Blickpunkt: Samowar
Leser berichten für die Serie „Gibt es das noch?“ von ihren exotischen Teekochern
Türkisches Pendant
Er ist aus Kupfer mit einem silber-glänzenden Überzug und reich verziert – „ist aber kein Samowar, sondern ein Caydanlik, ein türkischer Teekocher“, verrät Neclar Aygül aus Ludwigshafen. Gemeldet hat sie sich dennoch für unsere Serie, denn das Prinzip des Caydanlik ähnelt dem des Samowars. In beiden wird im unteren Behälter Wasser aufgekocht, mit dem wiederum die Teeblätter in der oberen Kanne aufgegossen werden. Diese Kanne thront auf dem Teekocher, so dass die Teeessenz von unten warmgehalten wird. Je nachdem, wie stark man seinen Tee liebt, kann der Tee aus der oberen Kanne mit heißem Wasser aus der unteren verdünnt werden.
Die 50-Jährige stammt aus Anatolien, lebt seit 25 Jahren in Deutschland und besucht regelmäßig ihre Heimat. Von dort hat sie auch ihren Caydanlik mitgebracht und schwört auf diesen. Jeden Tag bereitet sie damit für ihren Partner Johannes Schindler und für sich Tee zu. „Morgens trinken wir gern schwarzen oder grünen Tee zum Wachwerden, abends dann aber auch Kräutertees und manchmal auch Früchtetees“, erzählt sie. Türken trinken aber am liebsten den ganzen Tag schwarzen Tee.
Der Caydanlik sei in den vergangenen Jahren wieder sehr beliebt geworden, auch bei den jungen Leuten. „Es ist schick, sich mit alten traditionellen Dingen zu umgeben“, erzählt sie. Darum sei so ein schicker Teekocher ein beliebtes Geschenk in der Türkei, wenn jemand zum Beispiel in seine erste Wohnung zieht.
Aus der Zarenzeit?
Ein sehr alter Samowar steht bei Ewald Schmidt aus Ludwigshafen im Wohnzimmerschrank. 1976 war er ein ganzes Jahr für seinen damaligen Arbeitgeber, die BASF, in Hrodna in Weißrussland (Belarus). Damals war das noch Gebiet der UdSSR, die Berliner Mauer – Symbol für die Trennung von Ost und West – stand noch fest in ihren Fugen und es herrschte Kalter Krieg. Klar, dass es den Einheimischen eigentlich untersagt war, Kontakt mit den zwölf Deutschen aufzunehmen. Doch irgendwie kam dieser dennoch zustande. Ewald Schmidts Arbeitskollege hatte sich vor dem Einsatz in Weißrussland im Urlaub in Ägypten eine Lederjacke gekauft. Die hatte aber einen seltsamen Geruch und er wollte sie eigentlich gar nicht mehr haben, darum gab er sie Ewald Schmidt. „Ich hatte zu einem jungen Russen Kontakt, der eine Lederjacke haben wollte, und ich war mir sicher, dass der Geruch ihn nicht stören würde“, erzählt er. Der hat sich so sehr darüber gefreut, dass er ihm ein paar Tage später einen Samowar und einen Messbecher aus einer Kathedrale schenkte. „Den habe ich aber später jemanden aus Hrodna wieder mitgegeben. Und wie sich dabei herausstellte, war der Messbecher wohl gestohlen.“ Ob auch der Samowar gestohlen war? Das hofft Ewald Schmidt nicht, „auch wenn er Gebrauchsspuren hat“. Und einen alten Stempel an der Seite. Wie er aus zuverlässiger Quelle weiß, seien Samoware bis zur Oktoberrevolution 1917 gestempelt worden, danach nicht mehr. Auch Aussehen und Zustand sprechen dafür, dass er aus dieser Zeit stammen könnte. Ewald Schmidt vermutete, dass es ein verchromter Kupfer-Samowar ist. Tee daraus getrunken habe er nie. Nur weil es ein Geschenk war, habe er ihn überhaupt mitgenommen: „Eigentlich war es Kulturgut, was damals gar nicht ausgeführt werden durfte“, erzählt er. Mit der Ausrüstung für den Arbeitseinsatz habe er aber dennoch seinen Weg in die Pfalz gefunden.
