Schifferstadt / Mutterstadt
Leben bis zuletzt: „Es ist jemand da, der sich kümmert“
„Am Anfang habe ich noch gedacht, wie können die mir helfen?“ Andrea Reiner sitzt im Sitzungssaal des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdiensts Südlicher Rhein-Pfalz-Kreis (AHPB) in der Schifferstadter Kirchenstraße und erzählt, wie sie erstmals von dem Dienst erfahren hat. In einer schwierigen Situation, wie die meisten Menschen. Ihre Schwiegermutter, mit der sie und ihre Familie seit 13 Jahren in einem Haus wohnte, war schwer an Krebs erkrankt. Im Mai 2018 erhielt sie die Diagnose, im Oktober des selben Jahres verstarb sie im Alter von 86 Jahren, zu Hause umsorgt von ihrer Familie, von den Pflegekräften der Ökumenischen Sozialstation – und am Ende vom AHPB. Und Andrea Reiner hat nach eigenen Angaben rasch gemerkt, wie sehr ihr und ihrer Schwiegermutter die Unterstützung der Hospizfachkräfte geholfen hat.
Dass die 51-jährige Mutterstadterin erst einmal skeptisch war, lag daran, dass sie selbst nicht ganz unerfahren ist. Die Psychologin arbeitet in einer Einrichtung für Behinderte und hat während ihres Studiums in der Altenpflege gejobbt. „Aber ich habe schnell erkannt, dass das hochprofessionelle Leute sind“, sagt Andrea Reiner über den Hospizdienst. Und dass die Begleitung und Versorgung eines nahestehenden Menschen am Ende eines Lebens eine Herausforderung ist, bei der sie um jede Unterstützung dankbar war.
Vermeintliche Kleinigkeiten helfen enorm
Ihre Schwiegermutter sei optimistisch gewesen, wieder gesund zu werden, sagt Reiner. Aber ihr Zustand verschlechterte sich trotz Chemotherapie, sie musste auf die Palliativstation im Krankenhaus, wollte dann aber nach Hause. Die Familie organisierte die Betreuung durch die Sozialstation, und die knüpfte den Kontakt zum Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst. „Ich war da noch gar nicht so weit, war nur am Organisieren und dachte noch, brauchen wir das überhaupt?“, erinnert sich die Mutterstadterin. Barbara Haas, eine der drei hauptamtlichen Hospizfachkräfte des AHPB, besuchte die Seniorin schon im Krankenhaus. „Das machen wir, damit die Patientin einen schon kennt, und damit wir sehen, was gebraucht wird“, erläutert Haas.
Es wurde eine sehr intensive Begleitung, Barbara Haas war fast täglich in dem Mutterstadter Anwesen. Sie organisierte die palliativmedizinische Betreuung, Pflege- und Hilfsmittel. Ein Netzwerk zu knüpfen ist das Ziel, betonen die Hospizhelfer. Manchmal seien es nur vermeintliche Kleinigkeiten gewesen, praktische Tipps, die geholfen hätten, erzählt Reiner. Mundspray gegen den trockenen Mund zu verwenden, oder den von der Schwiegermutter geliebten Eierlikör als kleine Würfel einzufrieren zum Lutschen, als sie kaum noch etwas zu sich nehmen konnte. „Das klingt vielleicht trivial, aber so konnte ich noch etwas für sie tun“, sagt die Mutterstadterin. Aber sie habe Barbara Haas auch am späten Abend noch kontaktieren können, als die Sterbende unter starken Bauchschmerzen litt, und Ratschläge erhalten. Und als die alte Dame schließlich starb, Reiners Mann und Tochter ausgerechnet dann kurz verreist waren und sie selbst alleine war, sei Haas mitten in der Nacht zu ihr gekommen.
„Über den Tod wird nicht gerne gesprochen“
Diese Erfahrungen haben Andrea Reiner bewogen, selbst in der Hospizbegleitung aktiv zu werden, erzählt sie. Im Januar hat sie mit der vom AHPB angebotenen Qualifizierung begonnen. Zwei Grundseminare und ein Aufbauseminar sind dafür vorgesehen, erläutert Barbara Haas. Die „Ausbildung“ ist vielschichtig, es geht um fachliche und rechtliche Grundlagen, um Themen wie Kommunikation, Demenz, Bestattungen, Schmerztherapie und vieles mehr. Wegen Corona lief das Ganze auch etwas anders ab als sonst, aber im September war die Gruppe fertig. Und Andrea Reiner kam zu ihrer eigenen Überraschung schneller zum Einsatz, als sie es für sich geplant hatte: Sie betreute eine in der Nähe wohnende schwerkranke Frau bis zu deren Tod.
„Das war schon ein Einschnitt“, sagt Andrea Reiner nachdenklich im Rückblick. Sie will jetzt schauen, wann und wie sie sich einbringt. Das entscheiden die Ehrenamtlichen für sich, betont Barbara Haas. Eine weitere Erfahrung hat Andrea Reiner inzwischen anhand von Reaktionen im Freundeskreis gemacht: Wenn sie von ihrem neuen ehrenamtlichen Engagement erzählt, herrscht oft unbehagliches Schweigen: „Über den Tod wird eben nicht gerne gesprochen.“
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