Speyerer Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Kirchenaustritte: „Viele leben erfülltes Leben – auch ohne Glauben“

Die Kirchenbänke bleiben auch im Speyerer Umland häufig leer.
Die Kirchenbänke bleiben auch im Speyerer Umland häufig leer.

Das Medieninteresse an der anstehenden Papstwahl kann nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass die Mitgliederzahlen der Kirchen auch im Speyerer Umland rückläufig sind.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben im vergangenen Jahr zusammen mehr als eine Million Mitglieder durch Austritte und Todesfälle verloren. Diese Zahlen haben die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz vor wenigen Wochen veröffentlicht. Die Anzahl der Kirchenaustritte ging dabei 2024 im Vergleich zum Vorjahr allerdings leicht zurück. Ende 2024 gehörten noch 37,8 Millionen Menschen einer der beiden Kirchen an, knapp 18 Millionen davon der evangelischen, 19,8 Millionen der katholischen Kirche. Das Bistum Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz verloren jeweils gut 3 Prozent ihrer Mitglieder innerhalb eines Jahres.

Und wie sehen die Zahlen im Speyerer Umland aus? Die Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen hat auf RHEINPFALZ-Anfrage die Zahlen ab 2020 zusammengestellt. Vor fünf Jahren kehrten 90 Menschen der katholischen und 61 der evangelischen Kirche den Rücken. In den folgenden Jahren stiegen die jährlichen Austrittszahlen bis zum Höhepunkt 2022 auf 245 bei den Katholiken und 125 bei den Protestanten. Seitdem sinken die Zahlen wieder: 2024 verließen 138 Menschen die katholische und 66 die evangelische Kirche. Insgesamt haben die Kirchen in der Verbandsgemeinde über den Zeitraum von fünf Jahren rund 1300 Mitglieder verloren.

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Pandemie- und Nachholeffekt?

Jens Henning, der Pfarrer der rund 8000 Mitglieder zählenden katholischen Pfarrgemeinde Heilige Hildegard, zu der alle Orte der Verbandsgemeinde gehören, erwartet, dass die Zahlen in den nächsten Jahren auf einem ähnlich hohen Niveau bleiben werden. „Die institutionelle Bindung an die Kirche verliert an Selbstverständlichkeit, und das über alle Konfessionen hinweg“, sagt er. Die relativ niedrigen Zahlen für 2020 führt er auch auf die pandemiebedingten Schließungen vieler Behörden zurückzuführen. „Danach kam es zu einem gewissen Nachholeffekt“, glaubt der Pfarrer. Dass die Zahlen zuletzt zumindest leicht gesunken sind, freue ihn. „Vielleicht lässt sich ja sogar ein kleiner Gegentrend ablesen, der auch mit der guten und glaubwürdigen Arbeit vor Ort zusammenhängt“, sagt Henning.

Werner Bücklein, der mehr als 20 Jahre als Gemeindediakon in der evangelischen Kirchengemeinde in Dudenhofen tätig war, bevor er in den gemeindepädagogischen Dienst des Kirchenbezirks wechselte, findet die Zahlen „schrecklich“. Dabei ist er überzeugt: „Es wird noch schlimmer werden.“ Es werde geschätzt, dass die evangelische Kirche bis zum Jahr 2035 die Hälfte ihrer Mitglieder verliere. In der Kirchengemeinde Dudenhofen, zu der auch Harthausen und Hanhofen gehören, gibt es laut Bücklein noch gut 2100 protestantische Christen. Die zuletzt wieder sinkenden Austrittszahlen könnten auch damit zusammenhängen, dass es insgesamt schon deutlich weniger getaufte Protestanten gebe als früher, glaubt er.

