Bobenheim-Roxheim
Literaturfreunde: Einmal im Monat wird diskutiert
Im hintersten Raum der Gemeindebücherei im Pfalzring haben sie einen Stuhlkreis gebildet und trinken an diesem frühen Abend ausnahmsweise mal ein Schlückchen Sekt. Denn der Literaturkreis ist fünf Jahre alt geworden. Seine Gründerin Inge Merten hat sogar für jeden eine Kleinigkeit gebastelt. Die Seniorin ist froh, dass es diesen zwanglosen Klub noch gibt. Er hat ihr dabei geholfen, sich in Bobenheim-Roxheim einzuleben, als sie wegen ihrer Rolle als Großmutter dorthin gezogen war.
„Ich war vorher 25 Jahre lang in einem Literaturkreis in Offenbach bei Landau und wollte so etwas gern an meinem neuen Wohnort haben, also habe ich Irene Masih von der Gemeindebücherei gefragt“, erzählt Inge Merten. Die Leiterin der Einrichtung war hilfreich bei der Vermittlung von Gleichgesinnten und freut sich heute über das Leben, das einmal im Monat an einem Montag zwischen den Regalen einkehrt, wenn etwa zehn bis zwölf Literaturkreismitglieder für anderthalb Stunden bis zur Schließung der Bücherei um 19 Uhr miteinander ins Gespräch kommen.
Krimi sagt Teilnehmern nicht zu
An diesem Abend sind es acht Frauen und ein Mann, die in den vergangenen Wochen den Krimiroman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher gelesen haben. Er bildet die Vorlage für die ersten beiden Staffeln der TV-Serie „Babylon Berlin“. Vera Schönmann, mit 34 Jahren die Jüngste in der Runde, hat die Lektüre aus Neugier vorgeschlagen und stellt deshalb die Impulsfrage: „Findet ihr die Hauptfigur, Kommissar Gereon Rath, sympathisch?“ Nein, lautet der Tenor und damit setzt auch schon die Kritik am gesamten Roman ein. Niemand scheint den Bestseller wirklich gut zu finden, die meisten hätten ihn von sich aus nicht gelesen. Aber dem Zirkel zuliebe haben sie es doch getan. Trotz der langatmigen Stadtbeschreibungen, der Folterszenen und der fragwürdigen Rolle des Drogen konsumierenden Kommissars. „Die Serie hat mich verdorben für das Buch“, meint eine Teilnehmerin, die das Tempo im Roman viel zu langsam findet.
Gewürdigt wird der Krimi hingegen als ein Panorama Berlins in den 1920er- und 30er-Jahren. Einige der älteren Leserinnen erinnern sich an Erzählungen ihrer Eltern über diese Zeit, und das Gespräch nimmt private Formen an. Man tauscht sich über die Rolle der Frau früher und heute aus, über Büchervorlieben und die Angebote der Fernsehsender. Und so gibt und nimmt jeder etwas zum Nachdenken.
Werner Reutemann ist als einer von zwei Männern in der Runde noch nicht so lange dabei, findet es aber recht interessant. Er komme so auch mal mit anderen literarischen Sparten in Berührung, „zum Beispiel mit Frauenliteratur“, sagt er schmunzelnd. Krimis mag er nicht, außer den Kommissar-Kluftinger-Büchern aus seiner Heimat im Allgäu. Reutemann macht gern auch Wiederentdeckungen, „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz etwa oder dessen „Feuerschiff“, das im Zirkel als Nächstes gelesen wird.
Offenheit und Toleranz
Barbara Grözinger ist von Anfang an dabei und findet: „Man liest so ein Buch ganz anders, wenn man weiß, dass man es später hier bespricht.“ Sie findet es spannend zu hören, was die anderen aus dem jeweiligen Roman für sich herausziehen. Auch das Altersspektrum von Mitte 30 bis Mitte 80 macht die Treffen interessant für sie.
Inge Merten hatten in den vergangenen fünf Jahres beobachtet, das die anfangs eher schüchternen Teilnehmer mehr aus sich herausgegangen sind. „Ich bin sehr dankbar für diesen Kreis, er bedeutet mir sehr viel“, sagt sie. Und ihr gefällt die Offenheit und Toleranz. „Es kommt vor, dass jemand ein Buch gar nicht mag und dann wegen der positiven Bewertung eines anderen sagt: Dann lese ich es noch einmal.“
Termin
Der Literaturkreis trifft sich jeden dritten Montag im Monat von 17.30 bis 19 Uhr in der Gemeindebücherei von Bobenheim-Roxheim.