Kriegsgeschichten
Kriegsgeschichten: Wie er sein Zuhause im Bombenhagel verlor, erzählt Roland Schäfer
Roland Schäfer wuchs in der Roonstraße auf. Es war die Einflugschneise der alliierten Bomber, deren Ziele in den Bombennächten 1943 bis 1945 die Firmen Giulini, Raschig und BASF sowie die Hafenanlagen und der Hauptbahnhof waren. Sein Vater August war Ingenieur bei der Firma Vögele in Mannheim. Mutter Christine war für das Sekretariat in einem familieneigenen Unternehmen zuständig.
Den Beginn des Weltkriegs habe er erst gar nicht so wahrgenommen. „Ich bin, wie damals alle Kinder, zu Marschmusik mit dem Holzgewehr um den Tisch marschiert“, sagt er und lacht. „Der Krieg war weit weg, war uns gar kein Begriff. Aber dann, als es bei uns zu krachen anfing…!“ Der Zeitzeuge holt tief Luft. „1944 war ich grade mal sieben Jahre alt und habe das schon bewusst mitbekommen. Die Hintergründe kannte ich natürlich nicht, plötzlich krachte und brannte es überall, das Heulen der Sirenen steckt mir heute noch in den Knochen.“ Und er erinnert sich noch genau an die Sondermeldungen im Radio. Die Erkennungsmelodie sei das „Les Préludes“ von Franz Liszt gewesen. Schon nach den ersten drei Tönen habe man gewusst, dass Nachrichten und Siegesmeldungen kamen. Er könne diese Melodie heute noch nicht hören, zu viele Erinnerungen ruft sie hervor.
Kein Verständnis für Corona-Leugner
Der 84-Jährige, der sich mit Gymnastik fit hält, ärgert sich über die derzeitigen Corona-Leugner, die sich weigern, „wenigstens eine Tüllgardine vor Mund und Nase zu tragen“. Dafür hat er kein Verständnis. Er musste, wie alle damals, eine übelriechende Gummi-Gasmaske mit einem Monstrum von Atemfilter tragen. „Wir waren im Grunde genommen immer brav auf der Couch gesessen, im Mantel mit Kappe auf dem Kopf, beim ersten Sirenenton raus aus dem Haus, rein in den 300 Meter entfernten Tiefbunker gegenüber der Herz-Jesu-Kirche. Die Koffer mit dem Notwendigsten wie Papiere und Wertsachen standen immer griffbereit.“ Mit dabei die kleine Schwester Jutta, die erst 1942 geboren wurde. Sein Vater war als Luftschutzwart eingesetzt, er musste aufgrund eines körperlichen Gebrechens nicht in den Krieg.
Im Bunker standen Etagenbetten, ganz oben wurden die Kinder untergebracht. „Wir haben dagesessen und gezittert, der Bunker hat bei den Einschlägen ebenfalls gezittert, und es herrschte eine gespenstische Atmosphäre. Absolute Stille“, erzählt Roland Schäfer. Erst später sei dem späteren Ingenieur bewusst geworden, wie unglaublich tapfer die Frauen waren. Bemüht, sich die eigene Angst nicht anmerken zu lassen, um die Kinder nicht noch mehr zu beunruhigen. Es war die Angst bei jedem Rumms, dass es einen selbst trifft, dass die Bunkertür aufging und jemand ruft: „Euer Haus brennt!“
Deutlich erinnert sich Roland Schäfer auch nach so vielen Jahren, dass bei den nächtlichen Bombenangriffen gleichzeitig mit dem Sirenengeheul auch die sogenannten Christbäume fielen, die Leuchtsignale, die alles taghell erleuchteten. Man habe dann keine Straßenlaternen gebraucht, um sich zu orientieren, aber es war ohnehin Verdunkelung angesagt. Als sie dann einmal nach Entwarnung aus dem Bunker gekommen seien, berichtet Schäfer, hatten sie das Flammenmeer gesehen. Überall habe es geflackert, hier und da sei noch ein Blindgänger mit lautem Knall hochgegangen.
