Limburgerhof RHEINPFALZ Plus Artikel Invasion der Ameisen: Verwaltung und Bürger alarmiert

Nur wenige Millimeter groß, aber ganz schön umtriebig: „Tapinoma magnum“ zwingt die Verwaltung in Limburgerhof zum Handeln.
Nur wenige Millimeter groß, aber ganz schön umtriebig: »Tapinoma magnum« zwingt die Verwaltung in Limburgerhof zum Handeln.

In Limburgerhof hat sich eine Ameisenart breitgemacht, die dort nicht hingehört: „Tapinoma magnum“ lautet der wissenschaftliche Name des Insekts. Die Folgen sind auch für Laien mit bloßem Auge sichtbar. Die Anwohner im Odenwaldring sind verunsichert. Die Gemeinde holt sich Hilfe von außerhalb. Doch ganz wird man die wenige Millimeter großen Tiere wohl nicht mehr los.

So hatte sich Limburgerhofs Bürgermeister Andreas Poignée seinen Urlaub wohl eher nicht vorgestellt. Statt sich vom politischen Alltagsstress im Rathaus zu erholen, muss sich der Christdemokrat mit einer ganz konkreten Sorge von Bürgern in seinem Ort beschäftigen und einige Presseanfragen beantworten. Die Ameisen sind los. Schon wieder. Doch diesmal nimmt es Ausmaße an, die die Verwaltung zum Handeln zwingen.

„Der Sand wird von den Tieren in enormen Mengen hochgetragen“, berichtet der Bürgermeister. Wer mal im Odenwaldring vorbeikommt, der weiß, was das Gemeindeoberhaupt meint. Auf dem Gehweg liegen Sandhaufen herum. Und zwar nicht etwa so, wie man es von Ameisen vielleicht schon aus der eigenen Einfahrt oder vom Trottoir vor dem eigenen Haus kennt. Nein, hier sind noch emsigere Baumeister am Werk.

Die invasive Ameisenart „Tapinoma magnum“ hat sich in Limburgerhof im Odenwaldring breit gemacht. Deutlich zu erkennen sind die
Die invasive Ameisenart »Tapinoma magnum« hat sich in Limburgerhof im Odenwaldring breit gemacht. Deutlich zu erkennen sind die Sandhaufen, die die Superkolonie auf dem Gehweg aufgeworfen hat.

Mit wissenschaftlichem Namen heißt der Krabbler, der lediglich ein paar Millimeter groß ist, „Tapinoma magnum“. Eine deutsche Bezeichnung hat sich noch nicht etabliert. Das ist auch im Moment eher nebensächlich. Im Vordergrund steht nämlich, was die Insekten gerade anrichten. Denn der Sand, der aktuell auf dem Gehweg im Odenwaldring liegt, war eben vorher noch zwischen oder unter den Platten. Die eine oder andere Gehwegplatte habe sich schon abgesenkt, erzählt Poignée. „Das sind natürlich Stolperfallen“, sagt der Bürgermeister. Er spricht von einem „massiven Befall“ von dem Insekt.

Beim Ortstermin im Odenwaldring sind die unterhöhlten Platten auch deutlich zu sehen. Ebenfalls nicht zu übersehen sind weiße Flecken. „Das ist das Granulat, mit dem wir versucht haben, gegenzusteuern“, erläutert Andreas Poignée. Seit März laufe die Bekämpfung, informiert Heiko Beckmann, bei der Gemeinde Limburgerhof Sachgebietsleiter Öffentliche Sicherheit und Ordnung. Leider nur mit mäßigem Erfolg, auch wenn sich die Sechsbeiner beim Besuch im Odenwaldring diesmal rar machen.

Wo die Ameisen buddeln, heben sich die Gehwegplatten. Die Gemeinde muss die Schäden dann beheben.
Wo die Ameisen buddeln, heben sich die Gehwegplatten. Die Gemeinde muss die Schäden dann beheben.

Da will und muss die Gemeinde selbstverständlich gegensteuern. Zugute kommt ihr dabei, dass Limburgerhof nicht die erste Gemeinde in der Kurpfalz ist, die sich mit „Tapinoma magnum“ herumschlagen muss. Denn auch in Ketsch, im Rhein-Neckar-Kreis, fühlt sich das Insekt sehr wohl. Dort hat es sich im Gebiet um den Friedhof niedergelassen. Marc Schneider, Leiter des Ketscher Bauamts, vermutet, dass aktuell rund 90.000 Quadratmeter von dem Befall betroffen sind. Allein das Friedhofsareal umfasst etwa 34.000 Quadratmeter.

