Rhein-Pfalz Kreis
Interview: Wie die Volkshochschule ein neues Programm auf die Beine stellt
Herr Schwerdt, die Volkshochschule setzt während der Corona-Krise vermehrt auf Sport im Freien. Ist es das, was die Menschen gerade brauchen?
Es scheint so. Es war unsere Vermutung, dass viele Menschen wieder in Schwung kommen wollen. Sie sind in der bewegungsarmen Zeit dankbar, dass sie wieder etwas machen können. Teilweise konnten wir Kurse einfach ins Freie verlegen wie „Frischer Wind für die Fitness (55+)“. Oder einen Yogakurs in Bobenheim-Roxheim. Der fand in einem Kindergarten statt. Die Kursleiterin hat selbst geklärt, dass sie dort mit reduzierter Kapazität den Garten nutzen kann. Ähnlich war es in Waldsee bei einem Eltern-Kind-Angebot. Da hat die Leiterin geklärt, dass sie ein Vereinsgelände nutzen kann. Das Engagement ist groß, trotz der Einschränkungen etwas anbieten zu können.
Wie kommt das veränderte Angebot an?
Ein paar Freiluftangebote hatten wir immer im Programm. Bisher waren sie aber eher Ladenhüter. Wenn ich die Resonanz auf die Freiluftangebote jetzt sehe ... 82 haben wir insgesamt. 34 laufen schon, nur bei vieren gab es bisher zu wenig Interesse. Ich gehe davon aus, die Resonanz wäre noch größer gewesen, wenn wir mehr Vorlaufzeit gehabt hätten. Aber wir wissen erst seit etwas mehr als vier Wochen, dass wir weitermachen dürfen.
82 Kurse – das ist wohl nur ein Bruchteil des eigentlichen Programms ...
Wir haben wegen Corona seit Mitte März 790 Kurse abbrechen oder absagen müssen. Allein in meinem Bereich waren es gut 550. Anfangs hatten wir es so gehandhabt, dass die Kurse, die bis Ende der Osterferien zu Ende gegangen wären, abgebrochen wurden. Der Rest wurde auf Eis gelegt. Wir wollten schauen, wie es weitergeht. Und dann wurde fast alles bis zum Ende der Sommerferien abgesagt. Wir haben einen Schnitt gemacht. Eine Ausnahme sind Sprachkurse, die werden online angeboten. Und eben die Freiluftkurse, die wir ausgeweitet haben. Indoor läuft in erster Linie nur noch Prüfungsrelevantes im beruflichen Bereich. Kurse, für die wir spezielle Räume haben, werden mit verminderter Kapazität angeboten. Keramik zum Beispiel. Und Airbrush.
Die aktuellen Auflagen machen ein Innenprogramm für die Volkshochschule vermutlich unmöglich.
Nicht nur die Hygieneregeln, sondern auch die Räume selbst stellen uns wegen der Abstandsregelungen vor ein Problem. Wir müssen jeden einzelnen prüfen, ob er zur Verfügung steht, und wenn ja, mit welcher Kapazität. Darum kümmern sich mit Schwerpunkt die örtlichen Volkshochschulleitungen. Manche Räume sind uns ganz weggebrochen, zum Beispiel unser Gymnastikraum hier in Schifferstadt. Da kriegen wir vielleicht noch vier oder fünf Leute rein. Das Land zahlt aber erst ab acht Teilnehmenden einen Zuschuss, und selbst unsere Kulanzzone von sechs oder sieben würde da unterschritten. Noch weniger ist problematisch.
Weil die Kosten sonst nicht gedeckt werden können oder erhöht werden müssen?
Wenn wir nur noch Platz für Kleingruppen haben, stellt sich die Frage, wie weit wir mit den Gebühren nach oben gehen dürfen. Bei der Volkshochschule sollen sie ja sozialverträglich sein. Da müssen letztlich die politisch Verantwortlichen den Rahmen setzen.
Wie ist die Regelung aktuell?
Es ist so, dass die Honorarkosten in der Regel auf sechs bis acht Teilnehmende umgelegt werden. Die Hintergrundkosten werden aus Steuermitteln finanziert. Sie werden nur aus Gebühren mitfinanziert, wenn ein Kurs mehr als acht Personen hat.
Sie haben eben die soziale Komponente angesprochen. Aktuell sieht es bei den Kursen ja eher nach „hinkommen, weiterbilden, heimgehen“ aus. Ist das Sinn der Sache?
Ein wesentlicher Aspekt der Volkshochschule ist das soziale Element: andere wiederzusehen, zu kommunizieren, neue Menschen kennenzulernen, sich gegenseitig anleiten, gemeinsam etwas tun. Ein Kurs kann auch ein Mittel gegen Einsamkeit sein. Das alles wird gerade etwas schwierig. Umso wichtiger ist es, dass wir Alternativen anbieten.
