Interview
„Ist er wirklich der Verräter?“– Interview zu Judas-Stück
Wie sind Sie darauf gekommen, mit „Judas vor Gericht“ den Karfreitag einmal ganz anders zu gestalten?
Ludwig Magin: Es ist ursprünglich ein Hörspiel, das ich mal im Radio gehört habe. Das ist schon über 30 Jahre her. Ich habe es bereits mit einem anderen Chor aufgeführt, und es kam gut an. Das Stück ist prägnant, es regt zum Denken an.
Pfarrer Schipper, wie haben Sie auf diesen Vorschlag für Karfreitag reagiert?
Heiko Schipper: Ich fand die Idee sehr gut. Der Gedanke ist spannend. Was wäre gewesen, wenn man Judas vor Gericht gestellt hätte? Ist er wirklich der Verräter? Oder wird er am Ende freigesprochen?
Im Untertitel des Stücks wird gefragt „Täter oder Werkzeug?“. Ist Judas’ Rolle tatsächlich so umstritten?
Schipper: In der Theologie wird schon darüber nachgedacht. In der Tradition ist er klar der Verräter. Es werden sogar Verbindungen zum Antisemitismus gezogen. Aber man fragt sich auch, was denn gewesen wäre, wenn er das nicht getan hätte. Judas ist auch ein wichtiges Werkzeug der Heilsgeschichte. Es war ja der Plan Gottes, dass Jesus ausgeliefert wird.
Magin: Am Gründonnerstag sagt Jesus zu Judas ,Du wirst mich verraten’. Das kann auch als Auftrag verstanden werden.
Wie realistisch ist die Verhandlung, die in der Mutterstadter Kirche stattfinden wird?
Magin: Es ist eine richtige Gerichtsverhandlung mit Plädoyers von beiden Seiten. Zeugen, Gutachter und Anwälte – es sind alle dabei. Es wird auch nach heutigem Recht verhandelt.
Schipper: Das Interessante ist, dass der Darsteller des Richters auch im wirklichen Leben Richter war.
Gibt es am Ende einen Freispruch für Judas?
Schipper: Das Ergebnis wird viele überraschen. Es ist lange nicht klar, wie es ausgehen wird.
In der Bibel geht es dagegen nicht gut aus für ihn ...
Magin: Judas hat sich selbst getötet. Man kann auch sagen, er ist an seiner Rolle verzweifelt. Einer Rolle, die er vielleicht gar nicht wollte.
Die meisten der Sprechrollen übernehmen Chormitglieder. Der Gesang steht diesmal weniger im Mittelpunkt. Die kurzen Stücke sollen eher für kurze Entspannungspausen sorgen. Wie haben die Sängerinnen und Sänger die Idee anfangs aufgenommen?
Schipper: Ich hatte den Eindruck, dass es im Chor gut angekommen ist, mal was ganz anderes zu machen.
Peter Krieger: Der Chor ist ohnehin sehr offen – und das altersunabhängig.
Was glauben Sie, wie die Resonanz bei den Kirchenbesuchern ausfallen wird?
Schipper: Die Resonanz können wir nicht einschätzen. Aber wir merken schon, dass die Gottesdienste, in denen etwas Besonderes geboten wird, besser besucht sind. Ich denke, dass wir mit anderen Angeboten wieder mehr Menschen ansprechen. Und wir machen das auch ganz bewusst.
Magin: Es könnte auch passieren, dass nach der Aufführung eine Diskussion entsteht.
Schipper: Dafür wären wir in jedem Fall offen.
Termin
Der protestantische Kirchenchor Mutterstadt führt an Karfreitag, 7. April, ab 15 Uhr „Judas vor Gericht“ in der protestantischen Kirche, Untere Kirchstraße, auf. Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten.