Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne aus dem Corona-Homeoffice: Auf dem Weg zum Selbstversorger

Nach der Videokonferenz Hühner beobachten: Familie Barth hat ein sinnvolles Corona-Projekt gefunden.
Nach der Videokonferenz Hühner beobachten: Familie Barth hat ein sinnvolles Corona-Projekt gefunden.

Das Leben fährt sich wieder hoch. Zumindest für die meisten Menschen. Meine Zweitklässlerin schaut weiter in die Röhre. Planmäßig kann sie erst ab dem 8. Juni das Schulgebäude tageweise wieder von innen sehen. Eine Art Stippvisite, bevor es am Monatsende in die unantastbaren, sechswöchigen Sommerferien geht. Muss ich erwähnen, dass alle Ferienbetreuungsangebote, die ich uns vor einem halben Jahr gesichert habe, auf der Kippe stehen oder besser ausgedrückt, sich steil dem Aufprall auf dem Erdenboden nähern? Aber Kind 1 kann stattdessen viele andere Dinge unternehmen: golfen, den Biergarten besuchen oder Geisterspiele der Fußballbundesliga schauen.

Neidisch auf Bauarbeiter

Deswegen überspringt meine Siebenjährige den Lebensabschnitt Schule jetzt gedanklich und beschäftigt sich lieber damit, was sie später einmal beruflich machen will. Meinen Job möchte sie nicht ergreifen. Schließlich bestehe er darin, auf einen Bildschirm zu starren und andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie genau dasselbe machen. Damit beschreibt sie sehr treffend eine meiner Webkonferenzen.

Was Kind 1 noch nicht weiß: Bald könnte es genauso dasitzen. Letzte Woche habe ich die Einverständniserklärung in der Grundschule abgegeben, die es meinem Schulkind erlaubt, genau dasselbe System wie ich zu nutzen, damit der Unterricht zukünftig online stattfinden kann.

Mein Job erscheint Kind 1 aber auch deswegen nicht erstrebenswert, weil ich dafür das Haus nicht verlassen darf. Wer hätte gedacht, dass das mal ein Kriterium für den Traumberuf sein würde? Als wir vor ein paar Tagen an einer Baustelle vorbeischlenderten, seufzte meine Tochter tief und sagte: „Die dürfen zumindest zusammen arbeiten.“

Voll im Trend

Kind 2, bei dem die Erinnerungen an einen Alltag vor Corona immer mehr verblassen, visiert ein anderes Ziel an. Es möchte Selbstversorger werden. Für Psychologen eine klare Sache: Die Vierjährige hat schon begriffen, dass man, wenn es hart auf hart kommt, auf sich selbst zurückgeworfen wird. Wohl dem, der sich dann um seine eigenen Kohlrabipflanzen im Garten kümmern kann. Oder um Hühner.

Vor ein paar Tagen ist nämlich unser persönliches Corona-Projekt bei uns eingezogen: zwei Haushühner. Damit liegen wir in dieser Krisenzeit voll im Trend. Anbieter, von denen man Hühner samt Stall und Zubehör mieten kann, sind bis in den Herbst hinein ausgebucht. Denn nicht nur Vierjährige sehnen sich nach Sicherheit. Auch Erwachsene möchten sich für die nächste Krise gerüstet wissen. Und weil die Toilettenpapiervorräte bis 2027 reichen, ziehen jetzt die Nutztiere ein. Kind 2 ist jedenfalls selig und starrt nicht (wie ich und ihre Schwester) auf Bildschirme, sondern auf ihre neuen gefiederten Freunde.

Vera Barth
Vera Barth
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