Mutterstadt
Kriegsgeschichten: Fliegeralarm, Flammenhölle und Schock
Geboren 1934 in Ludwigshafen, zählt auch Gerda Schmitz zu den Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, die noch einige Erinnerungen wiedergeben können – sogar über die ersten Lebensjahre im Hemshof kann sie berichten. „Mein Spielplatz war die Straße, es kam ja nur selten ein Auto. Und der Hinterhof unseres Miethauses!“, sagt sie und schmunzelt. Da habe es in einer Ecke eine Teppichstange gegeben, die sie eifrig zum Turnen genutzt habe. Eines Tages im November 1938 habe sie am Getuschel der Nachbarsleute gemerkt, dass etwas passiert sein musste. Die Leute hatten in Richtung Welserstraße gedeutet, und Gerda Schmitz war neugierig dorthin gelaufen, wo sich ihr ein schrecklicher Anblick bot. Über die ganze Straße verstreut hatten Glasscherben, Bücher und Papiere gelegen, es sei dort wild gewütet worden. „Meine Mutter sagte mir dann, da hätte ein jüdischer Anwalt gewohnt.“ Trotz ihrer damals erst viereinhalb Jahre habe sie dieses verheerende Bild nie vergessen.
Zehn Pfennige zur Glückseligkeit
Als Gerda Schmitz wieder mal an der Teppichstange im Hinterhof turnte, hörte sie eine Hausbewohnerin ihrer Mutter zurufen: „Frau Metz, mir hawwen Krieg.“ Der Tragweite dieser Worte sei sie sich nicht bewusst gewesen, aber sie habe damals schon gespürt, dass es sich um etwas Außergewöhnliches handeln musste. Bald wurde ihr Vater zur Wehrmacht eingezogen. Von Beruf Kraftfahrer, wurde er bis zum Kriegsende auch als solcher eingesetzt. Er transportierte alles, was irgendwo von den Truppen benötigt wurde, ob Lebensmittel, Kleidung, Waffen oder Geräte, vor allem quer durch Russland. Unvergesslich ist für die Zeitzeugin, wie ihr Vater auf Heimaturlaub war und sie ihn um fünf Pfennige für ein Eis anbettelte. „Er gab mir sogar zehn Pfennige und ich war überglücklich“, erzählt sie.
Die heute 86-Jährige erinnert sich daran, dass allmählich das Tönen der Sirenen und die Angst vor den Bombern tägliche und nächtliche Begleiter wurden. An der Ecke Frankenthaler/ Rohrlachstraße habe es eine Wirtschaft gegeben, die zwei Schwestern mit ihrer Mutter betrieben. Die Schwestern seien gute Freundinnen ihrer Mutter gewesen und die kleine Gerda habe sie Tante Elsa und Friedel genannt. Manchmal habe sie dort auch übernachten dürfen. So auch vom 5. auf 6. September 1943. Wieder hatte es einen Fliegeralarm gegeben und schnell versuchten alle in die Sicherheit des gegenüberstehenden Schlachthofbunkers zu gelangen. Draußen war die Hölle los. Nach der Entwarnung habe sich den Menschen ein Inferno geboten. „Durch die überall lodernden Feuer war die Stadt taghell erleuchtet. Ich wollte sofort nach Hause rennen, aber die Tanten verhinderten das.“
„Wo waren meine Mutter und meine Schwester?“
Am Morgen darauf war Gerda Schmitz dann an noch brennenden Häusern, glühenden Ruinen und Bergen von Trümmern vorbei nach Hause gerannt. Aber an der Ecke Blücherstraße sei es nicht weitergegangen. In die linke Häuserzeile habe eine Luftmine eingeschlagen. Die fünfstöckigen Häuser plus Gauben seien wie abrasiert gewesen, die Trümmer über die Straße verstreut und zu Bergen aufgehäuft. Kein Durchkommen. „Von der Parallelstraße aus konnte ich die Ruine unseres Hauses sehen. Es war total ausgebrannt. Ein Schock. Und wo waren Mutter und Schwester?“ Gerda Schmitz erfuhr, das ihre Renate in der Nachbarschaft half, Sachen aus den Ruinen und glühenden Schuttbergen zu retten, die Mutter war wegen einer Rauchvergiftung im Krankenhaus. Erschüttert sei sie zurück zu ihren Tanten gelaufen.
