Rhein-Pfalz Kreis Kein Platz für Übergewichtige?
Den Schlagzeugstar Martin Grubinger live zu erleben, ist ein Traum von Markus Kipper – und der ist zerplatzt. Denn obwohl der 60-Jährige fürs Konzert im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen Karten hatte, fand er dort keinen Platz. Wegen seiner Körperfülle und wegen des Brandschutzes. Dürfen Übergewichtige keine Kulturveranstaltungen besuchen?, fragt er.
An Weihnachten lagen bei Markus Kipper in Schifferstadt unterm Baum zwei Konzertkarten für den Auftritt des Schlagzeugers und Perkussionisten Martin Grubinger am 7. März im Feierabendhaus der BASF. Den Österreicher live zu sehen, das war ein Traum des 60-Jährigen. Was kein Wunder ist, denn Kipper spielt selbst Schlagzeug. Als junger Mann haute er unter anderem im Musikkorps der Bundeswehr auf die Pauke und bei Hugo Strasser, dem König der Unterhaltungsmusik. Heute ist Kipper Toningenieur mit eigenem Studio, er produziert und komponiert. Der Mann hat ein künstlerisches Format, das nicht alltäglich ist. Allerdings – dessen wird Kipper jeden Tag erinnert – hat er auch ein körperliches Format, das vom Herkömmlichen abweicht: Er wiegt 196 Kilogramm. Damit, so schwant ihm, könnte er anecken, sollten die Platzverhältnisse im Feierabendhaus strikt an der DIN orientiert sein. Aus Erfahrung klug geworden, ruft Kipper zwei Tage vor dem Konzert in der Kulturabteilung der BASF an und fragt, ob die Sitzgelegenheiten im Veranstaltungshaus für Menschen seiner Statur ausgelegt sind. Die Gespräche sind freundlich und zuvorkommend, das Ergebnis ernüchtert: Für stark Übergewichtige ist kein Platz. Er soll früh da sein, man werde eine Lösung finden. „Die Mitarbeiter waren bemüht, zu helfen“, betont Kipper. Dennoch habe er sich „vorgeführt“ gefühlt, als er in der fest montierten Sitzreihe Platz nehmen sollte. „Da saß ich mit beiden Pobacken auf den Armlehnen.“ Sein Vorschlag, einen mitgebrachten Dreibeinsitz seitlich oder im Gang zu platzieren, scheitert am Veto des Brandschutzes. Auch der Vorschlag, sich mit dem Dreibein in den für Rollstuhlfahrer vorgesehenen Bereich zu setzen, wird abgelehnt. Weil dort eben nur Rollis stehen dürfen. Am Ende trommelt Grubinger ohne ihn. „Dürfen übergewichtige Menschen keine Kulturveranstaltungen besuchen?“, fragt er. Kipper fühlt sich ausgegrenzt und herabgewürdigt. Nicht, dass er das nicht kennen würde. Viele Einrichtungen seien nicht für stark Übergewichtige wie ihn gerüstet. Zudem: „Die vorwurfsvollen Blicke begegnen uns Dicken überall. Da heißt es, wir seien selbst schuld. Schlanke Menschen werden freundlicher behandelt“, ist seine Überzeugung. Er sei es gewohnt, begafft und verspottet zu werden. Aber dass er eine Kulturveranstaltung nicht besuchen konnte, weil es keinen Platz für ihn gab, hat ihn erschüttert. „Da ist es doch verständlich, wenn dicke Menschen lieber daheim bleiben.“ Natalie Rosenke bestätigt das. „In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung, man darf es den Dicken nicht zu bequem machen, sonst ändern sie sich nicht“, stützt sich die Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung mit Sitz in Berlin auf repräsentative Befragungen. Torsten Kleb von der Lukom kann mit Blick auf den Pfalzbau beruhigen: „Dort ist es kein Problem, mit Stühlen auf die Plätze für Rollstuhlfahrer auszuweichen.“ Die BASF verweist darauf, dass die Situation im Feierabendhaus historisch bedingt eine besondere sei. Im Gesellschaftshaus sei man flexibler. Und auch im Feierabendhaus könnte sich etwas tun, sagt BASF-Sprecher Florian Tholey: „Wir prüfen, ob es die Möglichkeit gibt, mit speziellen Rollstühlen ein Angebot zu schaffen.“ Markus Kipper soll das Geld für die Eintrittskarten erstattet bekommen. Ein schwacher Trost für den entgangenen Genuss und den Groll, der sich tiefer in die Seele frisst.