Wann die Ameisen da zum ersten Mal aufgetreten sind, das lasse sich laut Schneider rückwirkend nicht feststellen. „Den Höhepunkt erreichte die Population im Sommer 2021. Im darauffolgenden Herbst/Frühjahr erfolgte dann die wissenschaftliche Typisierung der Ameisen.“ Mit der Gewissheit, dass es sich um die invasive Art „Tapinoma magnum“ handle, sei im vergangenen Sommer mit der Bekämpfung begonnen worden.

Die Gemeinde versucht, mit Granulat (weiß) dagegenzuhalten – mit mäßigem Erfolg.
Die Gemeinde versucht, mit Granulat (weiß) dagegenzuhalten – mit mäßigem Erfolg.

Die Schäden in Ketsch halten sich Schneider zufolge zum Glück in Grenzen. Grabsteine seien nicht abgesackt. Aber analog zu Limburgerhof sind auch in Ketsch Gehwegplatten betroffen gewesen. Dass es in Ketsch bislang nicht schlimmer gekommen ist, führt er vor allem darauf zurück, dass das Friedhofspersonal und auch die Besucher massiv gegensteuern. Im ersten Jahr der Bekämpfung habe man die Ameisen mit heißem Wasser bekämpft. Diesem werde eine Art Seifengemisch beigefügt. Das sei umweltverträglich, betont der Bauamtsleiter, bewirke aber, dass das heiße Wasser besser in die feinen Tunnel der Ameisen eintreten kann.

Professionelle Hilfe hat man sich in Ketsch dabei von einer Fachfirma aus Darmstadt geholt, die jetzt auch in Limburgerhof den kleinen Biestern zu Leibe rücken soll. Startschuss ist laut Andreas Poignée in der kommenden Woche. Schneider ist auf jeden Fall zufrieden mit den Ergebnissen: „Wir konnten schon im ersten Jahr gute Erfolge verzeichnen, wenngleich eine Ausbreitung aufgrund der trockenen und ameisenfreundlichen Witterung nicht verhindert werden konnte.“

Der Friedhof in Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis). Hier muss die Gemeinde regelmäßig gegen die invasive Ameisenart „Tapinoma magnum“ v
Der Friedhof in Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis). Hier muss die Gemeinde regelmäßig gegen die invasive Ameisenart »Tapinoma magnum« vorgehen.

Sowohl in Ketsch als auch in Limburgerhof richtet man sich darauf ein, „Tapinoma magnum“ als ungebetenen Dauergast in der jeweiligen Gemeinde zu haben. „Komplett verschwinden wird die Population wohl nicht“, meint Andreas Poignée. Daher gehe es vordergründig darum, die Ausbreitung zu verhindern und die Größe der Kolonie einzudämmen.

Das vermutet auch Marc Schneider in Ketsch. Er geht davon aus, dass „eine komplette Ausrottung voraussichtlich leider nie möglich sein wird. Wir müssen den Befall, so gut wie es geht, eindämmen.“ Daher habe die Gemeinde mittlerweile ein eigenes Heißwassergerät für rund 40.000 Euro angeschafft. Das wird vom Personal auf dem Friedhof eingesetzt.

Ameisen-Superhighway beim Friedhof in Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis) der invasiven Art „Tapinoma magnum“.
Ameisen-Superhighway beim Friedhof in Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis) der invasiven Art »Tapinoma magnum«.

So weit ist man in Limburgerhof noch nicht. Hier soll erst mal die Darmstadter Fachfirma anrücken und sich um das unerwünschte große Krabbeln kümmern. Das „große Krabbeln“ ist in dem Fall auch wörtlich zu nehmen. Denn „Tapinoma magnum“ zeichnet sich offenbar vor allem dadurch aus, dass die Art, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum kommt, sogenannte Superkolonien bildet – mit mehreren Königinnen, erläutert Florian Pfister von der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt. „Die Superkolonien bestehen aus vielen verbundenen Nestern, die sich über große Flächen erstrecken können“, informiert der Experte. Das erschwere auch die Bekämpfung. „Hausmittel oder sonst erhältliche Präparate dürften daher nur punktuell Abhilfe schaffen.“

Andreas Poignée geht derzeit von 30.000 bis 35.000 Euro aus, die künftig für die Bekämpfung der Ameisen im Haushalt der Gemeinde zu finden sein werden. Eine Investition, die sich lohne, rechne man etwaige Schäden an Gebäuden oder Wegen dagegen. Er stehe mit der Firma aus Südhessen in Kontakt. Im Gemeinderat habe er sich das Vorgehen noch vor den Ferien absegnen lassen, wobei er bis 25.000 Euro die Zustimmung des Gremiums auch nicht braucht.