Erfülltes Leben ohne Glauben

Die aktuellen Zahlen spiegeln nach Ansicht von Pfarrer Henning vieles wider, was auch eine Studie zur Lage der Kirche aufzeige: Die Sinnfrage stelle sich heute nicht mehr automatisch religiös. Viele Menschen fänden ihre Antworten in Familie, Beruf, Engagement oder persönlichem Glück. „Die Frage nach einem transzendenten Sinn, nach Gott, ist für viele schlicht nicht mehr relevant. Und das ist keine Haltung, die ich verurteile – man kann das gut nachvollziehen. Viele leben ein gutes, erfülltes Leben – auch ohne Glauben“, sagt der Pfarrer. Er verstehe, dass sich angesichts von Jahrhunderten moralischer Bevormundung, von Missbrauch und systematischer Vertuschung, von überholten Positionen in der Frauenfrage und der Sexualmoral viele Menschen von der Kirche ab- anstatt sich ihr zuwenden.

Jens Henning ist überzeugt, dass sich die Kirche wandeln muss, um den Abwärtstrend zu bremsen oder gar umzukehren. „Sie sollte nicht mehr vorgeben, alle Antworten zu kennen, sondern Räume bieten, in denen Menschen gemeinsam fragen, suchen, zweifeln und hoffen können. Orte, wo Spiritualität gelebt wird, nicht aufgedrängt. Gemeinschaften, in denen ein anderer Ton herrscht – ehrlich, offen, menschenfreundlich“, sagt er. Viele Menschen wünschten sich zudem eine Kirche, die sich konkret und sichtbar in die Gesellschaft einbringt. Das geschehe bereits an vielen Stellen – oft leise, aber wirkungsvoll: beispielsweise durch Kindertagesstätten, Beratungsdienste, Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe oder offene Treffpunkte.

Neue spirituelle Angebote

Der Pfarrer findet, dass vor Ort in der Pfarrei Heilige Hildegard bereits vieles gelinge: „Besonders im Bereich der spirituellen Angebote tut sich viel“, sagt er. Ein Beispiel sei der monatliche Gottesdienst plus mit besonderer Musik, Chören und Bands auch von außerhalb, modernen Texten, lebensnahen Predigten von Gemeindemitgliedern und immer mit einem offenen Rahmen: Frühstück vor dem Gottesdienst oder Mittagessen danach – mitten in der Kirche. „Es wird großartig angenommen. Die Kirche in Dudenhofen ist voll – und das mit vielen neuen Gesichtern, die man zuvor selten oder nie gesehen hat“, freut sich Henning. Ganz ähnliche Erfahrungen hat Werner Bücklein bei den Protestanten mit dem „Gottesdienst für Ausgeschlafene“ gemacht, der ein ähnliches Konzept verfolgt. „Rappelvoll“ sei die Kirche dann. Um den Mitgliederschwund aufzuhalten müsse die Kirche „richtig Gas geben“ und „mit dem Evangelium an die Leute ran“, findet der Diakon. Die weniger werdenden Ressourcen sollten seiner Ansicht nach nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern sich auf Gemeinden konzentrieren, wo sich der Einsatz lohne. Das dies erfolgreich sein kann, zeigen für ihn die Freikirchen mit Einzugsgebieten von bis zu 100 Kilometern.

Mit Blick auf das am Mittwoch beginnende Konklave lobt Henning, dass der verstorbene Papst Franziskus in vielen Bereichen Türen geöffnet habe – etwa in der Frauenfrage, bei der Sexualmoral und beim synodalen Prinzip. „Zumindest darf heute offen über viele dieser Themen nachgedacht werden – das war nicht immer selbstverständlich“, sagt er – auch wenn die Ergebnisse für viele und auch für ihn noch nicht zufriedenstellend seien. „Jetzt braucht es jemanden, der diese Linien nicht nur fortsetzt, sondern weiterdenkt – mit Mut, spiritueller Tiefe und einem wachen Blick auf die Wirklichkeit der Menschen“, findet der Geistliche. „Die Frage nach den Armen und Ausgegrenzten wird dabei zentral bleiben müssen – gerade als glaubwürdiges Zeichen christlicher Hoffnung in einer zunehmend fragmentierten Welt.“

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