Ruinen als Spielplatz
„Unser Haus wurde auch getroffen. Das war vom Bunker aus nicht zu erkennen, dann kamen wir um die Ecke und sahen es. Das Dach und das oberste Stockwerk brannten. Eine Feuerwehr in dem Sinne gab es ja nicht, aber es hat jeder, der zupacken konnte, geholfen, das Feuer unter Kontrolle zu kriegen.“ Das Treppenhaus hatte vom Keller bis zum Speicher eine Holztreppe, und die musste nass gemacht werden, um sie zu erhalten. Das vierte Stockwerk hatte eine Betondecke, die Schlimmeres verhinderte. Der Dachstuhl und das oberste Stockwerk brannten völlig aus, die unteren Wohnungen waren noch bewohnbar und boten Schutz. Das Nachbarhaus war hingegen bis zum Keller zerstört. „Wir zogen dann bis zur provisorischen Renovierung unserer Wohnung zu Opa und Oma in den zweiten Stock“, erzählt der Senior. Noch viele Jahre später waren die Brandspuren auf der Holztreppe zu sehen. „Jede Woche musste ich die Treppe spänen und blocken, um die Brandflecken zu beseitigen“, erinnert er sich.
Die Ruinen seien ein herrliches Spielfeld für die Kinder gewesen. Sie haben die Trümmer nach Verwertbarem durchsucht, Ziegelsteine saubergeklopft und damit Verstecke gebaut. „Trotz der Warnungen unserer Eltern waren wir uns der Gefahr nicht bewusst, dass die Ruinen einstürzen konnten. Aber welches Kind hört schon auf sowas“, sagt er und lacht schelmisch. „Und dann passierte es. Wir versuchten, einen angekohlten Holzbalken aus dem Schutt zu ziehen, als ein Gebäudeteil mit lautem Getöse zusammensackte. Zum Glück fiel die Wand nicht auf uns drauf, sondern sie stürzte einfach in sich zusammen.“ Der Schreck sei den Kindern anzusehen gewesen, als sie dreckverschmiert und verstaubt vor ihren Müttern standen und zugeben mussten, dass sie nicht auf die Warnungen gehört hatten und nur knapp dem Tode entkommen waren. Abends habe es eine ordentliche Standpauke vom Vater gegeben und für die nächsten Tage Hausarrest.
„Auch wir haben gehamstert – um zu überleben“
Die Zeiten der Entbehrungen seien mit der letzten Bombe noch lange nicht vorbei gewesen. „Schon traurig, wenn man daran denkt, wer vom Krieg nicht zurückgekommen ist“, sagt Roland Schäfer nachdenklich. Jahrelang mussten sie selbst auf das Notwendigste verzichten, ohne zu jammern. „Wir haben uns mit dem Wenigen, das uns nach den Bombennächten verblieben war, begnügen müssen. Und ja, wir haben gehamstert, aber um zu überleben, und nicht, weil wir befürchten mussten, uns den Hintern einlagig abwischen zu müssen“, sagt er und lächelt vielsagend.
Und man habe damals so vieles automatisch gemacht. Kaputtes wurde eben gleich instandgesetzt, was fehlte, wurde gleich organisiert, und was man nicht beherrschte, wurde gelernt. Man habe einfach gelernt zu funktionieren, und das habe ihn für sein weiteres Leben geprägt. Das sei ihm erst nach dem Tod seiner Ehefrau Charlotte im vergangenen Jahr richtig bewusst geworden. Sie hatten 1961 geheiratet und vor etwa 25 Jahren ihr Eigenheim in Mutterstadt bezogen. Die letzten sechs Jahre habe er sie, die schwer erkrankt war, aufopfernd gepflegt.
Geschichten gesucht