Speyerer Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegsende im Speyerer Umland vor 75 Jahren:Den Weg für die „Amis“ freigemacht

Amerikanische Panzer in Berghausen: Der damals 14-jährige Otto Haaf machte das Foto durch den Fensterladen seines Elternhauses.
Amerikanische Panzer in Berghausen: Der damals 14-jährige Otto Haaf machte das Foto durch den Fensterladen seines Elternhauses.

Vor 75 Jahren endete für die Pfalz der Zweite Weltkrieg. In Dudenhofen forderten die letzten Kriegstage noch Todesopfer. In Heiligenstein geriet die Kirche ins Visier von Jagdbombern. In Berghausen machte ein 14-Jähriger beeindruckende Fotos und riskierte dabei in jugendlichem Leichtsinn sein Leben.

In Dudenhofen hatten Volkssturmmänner vor dem Anrücken der Alliierten an allen neuralgischen Punkten des Dorfes Panzersperren errichtet. Diese wurden von mutigen Bürgern in der Nacht zum 23. März geöffnet. Am nächsten Morgen drohte daraufhin ein SS-Offizier im Dorf dem Bürgermeister mit dessen Erschießung, sollten die Sperren nicht bis 9 Uhr wieder geschlossen sein. Schmiedemeister Richard Lehr, der von 1946 bis 48 als Bürgermeister fungieren sollte, und sieben weitere Helfer bemühten sich, die im Bach versenkten schweren Stämme zu heben und mit ihnen die Sperre wieder zu schließen. Der SS-Offizier, der diese Arbeiten überwachte, drohte den Männern, ihre Häuser anzuzünden, ihnen die Köpfe abzuhacken und diese zur Abschreckung am Kirchturm aufzuhängen. Die Schließung hatte einen hohen Preis. Die Amerikaner reagierten auf die damit verbundenen MG-Salven der deutschen Soldaten: Gegen Abend geriet das Dorf unter Beschuss, etwa 50 Granateinschläge wurden gezählt. Zwei Dudenhofener Bürger erlitten durch Granaten der US-Artillerie so schwere Verletzungen, dass sie wenig später starben. Auch weitere Gebäude wie Schul- und Gemeindehaus wurden beschädigt.

Zu den zivilen Opfern in diesen Tagen gehörte in Dudenhofen ein junger russischer Arbeiter, der am Morgen des 23. März 1945 einer Verwechslung zum Opfer fiel. Er wurde von einem deutschen Soldaten, der ihn für einen Amerikaner hielt, erschossen. Beim Näherkommen der US-Truppen verließen deutsche Generalstabsoffiziere, die in einem Anwesen in Dudenhofen einquartiert waren, das Dorf und ließen ihre Untergebenen zurück. Die Soldaten wurden von Einheimischen mit Nahrungsmitteln versorgt und gleichzeitig zum Abzug überredet, um weitere Opfer beim Einmarsch der alliierten Streitkräfte zu vermeiden. Ab der Dunkelheit marschierten die Wehrmachtssoldaten zu Hunderten bis zum Morgengrauen in Richtung Rhein.

Deutsche auf dem Rückzug

In Heiligenstein ging ihr Marsch durch die Viehtriftstraße. Einige Anwohner versorgten die Soldaten mit Schweineschmalz und Bratkartoffeln. Im benachbarten Berghausen, wo sich der am 21. März 1945 aus Wachenheim verlegte Gefechtsstand der deutschen Heeresgruppe G befand, brachten die Tage bis zum 24. März für die Menschen bange Erwartungen.

Die Ungewissheit, was kommen wird, plagte jeden. Dies galt auch für Mechtersheim, wo Gauleiter Willi Stöhr mit seinem Stab seit dem 21. März im Heim der Hitlerjugend residierte, da ihm Speyer offenbar zu heiß geworden war. Die politische und militärische Führung der Region begab sich in Richtung des Brückenkopfs Germersheim – nach Sprengung der Speyerer Rheinbrücke am 23. März 1945 der letzte verbliebene Rheinübergang. Versprengte Gruppen deutscher Soldaten kamen durch Mechtersheim und wurden ebenfalls mit Essen und Trinken versorgt. Die Amerikaner konnten das Dorf ohne Gegenwehr in Besitz nehmen. Kaplan Schwarz, der zuvor die aus Schwegenheim kommenden Panzer vom katholischen Kirchturm aus beobachtet hatte, ging dem Konvoi der US-Truppen mit einem weißen Tuch entgegen. Es war Samstag vor Palmsonntag, der 24. März 1945, 12.45 Uhr. Die amerikanischen Fahrzeuge rollten die Kirschenallee hinab Richtung Rhein. Im Wald gab es noch einige Schießereien. Bei Einbruch der Nacht herrschte dann Ruhe. Die Bevölkerung atmete auf und freute sich, alles überstanden zu haben. Was folgte, waren Hausdurchsuchungen der US-Soldaten, die durch die Häuser schlichen, vom Keller bis zum Dach alles ausleuchteten und mit aufgepflanzten Bajonetten in Säcke und Haufen stachen.