Gegen Abend sei ihre Mutter aus dem Krankenhaus gekommen, sie habe sich aus Sorge um die Töchter selbst entlassen. „Nun waren wir obdachlos und besaßen nur das, was wir am Leibe trugen. Bis wir dann in der Denisstraße eine neue Bleibe bekamen, durften wir bei den Tanten bleiben.“ An dem Haus vorbei habe das Viadukt geführt, dahinter habe das Bahngelände gelegen, das nun häufiger Ziel von Fliegerangriffen geworden sei. Nach jedem Angriff seien Fenster und Türen kaputt gewesen.
Gerda Schmitz, 1940 in der Hemshofschule eingeschult, erinnert sich daran, dass sie ab 1942 einen weiten Weg zu laufen hatte in die Friesenheimer Rupprechtschule. Beschwerlich, doch habe es noch keine Mama-Taxis gegeben. Weil es immer häufiger Fliegeralarm gab, habe der Unterricht oft schon um 10, 11 Uhr geendet. Gern denkt Gerda Schmitz an die Wochen der Kinderlandverschickung, die sie 1941 bei einer Familie in Ohmbach bei Kusel verbrachte. Die hatten fünf Kinder und zwei Ziegen, und es sei ihr dort sehr gut gegangen. Sie habe noch lange Zeit nach Kriegsende mit der Familie in Verbindung gestanden.
Die grausame Entdeckung im „Knobelbecher“
Einige Wochen vor Kriegsende war Gerda Schmitz mit ihrer Mutter und einigen Bekannten in eine ruhigere Gegend evakuiert worden. Obdach erhielten sie in der Nähe von Horb am Neckar. Dort habe es weniger Fliegeralarm und keine Bombenangriffe gegeben. „Dafür wurden wir dort öfter von Tieffliegern heimgesucht!“ Eines Tages sei ein aus Horb kommender, vorwiegend mit jungen Soldaten besetzter Zug beschossen worden. Der Zug habe angehalten und die Soldaten seien in den nahen Wald geflüchtet. Die Zeitzeugin erzählt weiter: „Nach dem Angriff gingen viele Dorfbewohner, auch meine Mutter und ich, in den Wald, um zu sehen, was passiert war. Auf dem Weg dahin sahen wir etliche Autos, die mit verletzten Soldaten besetzt waren. Ein Auto blieb mir besonders in Erinnerung. Zwei Verletzte lagen auf dem Dach des Autos und Blut lief an der Rückseite herab. Das war ein entsetzlicher Anblick, den ich nie vergessen werde.“ Dann seien sie weiter gegangen, als sie plötzlich einen „Knobelbecher“, einen Stiefel, auf dem Boden liegen sah. „Neugierig, wie Kinder eben sind, hob ich ihn auf, warf ihn aber sofort wieder weg. Ein Fuß steckte noch darin. Ich war erschüttert.“ Gerda Schmitz schüttelt sich bei der Erinnerung noch heute. Kurze Zeit später sei der Ort von feindlichen Soldaten eingenommen worden und sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben schwarze Menschen gesehen. Für dieses Gebiet sei der Krieg nun vorbei gewesen.
200 Kilometer zu Fuß nach Hause marschiert
„Meine Mutter wollte so schnell wie möglich zurück nach Hause. Offiziell durften wir aber den Ort nicht verlassen, doch meine Mutter gab nicht auf. Sie besorgte schließlich einen kleinen Leiterwagen für unser Gepäck“, erzählt Gerda Schmitz. „Und so machten wir uns – meine Mutter, eine Bekannte mit ihrer sechsjährigen Tochter und ich – auf den Weg nach Hause. Wir liefen von morgens bis abends. Um 18 Uhr war überall Sperrstunde, da durften wir nicht mehr auf der Straße sein. Meine Mutter fragte vor Ort immer zuerst nach dem Bürgermeister. Von diesem ließ sie sich dann für uns eine Unterkunft für die Nacht zuweisen. Das hat auch immer geklappt.“ Nach mehr als 200 Kilometern Fußmarsch kamen sie nach sechs Tagen erschöpft wieder in Ludwigshafen an.