Spezielle Hochzeitsgabe
Auch Kerstin Weber aus Ludwigshafen hat ihren Samowar kaum benutzt, vielmehr steht er für sie für Beständigkeit in ihrem Leben. Für die Beständigkeit der Freundschaft zu ihrer Freundin, die ihr den Samowar 1989 zur Hochzeit geschenkt hat. Und so auch für die Beständigkeit ihrer Ehe zu Pfarrer Georg Weber. Ihre Freundin hat keine russischen Vorfahren, vielmehr ein Faible für spezielle Geschenke. „Sie hat ihn auf einem Flohmarkt in Frankfurt gekauft“, erzählt Kerstin Weber. Und weil es ein so besonderes Geschenk war, ist es heute eine der wenigen Hochzeitsgaben, von denen sie noch weiß, wer sie ihr geschenkt hat. Beruflich musste die Familie viel umziehen. Den etwas sperrigen Samowar zu entsorgen, kam ihr nie in den Sinn. „Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber ich denke schon, dass er mir Glück gebracht hat“, sagt sie. Und so fand sich in jeder neuen Wohnung ein Plätzchen im Esszimmer für den schönen Samowar.
Goldglänzender Holländer
Nicht zur Hochzeit, aber zum zehnten Hochzeitstag vor etwa 40 Jahren bekamen Hindrik und Christa Pruust aus Limburgerhof ihren Samowar von Freunden aus Norddeutschland geschenkt. „Vermutlich haben sie diesen auf einem holländischen Markt gekauft“, erzählt der 83-Jährige. Er ist aus goldglänzendem Messing und sieht handgefertigt und sehr edel aus. Und er muss auch sehr alt sein, vermuten die beiden, denn er wird mittels eines Brenners betrieben und nicht elektrisch. „Damals, als wir ihn bekamen, haben wir diesen oft benutzt, vor allem im Winter, aber auch wenn Gäste da waren. Da haben wir diese ganze Zeremonie veranstaltet“, sagt Hindrik Pruust. Irgendwann sei es aber einfach praktischer, den Wasserkocher anzumachen, gibt er zu und muss lachen. Dennoch werden sie ihn weiter in Ehren halten.
Das letzte Geschenk
Für Uwe Weil aus Ludwigshafen hat sein Samowar eine ganz besondere Bedeutung und ist eine Erinnerung. „Schon als Jugendlicher hatte ich mich für Russland, seine Geschichte und seine Literatur interessiert. Insbesondere in den Erzählungen aus dem alten Russland werden Samowars erwähnt“, schreibt er. Darüber habe er auch oft mit seinen Eltern gesprochen. Im Frühjahr 1992 herrschte in der Sowjetunion aufgrund des politischen Umbruchs große Not. Das Technische Hilfswerk (THW) schickte einen Konvoi mit Hilfsgütern nach Russland. Uwe Weils Vater Hans, eigentlich schon in Rente, fuhr mit. „Leider kam es dann auf dem Rückweg in der Gegend von Smolensk am 16. Februar zu einem folgenschweren Verkehrsunfall, bei dem er und sein Beifahrer ums Leben kamen“, berichtet Uwe Weil. Einige Tage später konnte die Familie sein Gepäck, einen Seesack, in Mainz abholen. „Als wir ihn zuhause geöffnet hatten, war darin, neben einigen anderen typisch russischen Souvenirs, auch der Samowar. Den hatte er in Moskau extra für mich besorgt.“ Uwe Weil hat ihn nie benutzt, denn dadurch hätte mit Sicherheit die Bemalung gelitten. Vielmehr hat er einen Ehrenplatz im Schrank.
Hauptgewinn beim Bingo
Rita Böckenhaupts Samowar ist auch ein Reise-Mitbringsel. Vor 35 Jahren war sie auf einer Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer mit dem russischen Schiff „Fedor Shalyapin“. Bei einem Bingo-Abend hat sie den Hauptpreis abgesahnt – einen Samowar. „Zum Einsatz ist er leider nie gekommen, denn der Elektroanschluss passt in Deutschland nicht“, berichtet sie. Ein Hingucker und Deko-Objekt ist er allemal.