In Heiligenstein, wo seit Tagen kein elektrisches Licht mehr brannte, führte eine gut funktionierende Mundpropaganda dazu, dass die Einwohner allesamt Bescheid wussten, dass die Amerikaner kommen. Immer wieder hörte man im Ort den Satz: „Morsche kummen se, vun Harthause her.“ In der Nacht hörte man Schießen, und Jagdbomber nahmen das Dorf ins Visier. Die Einschläge hüllten die Kirche in Staub. Allein an der Stirnseite zählte man anschließend deren sechs. Einige Häuser und Scheuern wurden beschädigt. Ein Mann starb an den Folgen von Verletzungen. Zwei deutsche Soldaten, die mit dem Auto von Dudenhofen kamen, wurden von der Feldgendarmerie erschossen. Die Bauern mussten Munition über den Rhein fahren.

Panzer am Ortseingang

Am nächsten Tag, Samstag, der 24. März, ein sonniger Frühlingstag, ging ein Raunen durch die Straßen: „Sie sind do, om Fahrweg (Ortsausgang) steh’n se!“ Es war eine Vorhut mit Jeep, Panzer und bewaffneten Soldaten, die ausspähten, ob die Luft rein ist. Einheimische Parteimitglieder der NSDAP, die noch immer an Hitlers Wunderwaffe glaubten, hätten beinahe eine Schießerei provoziert. Auch hier ging es um den Abbau der Panzersperren durch einheimische Männer. Nun standen die „Amis“ am Ortseingang und warteten. Da nichts geschah, ging eine mutige Frau, Theresia Seithel, auf die alliierten Soldaten zu, winkte sie herbei und sagte: „Das Militär ist alles fort!“ Die deutsch verstehenden Soldaten winkten ab und sagten: „Der Ortschef soll kommen“ und fragten: „Warum keine weiße Fahne?“ Der zweite Bürgermeister, Richard Walburg, ging den schweren Gang: Er kam in Begleitung seiner beiden Töchter, die ihren Vater an den Armen hielten. Walburg hielt in seinen Händen eine lange Bohnenstange, an der ein kleines weißes Stoffstück geheftet war. Ein Junge holte auf seine Anweisung hin eine große Fahne, die in einer Scheune unter Stroh versteckt war. Richard Walburg ging auf die Amerikaner zu und übergab zittrig das Dorf zum freien Geleit.

Die US-Soldaten forderten sodann per Funk Verstärkung an; diese kam schwer bewaffnet mit Panzern, Geschützen und vielem Bodenpersonal. Zur gleichen Zeit ging die Meldung durch die Straßen: „Alle Häuser sollen weiß beflaggt werden!“ Dafür wurden schnell Kopfkissen, Windeln und Kopftücher verwendet. Und bei den größten Nazis im Dorf wehten wenig später nicht selten die größten Bettlaken im Wind, als Zeichen, dass sie sich ergeben hatten. Die Amerikaner durchkämmten jedes Haus. Ohne Schießerei und ohne, dass jemanden ein Haar gekrümmt wurde, wurde das ganze Dorf eingenommen. Die Bevölkerung atmete auf und nicht selten hörte man den Satz: „Do sinn mer jo gut devu kumme!“

In der Berghäuser Hauptstraße machte der damals 14 Jahre alte Otto Haaf durch den Spalt der Klappläden seines Elternhauses in jugendlichem Leichtsinn Schnappschüsse von einrückenden amerikanischen Panzern – eine Aktion, die leicht hätten ins Auge gehen können. Gut eine Woche blieben die Amerikaner in den Dörfern, bevor sie sich weiter nach Norden absetzten. Vielen Kindern blieben die fremden Soldaten in unvergesslicher Erinnerung, da sie von ihnen bisher nicht gekannte Leckereien wie Kaugummi, Schokolade oder Kakao geschenkt bekamen.

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