Speyerer Umland
Kirchen vor 300 Jahren: „Eng, schlecht und baufällig“
Fürstbischof und Kardinal Damian Hugo von Schönborn, der seit 1719 die Geschicke des völlig verschuldeten und heruntergewirtschafteten Bistums lenkte, wurde vor große finanzielle Herausforderungen gestellt. Aber seine Amtszeit bedeutete für das Hochstift und Fürstbistum Speyer auch einen Höhepunkt ihrer Geschichte. Die Friedensjahre, welche lediglich durch den Polnischen Erbfolgekrieg von 1733 bis 1735 unterbrochen wurden, ermöglichten es dem Oberhirten, dass das kirchliche und weltliche Leben reaktiviert werden konnte. Denn durch eine kluge und gewissenhafte Haushaltsführung konnten die Kosten für wichtige Baumaßnahmen – auch auf dem Lande – aufgebracht werden.
In den südlich und westlich der Domstadt liegenden Orten Hanhofen, Harthausen und Heiligenstein waren die Gotteshäuser in einem jämmerlichen Zustand und für die mittlerweile anwachsende Seelenanzahl zu klein. Hinzu kam der Umstand, dass noch keine Priester ohne Ordenszugehörigkeit in den Dörfern residierten. Harthausen mit seiner Annexe Hanhofen wurde von Franziskanermönchen betreut, Heiligenstein und die Filiale Berghausen von den Karmelitern, was nicht immer auf ungetrübte Zustimmung stieß.
In Hanhofen, wo 1722 das Schloss Marientraut sowie das Amtshaus wieder erbaut wurden, schrieb am 15. Februar 1723 der damalige Pfarrer von Harthausen, Johannes David Kraus, der Hanhofen mitbetreute, an Kardinal Schönborn, dass die Hälfte der stetig wachsenden Gemeinde an Sonn- und Feiertagen weder Messe noch Predigt hören könne. Der Grund: Die Kirche sei zu klein. Die Situation lasse sich nur verbessern, wenn es einen Kaplan geben würde, der die frühe Messe liest. Die beiden Kirchenjuraten Johannes Schmidt und Johann Heinrich Siegel hatten aufgrund der mangelhaften Zustände gewiss keine einfachen Tätigkeiten zu verrichten. Umso mehr freute sich die Gemeinde über die Anschaffung eines Kruzifix-Bildes, das der Speyerer Maler Johann G. Dathan für die Hanhofener Kirche anfertigte und das die karge Ausstattung der Kirche bereicherte. Erwähnt wird auch die Ausbesserung des Weihwassersteins durch einen nicht namentlich genannten Maurer.
Gläubige stehen im Freien
In Harthausen richteten 1722 Schultheiß und Ortsgericht eine schriftliche Klage an den Fürstbischof, mit der sie auf die viel zu beengte Situation hinwiesen. Darin heißt es, dass während der Gottesdienste des Öfteren 50 Gläubige in Hitze, Kälte oder Regen auf dem Platz vor der Kirche stehen müssen, wo sie weder den Altar sehen noch die Messe hören geschweige denn sich zur Erhebung des Allerheiligsten niederknien können. In diesem Zusammenhang sprachen sie auch die flehentliche Bitte nach einem eigenen Pfarrer mit Kaplan aus, damit sowohl in der Harthausener als auch in der Hanhofener Kirche, welche die Gemeinden bisher abwechselnd besuchten, Gottesdienste gehalten werden können.
Wegen dieses Missstands wurde auch um die Erlaubnis ersucht, die Messe zweimal an einem Tag lesen zu dürfen, was jedoch nur wenige Wochen betrieben wurde und schließlich an den zu hohen Entlohnungskosten des Geistlichen wieder scheiterte. Auch das Ansinnen, jedem Einwohner jährlich eine gewisse Summe Geld zu zahlen, wurde verworfen und von der Filialgemeinde Hanhofen als zu nachteilig erachtet. Beiden Gemeinden war damit keine andere Möglichkeit geblieben, als wieder zur alten Form zurückzukehren.
Dorf in Gefahr von Diebstählen und Bränden
Der Zustand war auch insofern beklagenswert, dass das Dorf der Gefahr von Bränden und Diebstählen ausgesetzt war, während die Gläubigen in der jeweils anderen Gemeinde beim Gottesdienst waren. Daher wurde schlussendlich erwogen, beide Gemeinden wieder mit einem eigenen Seelsorger zu versehen. Dass 1722 der Ziehbrunnen im Pfarrhof einer Reparatur unterzogen wurde, war eine weitere positive Nachricht. Wenig später verließ auf Anweisung des Fürstbischofs mit Pater Totnan Bauer der letzte Franziskaner die Pfarrei.
