Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Lauter Pfeifen: Was bei der Orgelreinigung in Sankt Jakobus passiert

Orgelbauer Giovanni Crisostomo in einem der Zugänge zur Orgel, das Pedal vor dem Spieltisch ist entfernt.
Orgelbauer Giovanni Crisostomo in einem der Zugänge zur Orgel, das Pedal vor dem Spieltisch ist entfernt.

Auch an der Königin der Instrumente nagt der Zahn der Zeit. Deshalb wird gerade die Vleugels Orgel in der Sankt Jakobus Kirche in Schifferstadt überholt und gereinigt. Das ist eine sehr aufwendige Arbeit und ganz schön teuer. Ein Besuch vor Ort.

Sie ist 25 und sieht immer noch blendend aus. Allerdings ist ihre Stimme manchmal etwas belegt, manche Töne wackeln und nicht immer kriegt sie richtig Luft. Das kommt vom Rauchen – nicht nur von den Kerzen in der Kirche. Einmal hat die Königin auch heimlich gequalmt. Da gab es nämlich einen kleinen Schwelbrand in der Orgel, vermutlich durch einen Kurzschluss. Kerzenrauch ist aber immer ein Problem.

„Der Kerzenrauch steigt mit Rußteilchen nach oben und verteilt sich in der ganzen Kirche. So dringt auch Ruß in die Orgel und schlägt sich in den Pfeifen nieder“, erklärt Orgelbauer Giovanni Crisostomo, der die Überholung und Reinigung der Vleugels Orgel in der Sankt Jakobus Kirche leitet. Seit zwei Wochen ist er mit zwei weiteren Kollegen, Katharina Schneider und Roger Schmitt, vor Ort. Die Prospekt-Pfeifen, das sind die vom Kirchenraum aus sichtbaren, sind schon wieder blitzblank. Wie am ersten Tag. Sie bestehen aus einer Zinn-Blei Legierung. Jede Pfeife müssen die Orgelbauer ausbauen und nicht nur außen, sondern auch innen reinigen. Denn die Luft, die die Pfeifen zum Klingen bringt, kommt natürlich aus der Kirche. Aus der Kirche mit den Kerzen.

Damit Töne nicht mehr flattern

Sichtbar ist aber nur ein ganz kleiner Teil der Orgelpfeifen. Tatsächlich gibt es hier 2680 davon – von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern lang. Crisostomo nimmt gerade eine der ganz kleinen Pfeifen aus der Windlade, die die Pfeifen mit Luft versorgt. Ihre Mensur, also die Länge der schwingenden Luft im Innern, die den Ton erzeugt, ist gerade mal 18 Millimeter lang. Die restlichen 20 Zentimeter führen zum Fuß, der in der Windlade steckt. Bei den zwei, drei Meter hohen Prospektpfeifen mussten die Orgelbauer die alten Füße „amputieren“ und mit neuen ersetzen. „Das Gewicht dieser Pfeifen liegt zwischen 50 und 60 Kilogramm und die drücken auf den dünnwandigen Fuß aus relativ weichem Metall. Das führt zu Verformungen“, erklärt Crisostomo. Dann sitzen die Pfeifen nicht mehr richtig in der Windlade, und das kann die Luftzufuhr stören. Aber ohne die richtige Menge gleichmäßig fließender Luft gibt es keinen sauberen Ton.

Flatternde unschöne Töne kann es auch bei Zungen-Pfeifen geben. Deren Ton entsteht durch eine dünne Metallzunge, die im Luftstrom schwingt. Sie liegt auf einer Art Mund auf, den sie in Ruhe vollständig verschließt. Rußpartikel können sich auf Zunge und Mund ablagern und schlechten Verschluss und unsaubere Töne verursachen.

Die Orgel in Sankt Jakobus sei in einem guten Allgemeinzustand, stellt der erfahrene Orgelbauer fest. Es gebe ausreichend Luftbewegung, sodass er nirgendwo Schimmel gefunden habe. Das sei bei vielen Orgeln in alten kalten Kirchen ein Problem. Und mit jedem Orgelspiel werden dann weitere Schimmelsporen in die Luft geblasen – was für Menschen nicht gesund ist. Ungesund war für die Orgelbauer auch der Bleianteil in den Metallpfeifen. „Als ich angefangen habe, haben wir noch mit dem Mund in kleine Pfeifen geblasen und hatten später schwarze Flecken auf den Lippen“, erinnert er sich. Heute trägt er Handschuhe und hat Mundstücke, um Pfeifen anzublasen.

