Mutterstadt
Liberi-Theater zeigt Aschenputtel als modernes Märchen
Eine in Lumpen gekleidete junge Frau, die von der Stiefmutter dazu verdonnert wird, Linsen zu zählen – das ist aus dem 1812 erstmals veröffentlichten Aschenputtel-Märchen bekannt. Als jedoch die Stiefmutter (Rosa Enzi) propagiert, dass dem „verdreckten Aschenmädchen“ (Anastasia Ivanova) für seine falsche Einstellung zur Arbeit nicht einmal der Mindestlohn zustehe, ist die Brücke zur Moderne geschlagen. In der Titelheldin keimen rebellische Gedanken, sie fühlt sich ungerecht behandelt. Bestärkt wird sie von der Fee (Sina Aimée Dekker): „Du musst wissen, wer du bist und wo dein Leben hingehen soll!“
Zunächst geht aber alles schief. So schüttet sie zum Beispiel dem als Bote getarnten Prinzen (Alexander Mikliss), der die Damen zum Ball in den Palast einladen möchte, einen Becher Wasser über den Schoß. Ihre – hier einzige - Stiefschwester Greta (Sandra Mennicke) hat gar kein Interesse am Prinzen, sie will lieber studieren und reisen: „Der Prinz kann mir gestohlen bleiben, der schielt und hat eine Gurkennase!“ Die Schwestern verstehen sich entgegen dem klassischen Vorbild gut, und auch Greta zeigt sich ihrer Mutter gegenüber störrisch: „Ich habe keine Lust, immer zu machen, was du willst!“
100 Prozent Eigenproduktion
Im Palast wird ebenfalls aufbegehrt. „Ich will nimmer kochen“, protestiert der Koch (Enzi in Doppelrolle) in breitem Österreichisch. Und König Alfons (René Britzkow) nimmt alles nicht so ernst. Als er seinen Diener (Dekker) fragt: „Was steht an?“ und der antwortet: „Der Ball!“, scherzt er: „Hand- oder Fußball?“ Für seinen Sohn, der sich längst unsterblich in Aschenputtel verliebt hat, hat er größtes Verständnis. „Hauptsache, du magst sie!“, wischt er dessen Bedenken fort, weil seine Angebetete keine Prinzessin ist. Und für diese hat sich mit Hilfe der Fee und einem herbeigezauberten Kleid ihr Traum erfüllt, auf dem Ball tanzen zu können. Dort erkennt sich das Liebespaar aufgrund der Masken zunächst nicht, doch nachdem der verlorene Schuh dann richtig zugeordnet wurde, wird Hochzeit gefeiert und dabei auf der Bühne ordentlich gerockt.
„Um die altbekannten Geschichten nach unseren Vorstellungen modern zu inszenieren, sind die Stücke von A bis Z Eigenproduktionen“, sagt Produzent Lars Arend. Die Texte von Helge Fedder, die Musik von Christoph Kloppenburg und Hans Christian Becker, das Bühnenbild und die Kostüme – alles werde selbst komponiert und umgesetzt, sagt Arend. Regie und Choreographie übernahm Caroline Pommert. Das junge Publikum war begeistert und hat die Botschaft verstanden: „Es ist schön, mal was ganz anders daraus zu machen“, sagt die sechsjährige Linda Ehwald, die mit ihrer gleichaltrigen Freundin Mila Bohland gekommen war.