Ludwigshafen Wenn der Zorn Gottes dröhnt

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Alle Kirchenorgeln haben die Aufgabe, die Liturgie zu unterstützen, also Gottesdienste musikalisch zu untermalen. Aber jede Orgel sieht anders aus. Es gibt alte und neue, kleine Instrumente in Dorfkirchen und große in Kathedralen und in Kirchen der Städte. Manche Orgeln sind für Barockmusik geeignet, andere für die Werke der Romantik. Und technisch ist jede Orgel ein Unikat. In der Serie „Die größten Pfeifen“ stellen wir einige Orgeln in Ludwigshafen, Mannheim und der Region vor.

Die größte Orgel in der Region steht in der Kirche St. Jakobus in Schifferstadt. Gebaut wurde sie von der Firma Vleugels in Hardheim im Odenwald. „Eine fast perfekte Orgel“ schwärmt Dekanatskantor Georg Treuheit. Denn man kann auf ihr fast die gesamte Orgelliteratur spielen, von der Renaissance bis zur Avantgarde. Die Orgel in St. Jakobus ist ein recht neues Instrument. Gebaut wurde sie 1999, als die alte Orgel für unbefriedigend befunden wurde. Man beschloss, Nägel mit Köpfen zu machen, und gab beim Orgelbaumeister Hans-Georg Vleugels ein neues Instrument in Auftrag, das neben seiner Eignung für den Gottesdienst eine große, repräsentative Konzertorgel werden sollte. Das hatte natürlich seinen Preis und war in Schifferstadt nicht unumstritten. Aber eine Orgel mit 2616 Pfeifen ist nun mal teuer, aber mittlerweile hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass in St. Jakobus eine Meisterorgel steht. Die 45 Register der romantisch disponierten Orgel verteilen sich auf drei Manuale, das Hauptwerk, das Positiv und das Schwellwerk sowie auf das Pedal. Das Hauptwerk enthält neben einigen anderen Registern den machtvollen Prinzipalchor, also die voll tönenden Hauptstimmen der Orgel in den verschiedenen Oktavlagen vom 16-Fuß bis zum 2-Fuß. Im Positiv finden sich ähnliche, aber etwas weniger kräftige Register, das Schwellwerk enthält markante Solostimmen. Schwellwerk heißt es, weil sich die Töne, wie auch beim Positiv, in der Lautstärke verändern lassen. Bei einer Orgelpfeife geht das normalerweise nicht, aber der Orgelbau hat da einige Konstruktionen entwickelt. Alle Register aus diesem Manual stehen in einem Kasten, der von einer Jalousie verschlossen wird. Tritt der Spieler nun auf den Schwelltritt, öffnet sich diese Jalousie und der Ton wird lauter, geht er zurück in die andere Richtung, wird der Ton wieder leiser. Eine andere Möglichkeit demonstriert der Organist mit dem Rollschweller: Tritt er auf eine Walze am Fuß der Orgel, werden zu den bereits klingenden Registern nach und nach andere zugeschaltet, und die Lautstärke nimmt zu. Die Register der Vleugels-Orgel loten Extreme aus. Es gibt die 32-Fuß-Bombarde im Pedal, so tief, dass man nur ein Brummen hört. Als Gegensatz dazu das 1-Fuß-Sifflet, dessen nur wenige Zentimeter große Pfeifen Töne erzeugen, die vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrgenommen werden können. Trotzdem haben sie einen Zweck: Die Pfeifen erzeugen Obertöne, die dann mit anderen Registern zusammen zu hören sind. Jedes Orgelstück fordert eine abwechslungsreiche Registrierung. Ein für den Organisten unentbehrliches Hilfsmittel ist die elektronische Setzeranlage. Damit lassen sich Registerkombinationen vor dem Spiel programmieren und mittels eines Knopfdrucks abrufen. Die Vleugels Orgel enthält 2560 mögliche Setzerkombinationen. Georg Treuheit drückt die Kombination F3, und der volle Prinzipalchor tönt durch die Kirche. Seine Finger berühren auf den über der Tastatur angebrachten Knöpfen die Kombination F4, und die charakteristische Solostimme einer Oboe erklingt. Ein nächster Knopfdruck, und die für besinnliche Choräle geeignete sanfte Vox caelestis ist zu hören. Dann gibt es noch die Koppeln, wo die Register eines Manuals in einem anderen mit spielbar, mit der Besonderheit der Oktavkoppeln, die die Register einer Oktave höher oder tiefer klingen lassen. So ergibt sich der über mehrere Oktaven sich erstreckende Klang eines romantischen Orchesters. Die Schifferstadter Vleugels-Orgel verfügt noch über einige besondere Register, die nicht zur normalen Disposition gehören und die man durchaus als Spielerei bezeichnen kann: allen voran die „Ira dei“. Der „Zorn Gottes“ besteht aus acht in der Stimmung eng zusammenliegenden Pfeifen, die ein Cluster und damit ein mächtiges Donnergrollen erzeugen. Oder die „Nachtigall“, eine mit Wasser gefüllte Pfeife, deren Quallern ein Vogelgezwitscher erzeugt. Oder das „Glockenspiel“, bei dem über die Tastatur Röhrenglocken im Innern der Orgel angeschlagen werden. Und noch eine Besonderheit hat die Schifferstadter Orgel aufzuweisen. Die Orgeln der Firma Vleugels haben alle einen künstlerisch gestalteten Prospekt. Die Vorderansicht der Orgel präsentiert sich nicht als langweilige einfarbige Holzfassade, sondern in schillernden Hellgrün-Schwarz- und Weiß-Tönen – ein optisch ansprechender Entwurf des Heidelberger Malers Jacques Grassmann.

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