Rhein-Pfalz Kreis Kirche soll für alle da sein
MUTTERSTADT. „Kirche darf nicht nur für die etwa 15 Prozent Gottesdienstbesucher da sein, sondern für alle Menschen.“ Nach diesem Grundsatz lebt Maria Faßnacht und dafür hat sie sich über Jahrzehnte erst in ihrer Heimatgemeinde Mutterstadt und zuletzt als Vorsitzende des Katholikenrats im Bistum Speyer eingesetzt. Heute, 11 Uhr, bekommt sie im historischen Rathaus in Mutterstadt für ihr außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement die Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz verliehen.
16 Jahre lang, von 1991 bis 2007, war Maria Faßnacht Vorsitzende des Pfarrgemeinderats Mutterstadt. Eine sehr schöne Zeit, sagt sie rückblickend, vor allem auch wegen der guten Zusammenarbeit mit Pfarrer Gerhard Matt und Pastoralreferentin Michaela Ferner. „Die beiden waren aufgeschlossene Menschen und haben mich sehr geprägt.“ In dieser Zeit wurde ein Wohnviertelnetz aufgebaut – mit Boten, die die Menschen zu Hause besucht haben. Faßnacht fand es dabei sehr wichtig, dass die Pfarrbriefe, die die Boten nach Hause brachten, mehr als nur eine Liste der Gottesdienstzeiten enthielten, sondern auch Texte, die alle interessierten. In dieser Zeit hat sie auch an einer Analyse der Pfarrei mitgearbeitet. Ganz wichtig war ihr der Kontakt zur evangelischen Kirche, zu den Muslimen, die im Ort leben, und auch zu Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben. Dieser ausgeprägte Sinn für Ökumene hat sie nie losgelassen, das war auch eines der Hauptthemen, für die sie sich später als Vorsitzende des Katholikenrats eingesetzt hat. „Die Kirchen müssen mit einer Stimme reden, die Themen der Gesellschaft sind für alle wichtig“, begründet sie ihr Engagement. 2015 half sie bei der Organisation des großen Ökumenischen Kirchentages mit. Noch während ihrer Amtszeit als Pfarrgemeinderatsvorsitzende wurde sie erst in den Dekanatsrat und dann 1996 in den Katholikenrat des Bistums Speyer gewählt. Zum Katholikenrat gehören 54 Vertreter aus den Dekanaten und den Verbänden in der Diözese und noch andere dazu gewählte Vertreter. Der Katholikenrat hat eine Doppelfunktion, die Maria Faßnacht erklärt: „Er ist die Stimme der Laien in der Gesellschaft, er wirkt in die Gesellschaft hinein und meldet sich auch zu kirchlichen Fragen zu Wort“. Dass sie dann 2005 in den Vorstand und 2008 zur Vorsitzenden des Katholikenrates gewählt wurde, war so nicht geplant. „Ich habe es mir eigentlich nicht zugetraut, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Und ich fand es gut, dass erstmals eine Frau in dieser Position war“, sagt sie. Maria Faßnacht hat immer auf Dialog gesetzt, auch mit der Bistumsleitung. „Ich habe oft mit dem Bischof diskutiert, er hat mich sehr geschätzt, auch wenn ich anderer Meinung war“, sagt sie. Viel Gesprächsbedarf gab es bei der Gemeindepastoral 2015, der großen Strukturreform der katholischen Pfarrgemeinden. „Wir wollten es so nicht, die Entscheidung hat uns sehr wehgetan, aber es gibt keine Alternativen, weil es zu wenig Priester gibt“, sagt sie dazu. Ideen hätte man im Katholikenrat schon gehabt, aber die seien für die Bistumsleitung nicht akzeptabel gewesen. „Ich hätte mir gewünscht, dass Pfarreien auch von Nicht-Priestern geleitet werden können, von Theologinnen und Theologen.“ Außerdem hätte die Verwaltungsarbeit den Priestern abgenommen werden müssen. „Am wichtigsten wäre es gewesen, dass die Kirche nahe bei den Menschen ist und nicht irgendwo“, sagt Faßnacht. Mit Kritik habe sie nie gespart, sie aber nie mit der Holzhammermethode vorgebracht. Diplomatie sei da sehr wichtig. Auch als es um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ging, bei der sie als Mitglied des bundesweiten Zentralkomitees der Katholiken mit eingebunden war. Ganz wichtig für Maria Faßnacht war auch der Aufbau einer Allianz gegen Altersarmut und das Netzwerk für Ökologie. „Gutes Leben für Alle“, ist das Motto der Aktion, zu der viele Informationsveranstaltungen gehören, bei denen es auch darum geht, sein eigenes Lebensziel zu hinterfragen. Gerade in diesem Zusammenhang war für Maria Faßnacht die Teilnahme an einer Studienfahrt mit Misereor nach Kalkutta im Jahr 2012, bei der es auch zu den „Müllkindern von Kalkutta“ ging, ein Schlüsselerlebnis. „Die Leute dort geben nicht auf, obwohl sie verhungern“, erzählt sie. Seit dem lebt sie viel bewusster. Ihr ehrenamtliches Engagement hat einen großen Teil ihrer Freizeit eingenommen. Doch die beiden Söhne sind inzwischen aus dem Haus und ihr Mann habe ihr den Rücken freigehalten. Vor zwei Jahren kam ein Tiefschlag im Leben von Maria Faßnacht. Nach einer Operation erlitt sie einen Schlaganfall und musste erst wieder lernen zu laufen und zu sprechen. Abgehalten von ihrem Engagement hat sie das aber nicht. „Schriftlich funktioniert die Kommunikation ja einwandfrei“, sagt sie. Im April legte Maria Faßnacht ihre Ämter nieder. An der Krankheit lag das nicht unbedingt. „Ich hätte sowieso aufgehört. Ich werde 70, und so ein Amt gehört in jüngere Hände, finde ich.“