Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Müll in Flammen: Falsch entsorgte Batterien stürzen Recyclingbetriebe in die Krise

Im Juni entstand in Schifferstadt ein Brand beim Umschlag des gelben Sackes für die Weiterverarbeitung in der Sortieranlage. Ein
Im Juni entstand in Schifferstadt ein Brand beim Umschlag des gelben Sackes für die Weiterverarbeitung in der Sortieranlage. Ein Mitarbeiter der Firma Jakob Becker fand laut Dirk Kehrer damals mehrere unsachgemäß entsorgte Einweg-E-Zigaretten.

Einweg-E-Zigaretten, Grußkarten, Akkus: Unsachgemäß entsorgte Lithium-Ionen-Batterien kosten Entsorgungsbetriebe Millionen. Welche Maßnahmen ein Experte fordert.

Herr Kehrer, beim Entsorgungsbetrieb Jakob Becker hat es wegen unsachgemäß entsorgter Lithium-Ionen-Batterien zuletzt mehrfach gebrannt – sowohl in Schifferstadt als auch in Sembach. Wie herausfordernd ist dieses Problem für die Abfallwirtschaft?
Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Für die Recyclingwirtschaft ist es existenzbedrohend, wenn immer wieder hohe Kosten entstehen, weil unsachgemäß entsorgte Lithium-Ionen-Batterien dafür sorgen, dass Tonnen von Müll in Flammen stehen oder ganze Anlagen in Brand geraten.

Haben Entsorgungsbetriebe wie Jakob Becker an dieser Stelle technische Möglichkeiten, um für sicherere Lagermöglichkeiten zu sorgen?
Natürlich gibt es technische Maßnahmen, wie zum Beispiel das verstärkte Vorhalten von Löschanlagen oder auch Branderkennungssystemen. Trotzdem werden Sie immer wieder Brände haben. In Deutschland werden aktuell rund 30 Brände täglich in Abfallwirtschaftsbetrieben oder in Fahrzeugen aus Abfallwirtschaftsbetrieben bekannt.

Warum können Lithium-Ionen-Batterien denn überhaupt in Brand geraten?
Diese Batterien haben eine sehr hohe Energiespeicherkapazität, also richtig Power. Denn Ihr Handy soll ja am besten eine Akkulaufzeit von einer Woche haben. Aber wenn die hochgeladene Zellchemie dieser Batterien einen Schaden erfährt, und dafür reicht manchmal schon ein einfaches Biegen, dann gibt's einen internen Kurzschluss. Dann entlädt sich diese ganze Energie, die Ihr Handy in vier Tagen verbrauchen würde, innerhalb von einer oder zwei Sekunden. Das ist dann wie ein Lichtbogen.

Im Wesentlichen sind Entsorgungsfirmen also darauf angewiesen, dass alle Bürger mitziehen und insbesondere Lithium-Ionen-Batterien auf keinen Fall in den normalen Hausmüll werfen?
Ja, es ist absolut notwendig, dass die Gesellschaft dieses Problem erkennt und entsprechend mitarbeitet. Elektronisch „singende“ Gruß- oder Geburtstagskarten, die viele ins normale Altpapier geben statt sie ordnungsgemäß als Elektroschrott zu entsorgen, sind zum Beispiel ein großes Problem für uns. Aber auch Einweg-E-Zigaretten werden in großer Zahl unsachgemäß über den Restmüll oder den gelben Sack entsorgt.

Dirk Kehrer (57) ist Vertriebsleiter Elektro-/Elektronikaltgeräterecycling beim Entsorgungsbetrieb Jakob Becker.
Dirk Kehrer (57) ist Vertriebsleiter Elektro-/Elektronikaltgeräterecycling beim Entsorgungsbetrieb Jakob Becker.

Das ist aber doch der springende Punkt, wenn wir über gesamtgesellschaftliche Verantwortung sprechen: Viele Menschen sind schlichtweg zu bequem, um zum Beispiel ihre Einweg-E-Zigaretten zurück zur Verkaufsstelle oder zur Sammelstelle für Elektroschrott zu bringen.
Genau. Das sehe ich auch so. Deshalb wird man dieses Problem mit einfachen Mitteln aus meiner Sicht auch nicht lösen. Es bedarf gezielter Maßnahmen.