Aus der Heimat des Kollegen
In den 1980er-Jahren war Horst Klamm ein leidenschaftlicher Teetrinker. Sein türkischer Arbeitskollege habe ihm darum aus seiner Heimat einen Samowar mitgebracht. „Ich habe mich sehr darüber gefreut und war so stolz, so etwas zu besitzen. Der Samowar lässt sich wahlweise mit Holzkohle oder mit Strom beheizen“, erzählt der Maudacher. Natürlich hat er diesen damals auch benutzt, heute ist er mehr Dekoration in seinem Wohnzimmerschrank. Davon trennen würde er sich aber nie. „Dieses Schmuckstück werde ich immer in Ehren halten und kann mich auch noch gut an den netten Kollegen erinnern. Leider haben wir uns aus den Augen verloren. Sicherlich ist er nach seiner Pensionierung wieder in seine Heimat zurück gegangen.“
Perfekte Teezeremonie
Martin Moritz aus Schifferstadt ist immer noch ein leidenschaftlicher Teetrinker. Neben grünem Tee und schwarzem Darjeeling trinkt er auch sehr gern traditionellen türkischen Tee. „Darum wollte ich unbedingt einen originalen Samowar aus der Türkei oder Russland haben“, schreibt er. Er traf dann zufällig seinen alten Schulkollegen mit türkischen Wurzeln, der ihm einen solchen während seines Urlaubs in der Türkei besorgen konnte. „Der arme Kollege musste bei 40 Grad im Hochsommer in der Türkei im Laden schwitzen und mich telefonisch beraten“, erzählt der 40-Jährige. Gelohnt hat es sich allemal, denn nun kann er mit einem handgefertigten Kupfersamowar mit Kamin seine Tee-Zeremonie abhalten. Und die kann schon mal den ganzen Nachmittag dauern, wenn man rechtzeitig immer wieder Kohle nachgelegt, denn damit – und nicht elektrisch wie viele Samoware heute – wird das Wasser bei Martin Moritz erhitzt. „Meistens nutze ich den Samowar, wenn ich an einem angenehm warmen Tag im Garten ein Buch lesen und dazu eine Zigarre rauchen möchte. Er ist nicht für den täglichen Gebrauch gedacht, sondern zu besonderen Anlässen, wofür ich mir dann auch Zeit nehme“, erzählt er. Die braucht er auch, denn es dauere etwa eine Stunde, das Gerät anzufeuern und das Wasser zum Kochen zu bringen. Und nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Raum benötige sein Samowar, darum steht er das ganze Jahr über auf der überdachten Terrasse.
Danke für Tschernobyl-Hilfe
Marliese Schwarz aus Böhl-Iggelheim bekam ihren Samowar, der aus reich verziertem Porzellan ist, von Freunden aus Belarus geschenkt. Er war ein Dankeschön dafür, dass sie sich seit fast 30 Jahren im Verein „Kinder von Shitkowitschi – Leben nach Tschernobyl“ engagiert. „Trotz oft großer Armut lassen es sich die Menschen dort nicht nehmen, ihre Dankbarkeit durch großzügige Geschenke zu beweisen. Leider sind die Kontakte durch Corona und die schwierige politische Lage in Belarus momentan sehr eingeschränkt“, schreibt Marliese Schwarz und hofft auf bessere Zeiten.
Souvenir von der Ringer-WM
Aus der Ukraine, genauer aus Kiew, hat Walter Isselhard aus Schifferstadt seinen Samowar mitgebracht. Das war 1983, in diesem Jahr war dort die Ringer-Weltmeisterschaft, an der auch VfK-ler aus Schifferstadt teilnahmen. Walter Isselhard reiste als Zuschauer in das Land mit, das damals noch zur Sowjetunion gehörte. „Das war schon eine besondere Erfahrung gewesen“, sagt er. In einem Shop, in dem nur privilegierte Touristen einkaufen durften, sah er dann den goldenen Samowar mit roten Applikationen. „Der gefiel mir sofort gut“, erinnert sich der 77-Jährige. Und er kaufte ihn für 170 Mark, was viel Geld war. Die Schifferstadter Ringer haben bei der WM nicht viel gerissen, da war der Samowar ein netter Trost. Benutzt wurde er nie, er war immer nur Deko.
Geschenk an die Stadt
Vermutlich wurde auch der Samowar, der seit Neuestem im Büro von Schifferstadts Bürgermeisterin Ilona Volk (Grüne) steht, noch nie benutzt. Sie hatte sich nach dem RHEINPFALZ-Aufruf erinnert, dass im Keller des Rathauses zwischen den vielen Geschenken an die Stadt auch ein Samowar stand. Kurzerhand hat sie diesen entstaubt und für ein Foto in ihrem Büro aufgebaut. „Leider ließ sich bis jetzt nicht genau herausfinden, wer diesen der Stadt wann geschenkt hat“, erzählt sie. Sie vermutet, er ist von Gästen einer Sportveranstaltung. „Nach näherem Betrachten mit meinen Kollegen könnten wir uns vorstellen, dass er aus der Türkei stammt.“
Nachdem nun der Samowar so schön in Szene gesetzt war, hat sich Ilona Volk in das Schmuckstück „neu verliebt“, wie sie sagt. „Er verbreitet so eine gemütliche Atmosphäre, darum lasse ich ihn mal vorerst bei mir im Büro stehen“, sagt sie. Aber nur als Deko-Objekt, denn die Stadtchefin ist eine leidenschaftliche Kaffee-Trinkerin. Die Bürgermeisterin könnte sich aber gut vorstellen, dass der Samowar bei einer thematisch passenden Veranstaltung zum Hingucker werden könnte – sobald das doch hoffentlich bald wieder möglich ist. So lange heißt es, abwarten und Tee (oder Kaffee) trinken.