Speyerer Umland
Landschaft im Fluss: Auwälder im Wandel der Zeit
Die Veränderung der Rheinniederung zwischen Karlsruhe und Speyer in den vergangenen knapp 500 Jahren hat es sogar in einen deutschen Schulatlas geschafft. Verschiedene Karten zeigen, wie sich der Flussverlauf seitdem gewandelt hat – um deutlichsten natürlich durch die Rheinbegradigung Tullas im 19. Jahrhundert. Auch ein Blick auf die Satellitenaufnahmen beim Kartendienst „Google Maps“ verrät sofort: Der Fluss ist hier früher einmal in ganz anderen Betten geflossen. Wegen des geringen Gefälles mäanderte der Fluss in weit ausholenden Schleifen durch die Landschaft, veränderte über die Zeit immer wieder seinen Lauf.
Förster Jürgen Render fasziniert dieser Blick zurück in die Geschichte. „Wir haben hier zwar keine Berge, aber der Rhein ist mindestens genauso spannend“, sagt er bei einem Ortstermin am Berghäuser Altrhein, wo sich die Veränderungen im Laufe der Geschichte gut beobachten lassen. Einen Urwald gibt es am Fluss schon seit den Zeiten von Römern und Germanen nicht mehr. Im Mittelalter und der Neuzeit hat der Mensch die Landschaft geprägt. „Früher wurde jeder Quadratzentimeter genutzt“, sagt Render. „Der Mensch hat hier immer wieder rumgefuhrwerkt.“ Bildungsförster Volker Westermann, der sich ebenfalls zu der kleinen forsthistorischen Geschichtsstunde eingefunden hat, spricht von einer „Gemengelage aus Wald und Land, das wirtschaftlich nutzbar war“. Der Wald war Brennholzlieferant, aber auch Nahrungsquelle für Nutztiere. Die Bedürfnisse des Menschen haben ihn geprägt: „Der Eichenanteil war zum Beispiel höher, als er naturgemäß gewesen wäre“, sagt Westermann. „Das liegt daran, dass der Mensch viele Eichen gepflanzt hat, weil Eicheln gutes Futter besonders für die Schweine sind.“ Auch Fischfang und Entenjagd spielten eine große Rolle für die Ernährung.
Natur macht, was sie will
Die Natur machte nebenher, was sie wollte: Immer wieder habe es Überschwemmungen von genutzten Flächen gegeben – Gewannennamen wie „Kühunter“ bei Lingenfeld erinnern laut Westermann daran. „Vor der Rheinbegradigung hat die Natur die Landschaft immer wieder verändert“, erklärt er. Im 19. Jahrhundert war es dann das Werk Tullas, das die Landschaft fundamental umformte. „Wo Wald war, gab es danach Landwirtschaft“, nennt Jürgen Render eine Entwicklung, die zum Beispiel auf der Insel Flotzgrün, die vor Tulla keine Insel war und rechtsrheinisch lag, zu beobachten ist. Umgekehrt wuchs auf einmal Wald, wo sich vorher noch der Rhein schlängelte. Im Auwald bei Berghausen lässt sich der frühere Flussverlauf noch erahnen: Der Weg durch den Wald führt hier durch eine Senke, in der der Bewuchs lichter wird, weil der Boden vielen Baumarten zu nass ist. Wo das Gelände etwas höher gelegen ist, wachsen mehr Bäume: neben Pappeln und Weiden, die gut mit feuchten Böden klarkommen, auch Eichen oder Wildobstbäume. Robinien, die eigentlich aus Amerika stammen, haben sich ebenfalls ausgebreitet. „Nadelholz kommt mit Überschwemmungen gar nicht klar, deshalb fehlt es komplett“, sagt Volker Westermann.
Die großen Wasserflächen, die sich heute rechts und links des Rheins finden, sind meist Ergebnisse des Kiesabbaus. „An den Innenseiten der Flussschleifen hatte sich Material abgelagert“, erklärt Render. Und tatsächlich finden sich an diesen Stellen heute oft größere Seen. Der Kollersee ist ein Beispiel dafür. Der Otterstadter Altrhein, der sich nördlich an den See anschließt, verdeutlicht ein weiteres Phänomen, das Render beschreibt: Bei den Durchstichen durch die Rheinschlingen im Zuge der Flussbegradigung beließ man am flussabwärtsgelegenen Teil der Schlinge meist eine Verbindung zum Fluss. So hatte dieser bei Hochwasser noch die Möglichkeit, sich auszubreiten. Der flussaufwärts gelegene Teil der Rheinschleife wurde hingegen oft vom neuen Flussverlauf abgetrennt und verlandete. So entstand im Otterstadter Fall das heutige Naturschutzgebiet Böllenwörth.
Grenze neu gezogen
Die Grenze zwischen der damals bayerischen Pfalz und Baden wurde nach der Rheinbegradigung neu gezogen: Was links des neuen Flussbetts war, wurde pfälzisch, was rechts davon war, badisch. Aber es gibt zwei Ausnahmen, wie Render weiß: Die Kollerinsel, die durch die Begradigung entstanden war, ist auch heute noch badisch. Sie ist neben der Konstanzer Altstadt das einzige linksrheinische Gebiet Baden-Württembergs. Auf der rechtsrheinischen Seite behielt Bayern dafür ein kleines Gebiet gegenüber von Germersheim, das noch heute zu Rheinland-Pfalz gehört.
Spannend wird, wie sich die Wälder zwischen dem heutigen Rheindamm und dem Fluss künftig entwickeln. Denn sie sind vom Land aus er Forstbewirtschaftung genommen worden. Die Förster kümmern sich im Wesentlichen nur noch um die Verkehrssicherheit. „Das sollen die Urwälder von morgen werden“, erklärt Volker Westermann. „Aber wir wissen nicht, was kommt.“ Ob die Biodiversität zu- oder nicht doch eher abnimmt ist für ihn nicht ausgemacht.
Eine Wiese, wie sie im Auwald bei Berghausen zu finden ist, bietet eine hohe Artenvielfalt, existiert aber nur, weil der Mensch sich kümmert. „Die Wiese wird gemäht, sonst würde sie zu Wald werden“, berichtet Jürgen Render. Für Volker Westermann ist daher klar: „Wir kriegen nie mehr einen Urwald, wie er vor den Römern war.“ Die Spuren, die der Mensch hinterlassen hat – sei es durch die Veränderung des Flusslaufs oder durch das Einschleppen von fremden Pflanzen – sind dazu zu tief.