Welche meinen Sie damit konkret?
Der Gesetzgeber könnte zum Beispiel die Hersteller von Elektrogeräten dazu verpflichten, einen gemeinsamen Fonds zu finanzieren. Diese Gelder könnten dann Schadenskosten abdecken, die durch Brände in den Entsorgungsbetrieben entstehen. Tatsächlich werden aufgrund der schieren Menge von Bränden heutzutage ja gar nicht mehr alle der Versicherung gemeldet. Denn je häufiger man das als Betrieb tut, desto schwieriger wird es, überhaupt noch eine Versicherung zu bekommen.

Eine finanzielle Schadensbegrenzung für die Entsorgungsbetriebe bedeutet aber nicht weniger Brände durch vom Bürger falsch entsorgte Batterien.
Das stimmt. Soll die Ursache der zunehmenden Brände in Entsorgungsbetrieben durch Lithium-Ionen-Batterien angegangen werden, dann müsste beispielsweise über ein Pfandsystem gesprochen werden, das die Menschen dazu bringt, Elektrogeräte ordnungsgemäß zu entsorgen. Oder es müsste ein gänzliches Verbot für Produkte wie zum Beispiel Einweg-E-Zigaretten aufgerufen werden. Frankreich und Belgien haben ein solches bereits durchgesetzt.

Unabhängig vom Thema Lithium-Ionen-Batterien: Was braucht es gesellschaftlich gesehen, damit Nachhaltigkeit und Müllvermeidung zu absoluten Top-Prioritäten werden?
Leider scheinen wir eine Gesellschaft zu haben, die sich in großen Teilen am liebsten nicht ändern möchte. Aus meiner Sicht gibt es in Deutschland insgesamt einen recht sorglosen Konsum. Nachhaltigkeit und der Stellenwert von Natur scheinen hingegen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Auch in meinem Bekanntenkreis höre ich immer wieder dieses fast schon typische Argument: Ja, ich soll mich jetzt hier persönlich anstrengen, Müll trennen, die Natur und das Klima retten, aber ein Herr XY heiratet in einer tollen Lagunenstadt, und da kommen dann alle mit dem Privatjet? Irgendwo muss man aber doch anfangen mit dem nachhaltigen Umweltschutz – und jeder kann im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten ein Vorbild sein.

Welche Erwartung haben Sie persönlich an dieser Stelle an die Politik?
Ich bin wirklich ein sehr freiheitsliebender Mensch. Aber ich finde durchaus, dass Politik gerade bei Umweltthemen die Aufgabe hat, eine Gesellschaft ein Stück weit zu erziehen. Anderen europäischen Ländern – etwa den skandinavischen – gelingt das aus meiner Sicht auch ganz gut.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das Problem in Deutschland?
Meiner Meinung nach wird zu viel in Legislaturperioden gedacht, und an vielen Stellen fehlt echter politischer Wille. Das wird auch am Beispiel des Elektrogesetzes sehr deutlich. In der letzten Legislaturperiode kam statt des großen Wurfs mit der erwarteten Novelle lediglich ein Novellchen mit wenigen Ambitionen zustande. Und selbst dieses wurde dann wegen der vorgezogenen Bundestagswahl nicht mehr verabschiedet. Wir sind gespannt, wie wichtig die aktuelle Regierung das Thema nimmt.

Wenn Sie selbst Politiker wären, welche Maßnahme in Sachen Entsorgung von Lithium-Ionen-Batterien würden Sie auf den Weg bringen wollen?
Dem Vorbild Frankreich folgen und E-Zigaretten – unabhängig ob wiederaufladbar oder nicht – verbieten. Außerdem würde ich auf ein verursachergerechtes Kostenmodell setzen, die Recyclingkosten also nicht pauschal je nach Gewicht eines Elektrogeräts bemessen, sondern abhängig von dessen Zusammensetzung und Recyclingfähigkeit.

Zur Person

Dirk Kehrer (57) ist Vertriebsleiter Elektro-/Elektronikaltgeräterecycling und beim Entsorgungsbetrieb Jakob Becker am Standort Mehlingen tätig.

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