Speyerer Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Kühltürme: Bedrohlich und faszinierend

Das Bild zeigt den Blick, den der Mechtersheimer Wilfried Röther von seinem Haus aus hat.
Das Bild zeigt den Blick, den der Mechtersheimer Wilfried Röther von seinem Haus aus hat.

Nur die etwas ältere Generation kann sich noch an die Zeit erinnern, als der Blick nach Osten über den Rhein nicht unweigerlich an zwei riesigen Bauwerken bei Philippsburg hängen blieb. Am 14. oder 15. Mai – der genaue Zeitpunkt ist geheim – sollen die Kühltürme des Kernkraftwerks gesprengt werden. In Römerberg und anderswo mischen sich in Freude darüber auch andere Gefühle.

Ab 1975 ist der erste der beiden Kühltürme binnen zwei Jahren gebaut worden, ab 1978 in drei Jahren dann der zweite. „Ich bin 1966 geboren und erinnere mich noch sehr gut an die Zeit vor dem Bau der beiden Atomkraftwerke“, sagt der Heiligensteiner German Reichling bei einer RHEINPFALZ-Umfrage. Die Familie des heutigen CDU-Ortsgemeinderatsmitglieds hatte damals einen Weinberg an der Heiligensteiner Hohl. So konnte Reichling als Kind auch den Bau hautnah mitverfolgen. Von „Wunderwerken der Technik“ sei damals die Rede gewesen. „Man hat sich da keine großen Gedanken gemacht“, gibt er den damaligen Zeitgeist wieder.

Heute ist die Ablehnung der Atomkraft zumindest in Römerberg breiter Konsens über Parteigrenzen hinweg. Für Reichling wirkten, ebenso wie für viele andere, die Atomunfälle in Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 prägend. „Ich finde es eine tolle Sache, dass die Türme endlich verschwinden, wobei die Sprengung ein sichtbares Zeichen für eine vergangene Epoche ist“, sagt er.

An den Anblick gewöhnt

Reichlings Parteifreund Wilfried Röther hatte die Kühltürme fast 40 Jahre lang von seinem Balkon in Mechtersheim aus fest im Blick: „Als ich 1981 von Dudenhofen, wo das AKW kein großes Thema war, da man es dort nicht sieht, in mein neues Haus nach Mechtersheim zog, war nach der ersten Euphorie mein Gedanke: Jetzt bist du nicht nur näher an die Schnaken herangerückt, sondern auch in die innere Gefahrenzone des AKW Philippsburg gezogen“, erinnert sich Röther, der heute froh ist, dass „ein Schlussstrich unter diese gefährliche Technologie gezogen wird“.

Ein ständiger Begleiter war die Angst vor einem Störfall für ihn allerdings nicht: „Mit den Jahren habe ich mich an den Anblick gewöhnt, ja fühlte mich trotz des AKW in Mechtersheim sehr wohl und sicher.“ Ähnlich ging es auch Matthias Hoffmann. Der heutige Ortsbürgermeister mit grünem Parteibuch ist mit seiner Frau 1990 nach Römerberg gezogen und empfand anfangs ein bedrohliches Gefühl angesichts der beiden „Kühlturmriesen“ und des Atommeilers. „Mit der Zeit hat man allerdings das AKW nicht mehr so sehr wahrgenommen und die Gefahren im Kopf verdrängt“, sagt er heute.

Günter Walburg, ein weiteres CDU-Ratsmitglied ist zwar froh, dass das Kernkraftwerk abgeschaltet wurde, ernste Zweifel an der Sicherheit hegte er aber nicht. Auch dass es rund um Philippsburg eine erhöhte Krebsrate bei Kindern gegeben haben soll, habe sich letztlich nicht bestätigt. „Waren die Kühltürme für mich ein optisches Problem? Eigentlich nicht“, sagt Walburg, der die Bauwerke samt beleuchtetem Nachthimmel von seinem Schlafzimmer aus im Blick hatte. Zwar hätten sie in ihrer Monumentalität nicht in die Rheinauenlandschaft gepasst, andererseits sei die „Ästhetik ihrer Zweckarchitektur“ faszinierend gewesen. „Von der Haardt aus gesehen waren sie stets ein optischer Fixpunkt, der mir zeigte, wo mein Römerberg liegt. Der fehlt mir künftig“, sagt Walburg.

Herbert Martin Kälberer hat von seinem Haus einen ähnlichen Ausblick wie Walburg. Dem SPD-Ratsmitglied wird der Anblick aber wohl kaum fehlen. Der gebürtige Schwabe ist seit früher Jugend skeptisch gegenüber Atomkraft eingestellt. „Als Schüler machten wir anstatt Wandertag einen Ausflug ins Atomkraftwerk nach Philippsburg“, erinnert er sich. Der Betreiber bezahlte die Busfahrt aus dem Schwäbischen sowie die Verpflegung, und es gab einen „schönen Vortrag über die Vorzüge der Atomkraft“. Gespräche mit seinem Vater und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hätten ihn dann zum Atomkraft-Gegner werden lassen.

