Rhein-Pfalz Kreis Krimi im Stadion

Kennt den Unterschied zwischen Laufen und Sprinten: Hartmut Krämer bei einer kurzen Trainingseinheit im Stadion der MTG Mannheim
Kennt den Unterschied zwischen Laufen und Sprinten: Hartmut Krämer bei einer kurzen Trainingseinheit im Stadion der MTG Mannheim.

«Mannheim.» Vor einem Jahr hat ein Leichtathletiktrainer zufällig gesehen, dass Hartmut Krämer ganz schön flott rennen kann. Mittlerweile ist der 75-Jährige der schnellste Mann Europas seiner Altersklasse über die 200-Meter-Strecke. In einem Krimi hat der Mannheimer in Aarhus die Goldmedaille gewonnen.

Mit hängenden Schultern schleicht Hartmut Krämer über den Rasen des Ceres Park in Aarhus. Der 75-Jährige ist außer Atem, der Körper schmerzt, die Enttäuschung sitzt tief. Doch wenige Minuten später ist er der glücklichste Mensch im Stadion und könnte die ganze Welt umarmen. Sogar ein paar Tränen kullern über seine Wangen. Wie nah Freud und Leid beim Sport zusammenliegen können, hat der Mannheimer vor wenigen Wochen im 200-Meter-Finale der Europäischen Seniorenmeisterschaften der Leichtathleten in Dänemark am eigenen Leib erfahren. Am Ende eines aufregenden Sommers steht er ganz oben auf dem Siegerpodest, als die deutsche Nationalhymne für ihn gespielt wird. „Als ich erfuhr, dass ich gewonnen habe, war das so ein emotionaler Moment. Aber der absolute Höhepunkt war die Siegerehrung. Ich habe ganz leise mitgesungen, damit ich nicht weinen muss“, erzählt Hartmut Krämer. Dass die Veranstaltung in Aarhus für den 75-Jährigen zu einer Achterbahn der Gefühle wurde, hatte mehrere Gründe. Zunächst war da der 200-Meter-Lauf an sich. Nach 150 Metern hatte er auf seinen ärgsten Widersacher aus der eigenen Mannschaft eigentlich schon einen recht komfortablen Vorsprung herausgelaufen. Doch dieser schmolz und schmolz. Mit einem Hechtsprung versuchte sich Krämer ins Ziel zu retten und blieb nach seiner unsanften Landung zunächst für einige Momente auf der Tartanbahn liegen. Im sicheren Gefühl, noch kurz vor dem Ziel von seinem jubelnden Konkurrenten eingeholt worden zu sein, schlurfte er zurück zu seiner Sporttasche am Start. Seine Titelträume – geplatzt. So glaubte er, so glaubten wohl alle, die den Lauf im Stadion gesehen hatten. Wie gut, dass es Zielfotos gibt. Und das zeigte: Hartmut Krämer hatte eine Hundertstelsekunde Vorsprung ins Ziel gerettet: 29,62 zu 29,63 Sekunden. Dass der 75-Jährige überhaupt starten konnte, hatte bis zuletzt in den Sternen gestanden. Eine hartnäckige Muskelverletzung machte ihm noch im Vorlauf zu schaffen. Auf das 100-Meter-Finale, wo er ebenfalls ein Goldkandidat war, hatte er wenige Tage zuvor verzichten müssen. Seine Frau, eine Physiotherapeutin, behandelte ihn fast rund um die Uhr, sodass er doch noch laufen konnte, wenn auch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Wie schnell er laufen kann, weiß Krämer erst seit ungefähr einem Jahr. „Ich wollte ja nur meinen Enkel zum Training begleiten“, sagt das Seniorentalent. Damals traute ein erfahrener Trainer der DJK Käfertal- Waldhof seinen Augen kaum, als er den stolzen Großvater zum ersten Mal sprinten sah. Und der traut seinem Schützling durchaus zu, den Europarekord über 100 Meter zu brechen, der bei 13,54 Sekunden liegt und von einem Speyerer gehalten wird. 13,59 Sekunden ist er in diesem Jahr bei den Deutschen Meisterschaften schon gelaufen. Schneller war dort freilich keiner. Die nächsten Wettkämpfe kommen bestimmt. Der ehemalige Apotheker, dem der Rummel um seine Person fast ein wenig unangenehm ist, liebt das Rennen. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, betont er. Und er liebt das Reisen. Und weil seine Frau ebenso gerne Neues entdeckt, steht einer Teilnahme bei den Weltmeisterschaften im kommenden Jahr im spanischen Malaga eigentlich nichts im Wege. Von Verletzungen würde der dann 76-Jährige gerne verschont bleiben. „Das Schlimmste ist, wenn man beim Laufen nicht das zeigen kann, was eigentlich in einem steckt“, sagt Krämer. Die Konkurrenz ist gewarnt.

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