, an uns nicht. Allerdings sind wir in der Verwaltung sensibler geworden: Kommen uns Dinge seltsam vor? Passt da etwas nicht? Fällt jemand negativ auf. Das sind Fragen, auf die wir im Kontakt mit den Flüchtlingen achten. Auch die Ehrenamtlichen haben sich bisher schon nicht gescheut, vorsichtshalber mal bei der Polizei anzurufen. Haben Sie inzwischen mehr über den Einsatz und den Terrorverdächtigen erfahren? Schneider: Nein, gar nichts. Haben Sie für sich ein Fazit aus der Sache gezogen? Haben sich Ihr Verhalten oder die Einstellung geändert? Franz-Yilmaz: Ich denke, wir sollten uns unsere Offenheit auf jeden Fall bewahren. Es spricht nichts dagegen, aufmerksam zu sein, aber man darf die Leute nicht alle über einen Kamm scheren und jeden verdächtigen. Das wäre einfach falsch. Schneider: Man sollte immer einen kühlen Kopf bewahren. Viele Dinge relativieren sich ganz schnell: Aus einem führenden IS-Kopf ist ein Verdächtiger geworden. Was die Zukunft der Flüchtlinge bei uns im Ort anbelangt, bin ich positiv gestimmt. Es gibt viele Begegnungen zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Es sind schon viele persönliche Kontakte aufgebaut worden.

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