Bobenheim-Roxheim
Kennenlern-Café: Ankommen im fremden Land
Zum zweiten Kennenlern-Café nach der Premiere im Mai gibt es Kuchen, Obst und bei dem heißen Wetter natürlich auch Eis. Das gefällt vor allem den vier Kindern, die zwischen den Tischen auf dem Boden Türme aus Holzklötzchen bauen. Es sitzen fast nur jüngere und ältere Frauen am Tisch, insgesamt sind es etwa zwei Dutzend.
Beim ersten Treffen seien die Ukrainerinnen noch zurückhaltender gewesen, so der Eindruck von Andrea Rech, der Vorsitzenden des Sozialvereins Kunterbunt, der das Kennenlern-Café organisiert. Sie ist dankbar, dass die protestantische Kirchengemeinde immer wieder Räume ihres Gemeindehauses zur Verfügung stellt. Diesmal seien die Stimmung lockerer und die Menschen offener, trotz Verständigungsschwierigkeiten. Ein älterer Helfer packt das Smartphone aus, um eine Übersetzungshilfe zu bemühen. Ganz dicht hält die Ukrainerin das Handy ans Ohr, um die Übersetzung zu verstehen. Es dauert es ein paar Versuche, bis das Pogramm mitspielt. Wenn nur Kauderwelsch rauskommt, kann man aber gemeinsam darüber lachen.
Mittlerweile Wohnung gefunden
Yelyzaveta Tsymbal, genannt Lisa, spricht gut Englisch und hilft im Café als Dolmetscherin. Gerade sucht sie auf ihrem Handy für eine ältere Frau die Kontaktdaten eines Arztes und schreibt sie auf eine Serviette. Die 30-jährige Ukrainerin ist eigentlich Kinderärztin und mit ihrer Schwester und zwei Kindern im März drei Tage lang mit Auto und Zug aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, geflohen. Erst sind die vier privat in Bobenheim-Roxheim untergekommen, mittlerweile haben sie eine Wohnung.
Am Anfang hat der Sozialverein Kunterbunt Rech zufolge Willkommenstaschen mit Dingen des täglichen Bedarfs für die Geflüchteten gepackt, Nützliches wie Fahrräder organisiert oder Termine für Corona-Booster-Impfungen. Außerdem hilft der Verein bei Formalitäten und Anträgen und bietet wöchentlich erste Sprachkurse an, die von Ehrenamtlichen geleitet werden. In der Kleiderkammer konnten die Menschen Kleidung bekommen.
Die Ukrainerinnen, die beim ersten Treffen noch daran dachten, bald wieder heimzukehren, seien angesichts der Entwicklungen nun teilweise desillusioniert, meint Rech. Die Trennung von den männlichen Verwandten schmerze – vor allem, wenn sie tagelang nichts von ihnen hörten. Das Kennenlern-Café soll Geflüchtete und Helfer in Kontakt bringen. Von den 57 Ukrainern, die zum Zeitpunkt des Café-Termins in Bobenheim-Roxheim gemeldet sind, sind 21 minderjährig. Acht Geflüchtete sind nach Informationen der Gemeindeverwaltung bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
Froh über Fahrradspenden
Aliona und Nastia, 22 und 17 Jahre alt, leben seit März bei einer Familie im Ort. Die Ältere hat nach ihrem Studium als Übersetzerin gearbeitet. Die Jüngere studiert hier weiter online Architektur. Es sei schwer, sich in einer anderssprachigen Gesellschaft einzufinden, meinen sie. „Neues Haus, neues Leben“, beschreibt Aliona die Situation. Das Café im Martin-Luther-Gemeindehaus sei eine gute Möglichkeit, Leute kennenzulernen. Beide sind dankbar für die Unterstützung, die sie hier bekommen haben, vor allem über die Fahrräder haben sich die jungen Frauen gefreut.
Auch Kinderärztin Lisa betont die große Hilfsbereitschaft, die sie in Deutschland erfahren habe – es gebe deutlich mehr soziale Hilfen als in anderen Ländern. „Die Leute hier haben ein offenes Herz.“ Als schwierig empfindet sie die vielen bürokratischen Hürden für Geflüchtete, und eine Wohnung zu finden sei ebenfalls nicht einfach gewesen. Die bundesweiten Probleme, wie etwa der Mangel an Betreuungsplätzen für Kleinkinder, treffen ukrainische wie deutsche Familien. Die Oma ist aber mittlerweile aus der Ukraine nachgereist und betreut den Nachwuchs, wenn die Schwestern zum Integrationskurs gehen. Lisa will möglichst schnell verschiedene Prüfungen durchlaufen, um hier als Ärztin arbeiten zu dürfen.
Klischee von Bier und Bratwurst
Deutsche Kultur kannte Lisa vorher nur von einem Tag in Dresden als Studentin. In der Pfalz habe es sie deshalb überrascht, dass Wein so ein großes Ding sei – sie hatte zuvor nur von deutschem Bier gehört. Besonders die Landschaft hier gefällt ihr sehr. „Wenn ich am Altrhein stehe, fühlt es sich fast wie zu Hause an.“ Aliona sagt, sie habe gehört, dass der Lebensstandard in Deutschland hoch sei – sonst sei ihr aber früher nur Bier und Bratwurst zu dem Thema eingefallen. Sie lacht. Bei der Frage nach der Zukunft wird die 22-Jährige dann aber ganz ernst: „Wir vermissen unser Leben in der Ukraine, aber es wird nie mehr das gleiche sein.“
Zur Sache
Der Mann von Yelyzaveta Tsymbal, der noch immer in der Ukraine ist, hat die Gruppe Ti potriben (auf Deutsch „ich brauche dich“) mitgegründet, die sich vor Kriegsbeginn für Kinder mit Einschränkungen eingesetzt hat. Viele Mitglieder sind laut Tsymbal Ärzte oder in medizischen Berufen tätig. Mittlerweile sammelt die Gruppe Geld, etwa für Medikamente sowie Fahrzeuge und Rettungswagen, die von Ärzten vor Ort genutzt werden können. Mehr Infos dazu gibt’s auf Englisch unter www.tipotriben.com.ua und auf Instagram unter @tipotriben.