Römerberg RHEINPFALZ Plus Artikel Kinder aus Belarus dürfen nicht mehr kommen

Der wohl letzte Besuch belarussischer Kinder in Römerberg: 2019 sang eine Gruppe bei der Eröffnung der Römertafel in Heiligenste
Der wohl letzte Besuch belarussischer Kinder in Römerberg: 2019 sang eine Gruppe bei der Eröffnung der Römertafel in Heiligenstein.

Rund 30 Jahre lang sind Kinder aus Belarus regelmäßig zu Erholungsaufenthalten nach Römerberg gekommen. Dieses Kapitel muss nun beendet werden.

Anfang März habe der Römerberger Paul Neumann ein Schreiben von der Verwaltung für Angelegenheiten des Präsidenten der Republik Belarus erhalten, berichtet der Speyerer Siegfried Ettel, der sich im Berghausener Tschernobyl-Kreis engagiert. In dem Schreiben sei Neumann, der auch Vorsitzender des Sprecherrates der Tschernobyl-Initiativen von Rheinland-Pfalz ist, mitgeteilt worden, dass Kindergruppen aus den verstrahlten Gebieten von Belarus nicht mehr in den Westen zu Erholungsaufenthalten reisen dürfen. Deshalb könne der Tschernobyl-Kreis in Berghausen leider keine Kinder aus Belarus mehr zu Erholungsaufenthalten einladen.

In den vergangenen rund 30 Jahren sind zirka 1000 Kinder mit ihren Betreuern zu Erholungsaufenthalten in der Pfarrei gewesen. Im Jahr 1991 kam die erste Gruppe: Es handelte sich um Kinder, die im Umkreis des Atomkraftwerks in Tschernobyl lebten und teils unter gesundheitlichen Problemen litten, die Folge der Reaktorkatastrophe waren, die sich dort 1986 ereignet hatte. Viele Gastfamilien in der Pfarrei haben in dieser Zeit immer wieder Kinder aus Belarus bei sich zu Hause aufgenommen. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Nuklearkatastrophe wurde es aber für den Helferkreis schwieriger, Gasteltern zu finden und um Spenden zu werben. Die letzte Gruppe aus Belarus war im Jahr 2019 in Römerberg. Dann verhinderte die Corona-Pandemie weitere Besuche. Nun steht der Überfall des belarussischen Verbündeten Russland auf die Ukraine einer Wiederaufnahme der Erholungsaufenthalte im Weg.

„Durch den Krieg in der Ukraine sind viele Kinder in große Not geraten. Daher hat der Tschernobyl-Kreis auf seiner letzten Sitzung einstimmig beschlossen, seine Aktivitäten auf ein neues Gebiet zu verlagern“, sagt Ettel. Dies soll in enger Zusammenarbeit mit der „Gemeinnützigen Bauorden GmbH“ geschehen. Sie organisiert seit vielen Jahrzehnten Baucamps für junge Menschen, bei denen in vielen Ländern Europas für etwa zwei Wochen praktische Arbeit auf Baustellen für humanitäre Zwecke geleistet wird. Darüber hinaus leistet der Bauorden seit zehn Jahren praktische Hilfe in der Ukraine und unterhält viele Kontakte, darunter auch mit der Caritas vor Ort. Als akute Nothilfe sollen zu Ostern Lebensmittelpakete in die Ukraine geschickt werden. Ein Umladen an der Grenze von Polen zur Ukraine ist nicht nötig. „Damit ist gewährleistet, dass alle Pakete auch tatsächlich direkt ihre Empfänger erreichen“, teilt Ettel mit.

Hilfe für Ukraine

Die rheinland-pfälzische Landesregierung wolle Kontakt mit der Ukraine aufnehmen und voraussichtlich im April bekanntgeben, mit welcher Region in der Ukraine sie zusammenarbeiten will. Deshalb beabsichtigt der Tschernobyl-Kreis über die Gemeinnützige-Bauorden-GmbH Kontakte mit einem Waisenhaus oder Kinderheim in dieser Region aufzunehmen. Der Tschernobyl-Kreis habe bereits die Ukraine-Hilfe vor Ort mit mehr als 10.000 Euro unterstützt und wolle dies auch weiterhin fortsetzen.

Der Vorsitzende des Tschernobyl-Kreises, Paul Neumann, wird im Juli 80 Jahre alt und will die Verantwortung sukzessive an jüngere Mitglieder abgeben, nämlich an Gunda und Michael Lindler, die in der Vergangenheit schon aktiv und maßgeblich an der Organisation der Erholungsaufenthalte der Kinder aus Belarus beteiligt waren. Dass der letzte dieser Aufenthalte, im Jahr 2019 vor Beginn der Corona-Pandemie, voraussichtlich der letzte gewesen sein wird, ist für den Berghausener und seine Mitstreiter schmerzhaft. „Das tut uns natürlich sehr leid“, sagt Neumann. Bei den Besuchen seien oft Tränen geflossen, wenn es ans Abschiednehmen ging. Über die Jahre seien viele persönliche Kontakte entstanden, sogar Ehen seien geschlossen worden.

Die Kontakte nach Belarus will Neumann auch nicht abreißen lassen. Allerdings werde das Thema Politik dabei ausgeklammert. „Zum Schutz der Leute dort“, wie er sagt. Den Telefonate würden abgehört, ist der Römerberger überzeugt. Eine Entspannung des Verhältnisses zu Belarus kann sich Neumann erst für die Zeit nach Putin vorstellen. Zu weit reiche dessen Arm in das Nachbarland. Trotz der momentanen Eiszeit im Verhältnis zwischen Deutschland und Belarus ist der Berghausener überzeugt, dass die Erholungsaufenthalte etwas bewirkt haben – nicht nur für die Gesundheit der Kinder, sondern auch in manchen Köpfen. Bei den Demonstrationen gegen die Regierung in Belarus seien Leute dabei gewesen, die als Tschernobyl-Kinder in Deutschland waren.

Spendenkonto

Spenden für die Kinderhilfe Ukraine nimmt das Pfarramt der Pfarrei Heilige Hildegard entgegen. Bankverbindung: Katholische Kirchengemeinde Hildegard von Bingen, IBAN: DE 62 5479 0000 0000 2744 61, Volksbank Kur- und Rheinpfalz, Verwendungszweck: Kinderhilfe Ukraine

Der Tschernobyl-Kreis: (hinten von links) Siegfried Ettel, Carola Liesert, Paul Neumann, Käthe Maier und Michael Lindler, (vorne
Der Tschernobyl-Kreis: (hinten von links) Siegfried Ettel, Carola Liesert, Paul Neumann, Käthe Maier und Michael Lindler, (vorne von links) Hildegard Ettel, Gunda Lindler. Stefanie Burger.
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