Natürlich müssen alle Pfeifen genau auf die richtigen Tonhöhen gestimmt werden. Dafür gibt es je nach Pfeifentyp verschiedene Wege: Bei den Zungenpfeifen lässt sich mit einem verschiebbaren Bügel, der Stimmkrücke, die schwingende Länge einstellen. Bei Lippenpfeifen, die einen Mund mit einer Kante haben, ähnlich wie im Kopf einer Blockflöte, gibt es verschiedene Methoden: Manche haben am Ende einen Stimmschlitz, in dem das Metall des Körpers zurückgerollt wird. Das sieht aus wie bei früheren Sardinenbüchsen, deren Deckel man noch abrollen musste. Andere Methoden sind das Aufweiten oder Verengen der Auslassöffnung mit einem Werkzeug, dem Stimmhorn, das vorne eine Spitze und hinten einen hohlen Kegel hat.

Wenn der Organist Tasten drückt, um Töne zu spielen, führt bei der Vleugels Orgel eine mechanische Verbindung, die Traktur, zu den Ventilen unter den Pfeifen. Dünne Holzstäbchen, die über Gelenke verbunden sind, leiten den Tastendruck weiter. Natürlich gibt es längst elektromagnetische Ventile, oder schon länger auch mit stehendem Luftdruck arbeitende pneumatische Trakturen. Der Vorteil der mechanischen Traktur sei ein sehr direktes Spielgefühl, das viele Organisten schätzen, erklärt Crisostomo. Aber natürlich muss dafür die mechanische Traktur leicht und präzise funktionieren und das wird beim Überholen der Orgel ebenfalls geprüft.

Schlaflose Nächte vor dem Orgelneubau

Die Vleugels Orgel wurde 1999 eingeweiht. Die vorherige Orgel von 1952 war so marode, dass der Orgelsachverständige der Diözese schon 1993 feststellte, eine Reparatur lohne sich nicht. Zudem hatte diese Orgel einige konstruktionstechnische Mängel. Nachdem eine neue Orgel beschlossen war und verschiedene Orgelbauer Entwürfe vorgelegt hatten, bekam Orgelbaumeister Hans-Georg Vleugels den Auftrag. Wie genau die Orgel aufgebaut sein soll, wie viele und welche Klangfarben sie hat, darüber wurde kontrovers diskutiert. Vleugels schreibt im Geleitwort zur Orgelfestschrift, die Einigung auf einen gemeinsamen genehmigungsfähigen Konsens habe „manch schlaflose Nacht“ gefordert. Der Orgelneubau kostete damals rund 500.000 Euro. Die jetzige Überholung kostet laut Bezirkskantor Georg Treuheit rund 100.000 Euro. Um das zu finanzieren, bietet die Pfarrei die Möglichkeit, Patenschaften für Orgelpfeifen zu übernehmen. Die Patenschaft für die kleinsten Pfeifen kostet 20 Euro, die spektakulären Prospektpfeifen, die das Antlitz der Orgel bilden, sollen 200 Euro kosten. Wer möchte, kann sich dann auch als Pfeifenpate auf einer Gedenktafel verewigen lassen.

Noch Fragen?

Weitere Informationen und ein Online-Formular gibt es unter:
www.pfarrei-schifferstadt.de

Zeigt her eure Füße: links aufgefädelt die abgeschnittenen verformten alten Füße, rechts die neuen
Zeigt her eure Füße: links aufgefädelt die abgeschnittenen verformten alten Füße, rechts die neuen
Ruß und Staub müssen weg, am besten geht das mit dem Staubsauger. Auf dem Boden sind die Löcher zu sehen, in denen sonst Pfeifen
Ruß und Staub müssen weg, am besten geht das mit dem Staubsauger. Auf dem Boden sind die Löcher zu sehen, in denen sonst Pfeifen stecken.
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