Die gute Nachricht aus seiner Sicht: „Bislang wissen wir nur, dass die Ameise im Odenwaldring und in der angrenzenden Hardenburgstraße vorkommt, schätzungsweise auf einem Gebiet von drei oder vier Hektar.“ Der Bürgermeister bittet die Limburgerhofer Bürger, aufmerksam zu sein und der Verwaltung zu melden, falls sie irgendwo ungewöhnlich starke Ameisenaktivität feststellen.

Axel Merz ist einer der betroffenen Anwohner. Er ist mit seiner Frau erst vor Kurzem aus dem Rheinland in die Vorderpfalz gezogen. Zum ersten Mal habe er die Ameisen im November vergangenen Jahres gehabt. Da seien sie durch Mauerdurchbrüche gekommen, berichtet er. „Wir sind erst im August eingezogen, haben dann neue Anschlüsse und eine Fußbodenheizung einbauen lassen“, erzählt er.

Seine Vermutung ist, dass die Tiere durch Ritzen ins Haus gekommen sind. „Wir hatten im Wohn- und Essbereich regelrechte Ameisenstraßen“, erinnert er sich. Mit Köderdosen und Spray aus dem Baumarkt habe er zunächst selbst versucht, den unwillkommenen Besuchern Herr zu werden. Aber: „Das hat einen Tag geholfen, dann waren sie wieder da.“ Ein Kammerjäger habe es mit Gelködern versucht. „Das hat leider nur mäßig geholfen.“ Es sei richtig übel gewesen. So schlimm, dass sich Axel Merz und seine Frau nicht trauten, das Haus für eine dringende Fahrt nach Berlin zu verlassen.

Im Frühjahr habe es aufgehört, sagt Axel Merz. Er vermutet, dass es die Ameisen dann lieber nach draußen gezogen hat. Er habe dann einen Fünf-Kilogramm-Eimer Ameisengift ausgebracht. „Das hat die überhaupt nicht interessiert.“ Daraufhin habe er angefangen zu recherchieren, sei zum Hobby-Ameisenexperten wider Willen geworden. Jeden Tag gehe er durchs Haus und schaue, ob sich irgendwo etwas bewege. Immer, wenn er eine dieser großen Ameisenstraßen sehe, kribble es irgendwo am Körper. Seiner Meinung nach helfe da nur noch großflächige Bekämpfung. Die Familie und auch die anderen Anwohner warteten sehnsüchtig darauf, dass die Fachfirma aus Darmstadt anrücke und die Ameisen bekämpfe.

Eine andere Anwohnerin, die nicht mit ihrem Namen genannt werden will, ist in Urlaub gefahren. „Wir haben jemanden, der täglich nach dem Rechten sieht“, sagt sie. Sie hoffe, dass die Kolonie etwas eingedämmt werden könne. Es sei gut, dass die Gemeinde etwas unternehme. Im vergangenen Sommer habe sie zum ersten Mal den Insektenbefall festgestellt. Seither gehe sie mit noch wacheren Augen durchs Dorf als ohnehin schon.

Zum ersten Mal aufgetreten sei „Tapinoma magnum“ in Limburgerhof im Mai des vergangenen Jahres. „Wir haben dann mit den üblichen Methoden versucht, die Insekten zu bekämpfen“, erinnert sich Poignée. Damals sei man noch nicht davon ausgegangen, dass man es mit einer invasiven Art zu tun habe. Im März/April dieses Jahres hätten sich die Anwohner des Odenwaldrings und der benachbarten Hardenburgstraße noch mal gemeldet. Im Mai sei er dann persönlich in die Thematik eingestiegen. Mit den Anwohnern stehe die Verwaltung auch in engem Kontakt.

Einen engen Kontakt wünscht sich die Gemeinde in Sachen Bekämpfung „Tapinoma magnum“ auch zum Rest der Gemeinde. Sie fordert die Limburgerhofer auf, sich zu melden, sobald sie ein außergewöhnlich großes Vorkommen an Ameisen beobachten. Es habe schon einige Rückmeldungen gegeben, sagt der Bürgermeister. Aber selbstverständlich ist nicht jedes Ameisennest von der invasiven Art „Tapinoma magnum“. Die Gemeinde schaue sich die gemeldeten Gebiete aber auf jeden Fall an.

Ganz entspannt beobachtet man die Geschichte derweil bei der BASF. Deren Agrarzentrum inklusive Versuchsfelder grenzt direkt an den Odenwaldring. „Tapinoma magnum“ sei aber auf dem Gelände noch nicht aufgetreten, informiert eine Sprecherin auf RHEINPFALZ-Anfrage. Ein Befall der Versuchsflächen sei unwahrscheinlich, da „Tapinoma magnum“ eher gerne in der Nähe von Mauern und Gehwegen niste. Es sei daher seitens der BASF kein präventives Vorgehen vorgesehen.

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