Orientierungspunkt fehlt

Ambivalente Gefühle hegt RHEINPFALZ-Leser Torsten Liesch aus Dannstadt. Für ihn war die den Kühltürmen gegenüberliegende Rheinseite immer ein beliebtes Ausflugsziel mit dem Fahrrad. Die Abschaltung des AKW im Zuge der Energiewende findet er richtig, er sagt aber auch: „Ich finde es schade, dass wieder mal ein Wahrzeichen der Rhein-Neckar-Region weichen muss.“ Auch im sozialen Netzwerk Facebook bekunden Nutzer ihr Bedauern, dass ein markanter Orientierungspunkt wegfällt. Für andere waren die Türme hingegen ein „Mahnmal“. Einer schlägt vor, sie Künstlern zur Gestaltung zu überlassen: „So wird was Schönes draus.“

Keine Träne weint hingegen Bertram Kalinke den Türmen nach. Der Bio-Landwirt, der auch bei den Grünen aktiv ist, erinnert sich: „Vor 28 Jahren beim ersten Blick von Mechtersheim auf die Kühltürme, habe ich einen gehörigen Schreck bekommen.“ Damals stellte sich für ihn die Frage: „Freiwillig im Schatten des AKW wohnen, trotz kritischer Haltung zur Atomkraft?“ Kalinke beantwortete sie mit ja und gründete einen Bio-Betrieb in „Medersche“. Zur geplanten Sprengung sagt er: „Es ist wichtig, dass die Symbole ,Kühltürme’ fallen und damit ein Zeichen gesetzt wird – hoffentlich für immer.“

Jürgen Schall ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Kein Zwischenlager in Philippsburg“ und kämpft, auch als Grünen-Mitglied, schon seit vielen Jahren gegen das AKW. Der Tag der Sprengung ist für ihn „ein Symbol, das deutlich macht, dass unser friedlicher, bürgerlicher Protest langfristig erfolgreich war“. Seine Mission sieht er damit aber noch nicht als beendet an: „Neben der Freude über die Tatsache, dass das zentrale Symbol der Atomkraft aus unserer Region verschwinden wird, bleiben unsere Sorgen um die sichere Aufbewahrung des radioaktiven Mülls in vollem Umfang bestehen“. Trotz aller Genugtuung, die seine Partei über die Sprengung empfindet, waren die Türme für ihn auch „ein prägender Teil unseres Ortsbildes und unserer eigenen Lebensbiografie“.

Wenige Atomkraft-„Fans“

Offen zur Kernkraft bekennt sich heute kaum noch jemand. Einer der die Kühlturm-Sprengung bedauert, ist RHEINPFALZ-Leser Kurt Benz aus Heiligenstein: „Die Angst vor einem Störfall war nie präsent. Für mich war die Stilllegung des Druckwasserreaktors am 30. Dezember ein Fehler“, sagt er. „Besser wäre für unsere Umwelt gewesen, die klimaschädliche Stromgewinnung aus Stein- und Braunkohle sofort zu beenden und dafür die Laufzeit der Kernkraftwerke um 20 Jahre zu verlängern und 2040 endgültig abstellen.“ Hans Günter Bürklin aus Freisbach hat vor einigen Jahren das Kraftwerk besichtigt: „Ich bin großer Anhänger der Atomkraft, da Deutschland die sichersten AKW auf der ganzen Welt hatte“, erklärt er. „Überall werden neue AKW gebaut, teilweise 50 Kilometer hinter der deutschen Grenze, und wir schalten sie ab.“

Egal wie die eigene Position zur Atomkraft aussieht – am Ende der Woche sind die beiden Kühltürme nach Stand der Dinge Geschichte: „Ich persönlich hatte mich sehr auf die Sprengung gefreut“, sagt der Römerberger Ortsbürgermeister Hoffmann. „Ein Mega-Ereignis mit Logenplätzen am Rhein sollte die Römerberger für die 40 Jahre Anblick entschädigen.“ Mit den örtlichen Vereinen sei bereits Ausschank und Bewirtung am Rheinufer geplant gewesen. Der Bürgermeister wollte mit Liegestuhl und einem Glas Sekt in der Hand den Moment miterleben. Doch daraus wird wegen der Corona-Pandemie nichts. Um Menschenansammlungen zu vermeiden, verrät Betreiber EnBW nicht den genauen Zeitpunkt der Sprengung. Er hoffe, dass diese wie geplant verläuft, sagt Hoffmann.

Kommentar: Ende einer Epoche

Einst Symbol des Fortschritts, heute Zeichen für eine zu Ende gehende Epoche – zumindest in Deutschland. Dass die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg bald Geschichte sind, ist für viele Römerberger, die sich teils seit Jahrzehnten gegen Atomkraft engagieren, ein Grund zu großer Freude. Aber auch nicht wenige, die nicht solche grundsätzlichen Bedenken gegen diese Form der Energieerzeugung haben, dürften froh sein, dass die Aussicht Richtung Rhein nicht mehr von den gigantischen Betonbauwerken geprägt ist. Mit den Kühltürmen verschwindet freilich nicht das Problem der Atommüll-Lagerung. Und ob die Energieversorgung in Deutschland auch ohne Atomkraft künftig gleichzeitig stabil, sicher, bezahlbar und dabei noch klimafreundlich sein kann, darüber dürfte ebenfalls noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.

Das Foto stammt aus dem Jahr 1980, als sich der zweite Turm im Bau befand. Es zeigt den damaligen Jagdpächter Hubert Jester mit
Das Foto stammt aus dem Jahr 1980, als sich der zweite Turm im Bau befand. Es zeigt den damaligen Jagdpächter Hubert Jester mit seinem Hund.
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