Rhein-Pfalz Kreis Kleine Tiere, großer Auftritt

«Ludwigshafen.» „Ihhhh, eine Kakerlake, wie ekelig“, ruft eine Frau aus einem Hof. „Hab dich nicht so“, sagt ihr Gegenüber und wischt die Schabe vom Tisch. Die dämmerungs- und nachtaktiven Tierchen sind derzeit pfalzweit Gesprächsthema. Doch Manfred Alban Pfeifer aus Bobenheim-Roxheim gibt Entwarnung. Bei den kleinen Tierchen handelt es sich nicht um Kakerlaken, auch bekannt als Küchenschaben und Vorratsschädlinge, sondern um Bernstein-Waldschaben – Ectobius vittiventris – oder in den meisten Fällen Trassenwaldschaben – Planuncus tingitanus. Und: „Beide sind harmlos.“ Zu unterscheiden seien sie kaum. Pfeifer muss es wissen. Bei der Pollichia Pfalz gilt er als der Insektenexperte schlechthin. Mit den Schaben ist er sehr vertraut. 2012 hat er im Westen des Ludwigshafener Stadtteils Friesenheim die Trassenwaldschabe entdeckt, ein Jahr zuvor in Landau den Erstnachweis der Bernstein-Waldschabe für Rheinland-Pfalz erbracht. Der 55-jährige Biologe, der zurzeit auf Schaben-Erkundungstour in den Schweizer Bergen ist, erklärt im Gespräch, dass sich die Schaben „mordsmäßig“ vermehrt haben. Für ihn sei das gehäufte Auftreten der kleinen Insekten „auch ein Zeichen für den Klimawandel“. Denn die Trassenwaldschabe ist eigentlich Nordafrikanerin und ursprünglich im Atlasgebirge zu Hause. Vor zehn Jahren wurde sie eingeschleppt. In der Rheinebene habe sie ideale Lebensbedingungen gefunden. „Sie ist weniger schädlich als eine Stubenfliege, die sich ja auch mal auf Kot setzt.“ Die Trassenwaldschabe sei ein eher reinliches Tier, lebe im Gebüsch, ernähre sich von Pflanzenresten und auch angefaultem Obst. Für alles andere sei ihr Mundwerkzeug gar nicht kräftig genug. Ebenso wie Trassenwaldschaben halten sich laut Pfeifer auch die Bernstein-Waldschaben nicht gerne im Haus auf. Zwar habe es in einem Schweizer Krankenhaus vor Jahren mal eine Plage gegeben, das sei aber die Ausnahme. Die Gattung stammt aus dem Mittelmeerraum. „Sie hat sich langsam nach Norden vorgearbeitet, mit Hilfe des Menschen“, sagt Pfeifer. Zuerst erkundeten die Tiere die Schweiz, dann Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Inzwischen seien sie in Nordrhein-Westfalen ebenfalls zu finden. Auch wenn die meisten Menschen nicht viel mit den Schaben anfangen können, für Pfeifer sind die bronzefarbenen Insekten hoch interessant. Seine Liebe zur Natur hat er als Kind bei den Pfadfindern entdeckt und später zum Beruf gemacht. Sein Spezialgebiet sind Erhebungen zur Erhöhung der Artenvielfalt in der Landwirtschaft. Seit 18 Jahren engagiert er sich zudem bei den Grünen, 2013 kämpfte er als Kandidat um das Bürgermeisteramt seiner Heimatgemeinde. Großes Interesse hegt Manfred Pfeifer auch für Heuschrecken und Tagfalter. Wo immer er hinkommt, hält er nach neuen Arten Ausschau. Zu den wichtigsten Instrumenten Pfeifers zählt sein Regenschirm. Den spannt er auf, dreht ihn um und hält ihn unter ein Gebüsch, bevor er es schüttelt oder daran rüttelt. In den Alpen sucht er die Insekten unter Steinen. Die Exemplare verstaut er in Gläsern. Zu Hause oder im Quartier werden sie in Alkohol gelagert oder aufgespießt, die Flügel aufgespannt. „Denn unter den Flügeln finden sich besondere Merkmale, die die Schaben voneinander unterscheiden.“ Es nütze nichts, Trassenwald- oder Bernstein-Schaben im Haus zu bekämpfen. „Sie kommen von draußen rein.“ Selbst wenn sie Eigelege, Ootheken, im Haus hinterlassen, erklärt Pfeifer. „Die Jungen haben keine Chance, dort zu überleben.“ Die Schaben legen ihre Eier im Herbst, die Jungen schlüpfen im Frühjahr. Für einen Sommer. Im Herbst verenden sie. In Deutschland ist die Gruppe der Schaben klein. Der Bobenheim-Roxheimer Biologe kennt hierzulande zehn Arten Schaben, weltweit sind es 4600. Sehr selten, wenn auch nicht bedroht, sei an einigen Stellen auf den Ostfriesischen Inseln die Küstenschabe. Bis auf das ein oder andere Insekt, dass sich auch mal eine Schabe munden lässt, haben die Tiere keine natürlichen Feinde, erzählt Pfeifer.