Das sind fast nur Sport und Sprachen. Warum diese Auswahl? Man könnte ja auch „Grillen für Anfänger“ im Freien machen.
Wir mussten Prioritäten setzen. Deshalb bieten wir vorwiegend Kurse im Bereich Bewegung und Entspannung an. Ein Aspekt ist dabei, dass die Lehrkräfte wieder Arbeit haben und Honorar bekommen. Sie sind alle Freiberufler, da war das Einkommen weg. Der Bereich ist aber auch vom Publikum her der Schwerpunkt. Kochkurse scheitern daran, dass die Küchen in den Schulen gesperrt sind. Wir dürfen sie nicht nutzen. Gleiches gilt für die Bäder. Da bin ich skeptisch, ob wir bei den aktuellen Auflagen wieder Aquakurse anbieten können. Ich vermute, der öffentliche Betrieb hat Vorrang.
Also bleiben die Volkshochschulnutzer weiterhin an der frischen Luft. Aber auch da braucht es ausreichend große Flächen, und muss der Zugang nicht auch geregelt werden?
Hier in Schifferstadt zum Beispiel haben wir einen großen Garten hinter dem Volkshochschulgebäude. Sogar Einbahnverkehr ist möglich. Durch das Hoftor kommen die Teilnehmenden auf die Wiese und durch einen kleinen Gang auf der anderen Seite wieder raus. So ist ein nahtloser Übergang zwischen den Kursen möglich. An der Wiese steht ein Stoppschild, wo die Leute warten müssen, bis sie von der Kursleitung gerufen werden. In Mutterstadt ist es etwas anders. Dort wird der Gemeindewald an der Walderholung genutzt. Treffpunkt ist der Parkplatz. Da müssen wir die Kurse entzerren, damit sich die Leute nicht treffen. Also: kein gleichzeitiger Beginn von zwei Kursen. Aber 9 Uhr und 9.30 Uhr ist in Ordnung.
Wie viele dürfen denn unter freiem Himmel mitmachen?
Unser Orientierungswert ist das, was auch für Schulräume gilt: 15 Personen. Die Gelände sind groß genug, dass man die Teilnehmenden entsprechend verteilen kann. Ansonsten richtet sich die Anzahl nach den Wünschen der Kursleitung.
Alles gut und schön. Aber ein Problem gibt es da ja doch. Das Wetter ...
Die erste Erfahrung haben wir da am vergangenen Mittwoch gemacht. Es war die Premiere von zwei Gymnastikkursen. Der erste konnte beginnen, musste aber zehn Minuten vor Schluss abgebrochen werden, weil es zu regnen anfing. Der Folgekurs wurde abgesagt. Die örtliche Leiterin und die Kursleiterin haben das gut hinbekommen, die Leute zu verständigen. Da ist es praktisch, dass sich die Kurse oft aus Teilnehmern früherer Angebote bilden. Die Leute kennen sich und haben etwa über Whatsapp Kontakt.
Sie wünschen sich also einen trockenen und nicht zu warmen Sommer?
(lacht) Ja. Das würde einiges vereinfachen. Wir erheben Gebühren jetzt erst nach Kursende, weil ja einiges wetterbedingt ausfallen kann. Normalerweise werden sie nach dem ersten Termin fällig. Aber das birgt gerade die Gefahr, dass wir einen Teil erstatten müssen.
Also: Daumen drücken. Vor allem, weil diesmal ja auch Kurse während der Ferienzeit angeboten werden, was sonst nicht der Fall ist.
Wir würden auch sonst in den Ferien etwas anbieten, wenn wir Räume hätten. Da aber die Schulen zu sind, pausieren wir normalerweise. Und Freiluft war ja bisher ein Ladenhüter. Jetzt ist es einen Versuch wert. Manche können nicht in Urlaub fahren, und da können wir etwas anbieten. Das einzige Risiko, das wir eingehen, ist, dass ein Kurs nicht stattfindet, weil sich zu wenige anmelden.
Und wie geht es weiter? Gibt es schon Pläne für den Rest des Jahres?
Alles, was fürs zweite Halbjahr geplant ist, steht nach wie vor. Am 17. Juni werden die neuen Kurse online freigeschaltet. Aber es gibt Einschränkungen. Dass manche Kurse nicht voll belegt werden können, zum Beispiel. Bei Koch-, Aqua- und einigen Gymnastikkursen wird es die Info geben „Durchführbarkeit fraglich. Bitte auf Veröffentlichung achten“. Wir wollen schließlich keine falschen Hoffnungen wecken.
Interview: Constanze Junk
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