Besonders düster sah die Lage in Heiligenstein aus, wo bei der Visitation 1719 im Protokoll Dramatisches über den Zustand der Kirche berichtet wird. So hätten in der vorangegangenen Weihnachtszeit etliche Gläubige von herabfallenden Brettern erschlagen werden können, wenn sie ein wenig länger in der Kirche geblieben wären. Außerdem fehle eine Sakristei, und wegen der großen Enge würden Menschen während der Gottesdienste ohnmächtig. Mit Blick auf die Zuständigkeitsfrage hinsichtlich der Finanzierung der Baulasten erinnerte die Gemeinde, dass sie ihrer Filialgemeinde Berghausen ein Drittel der Kosten auferlegt, obwohl diese seit 1717 über eine neuerbaute Kapelle verfügt, in der allerdings lediglich die Gottesdienste an den Werktagen abgehalten werden durften. Dieser Sachverhalt und die Kostenbeteiligung, die in vielen mitunter scharfen Briefen diskutiert wurden, führten zu jahrelangen Streitigkeiten, welche die Beziehungen zwischen beiden Dörfern auf eine harte Bewährungsprobe stellte.
Priester von marodem „Getäfel“ bedroht
Kurze Zeit später wandten sich die Heiligensteiner an den Fürstbischof. Das Schreiben ähnelt inhaltlich stark dem der Gemeinde Harthausen. Auch hier heißt es, dass die Kirche „eng, schlecht und baufällig“ und dort kaum Platz für eine Gemeinde sei, obwohl sie doch von zwei Gemeinden frequentiert werde. Und genau wie im Brief aus Harthausen wird von den Heiligensteinern auf den Missstand verwiesen, dass Gläubige bei Regen, Wind und Schnee im Freien stehen müssen und nicht niederknien können oder gar den Gottesdienst ganz versäumen. Weiter heißt es, dass der Priester am Altar nicht sicher stehen könne, da die Gefahr bestehe, dass „das Getäfel“ im Chor zusammenfalle oder anderes Ungemach drohe.
Wenngleich nun die armen Untertanen zur Reparatur und Erweiterung ihrer Kirche gerne alles Mögliche beisteuern wollten, so fehlten immer noch beträchtliche Mittel, um das Werk auszuführen. Daran ändere auch nichts, dass es durch die gestiegene Einwohneranzahl höhere Abgaben gebe und die Felder sich in einem so guten Zustand wie seit 100 Jahren nicht mehr befanden.
Endlich beginnen Bauarbeiten
So wurde 1722 beantragt, die Vordermauer abzubrechen und die Steine für den Turm zu verwenden, da das alte Türmlein, bei dem es sich wohl eher um einen bescheidenen Dachreiter gehandelt haben mag, ein Jahr zuvor „abgefallen“ war. Schultheiß, Gericht und Gemeinde baten, die vorher so kleine Kirche „um 30 Schuhe“ länger und größer zu bauen. Bevor es dazu kommen sollte, wurden zuvor dringend notwendige Reparaturarbeiten durchgeführt, damit die kleine Pfarrkirche nicht zusammenfalle oder anderes Unheil entstehen könne.
Spätestens im Frühherbst 1722 fanden Umbauarbeiten am Gotteshaus statt, deren Ziel es war, die Kirche nicht nur zu vergrößern, sondern auch den Glockenturm, der sich über dem Chor befand, auf das Langhaus zu setzen. Dafür nahmen Experten das Kirchlein in Augenschein, um ein Gutachten zu erstellen. Auch für Pater Gratianus vom Orden der Karmeliter, der von 1719 bis zu seinem Tod im Jahre 1730 die Pfarrei Heiligenstein versah, waren es aufregende und ereignisreiche Jahre.
Heute, 300 Jahre nach den geschilderten Ereignissen, sind die Gotteshäuser in allen drei Orten baulich in einem guten Zustand. Zwar gibt es, anders als vor einigen Jahren noch üblich, in allen Orten keinen residierenden eigenen Seelsorger mehr, doch zumindest in der Pfarrei St. Hildegard einen für gleich sechs Orten hauptamtlichen Pfarrer, dem zwei Priester und eine Pastoralreferentin zu Seite stehen. Allein die Zahl der Gottesdienstbesucher ist seit Jahren kontinuierlich rückläufig.