Limburgerhof
Interview: Tilman Otto über die BI David, die Güterbahntrasse und Feldhamster
Herr Otto, fahren Sie gerne Bahn?
Ich hatte eine Zeit lang ein Jobticket. Aber jetzt, in Zeiten von Homeoffice, bin ich eher seltener mit der Bahn unterwegs. Da ich einen Firmenwagen habe, fahre ich meistens mit dem Auto. Aber ich habe es zwei, drei Jahre lang probiert. (lacht)
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Bahn gemacht?
Mal so, mal so. Bei kurzen Umsteigezeiten kann es schon knapp werden. Aber es waren auch gute Reisen dabei.
Das hat jetzt aber nichts damit zu tun, dass Sie das Projekt Gütertrasse kritisch sehen, oder?
Nein. (lacht)
Zur ersten Infoveranstaltung der Bürgerinitiative David kamen rund 600 Leute nach Limburgerhof. Mit ein paar Tagen Abstand, wie ordnen Sie das ein?
Wir waren schon überrascht. Auf einmal war der Raum komplett voll, und wir mussten den hinteren Teil öffnen. Es war toll. Wir haben danach viel positives Feedback bekommen. Es war überraschend, wie wenig über das Projekt bekannt ist, obwohl es schon so lange läuft. Von daher war es wichtig, das bekannt zu machen. Wenn es etwas Neues gibt, kann man das ja wiederholen.
Hatten Sie das Projekt vorher auf dem Schirm?
Nein. Ich habe davon auch erst Mitte Mai erfahren. Wir haben uns dann direkt im Anschluss getroffen. Da kam dann die Idee, eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen – um zu informieren und die Interessen der Leute zu vertreten. Es hat sich spontan so entwickelt.
Was ist von der ersten Infoversammlung hängengeblieben?
Wir hatten damals etwa 400 Teilnehmer bei unserer Whatsapp-Gruppe. Jetzt sind es 550. Rein technisch gehen meines Wissens nach nur 1023 Mitglieder in eine Gruppe. Irgendwann ist dann mal Schluss. Unsere Unterschriftenliste ist von 700 auf etwa 1000 angewachsen. Wir haben jemanden gefunden, der sich um unsere Webseite kümmert. Das ist aus meiner Sicht die beste Plattform, um die Leute zu informieren. WhatsApp ist gut, wenn man Fragen hat oder Expertise sucht.
Wie viele Aktive hat die BI?
Etwa 20 bis 30.
Die BI bindet viel Zeit. Wie bringen Sie gerade Ehrenamt, Beruf und Hobbys unter einen Hut?
Ich beschränke mich wirklich auf die Dialoggruppe. Um die Whatsapp-Gruppe kümmern sich andere Mitglieder. Tagsüber bin ich beruflich komplett eingespannt. Den Chat managt ein sehr engagierter Mitstreiter. Es gibt ja immer mal auch unschöne Beiträge.
Sie haben knapp zwei Monate Arbeit hinter sich. Was haben Sie schon geschafft? Was liegt noch vor Ihnen?
Die Arbeit verteilt sich schön, egal ob der Infostand auf dem Wochenmarkt, Unterschriftenlisten managen und so weiter. Die BI gibt es seit 28. Mai. Am 15. Juni haben wir schon einen ersten Fragenkatalog an die Bahn geschickt. Da weisen wir auf diverse Punkte hin, zum Beispiel auf Hochwasserrisikogebiete. Wir schauen uns den Kriterienkatalog an, nachdem die Trassen bewertet werden. Ein großes Thema sind bedrohte Tierarten, zum Beispiel der Feldhamster. Deswegen sind ja auch schon Trassenvarianten zurückgestellt worden. Nach Bundesnaturschutzgesetz sind in Deutschland 134 Arten streng geschützt, darunter der Feldhamster. Und glaubt man den Karten, dann ist er auch linksrheinisch. Mit der Aufzucht im Heidelberger Zoo scheint mir das ein Prestigeobjekt zu sein, damit der Bestand auf jeden Fall gehalten wird.
Aber Sie haben im Bruch noch keinen Hamster gesehen?
Nein. Was uns auch stört, ist der Entscheidungsprozess. 134 Arten sind per Gesetz streng geschützt. Und wenn man sich diese Liste anschaut, dann gibt es 44 Arten, die im Raum zwischen Ludwigshafen und Speyer ein Verbreitungsgebiet haben. Selbstverständlich gilt das ähnlich auch für die rechte Rheinseite. Man muss da im Prinzip damit rechnen, dass mehrere Tierarten betroffen sind, wenn man die Trasse baut. Am Ende wird es wohl eine Abwägungssache. Varianten aufgrund einer Art zurückzustellen, halte ich für kritisch. Da war man vielleicht etwas voreilig. Da werden wir auch weiter am Ball bleiben. Das Problem ist: Man wird auf der Strecke immer irgendwo ein Tier finden, das streng geschützt ist. Dann könnte man im Prinzip keine der Varianten verwirklichen.
Wie ist der Kontakt zu den anderen Gemeinden, die von der Trasse betroffen sind? Bei der Infoveranstaltung waren auch Leute aus Otterstadt, Speyer, Dudenhofen ...
Wir haben seit einiger Zeit Kontakt zu Leuten in anderen Gemeinden. Im Raum Speyer soll auch eine BI gegründet werden. Da sind wir im Gespräch, die Kräfte zu bündeln.
Ist es sinnvoll, mit mehreren Bürgerinitiativen zu einem Thema an den Start zu gehen? Oder wäre es nicht sinnvoll, an einem Strang zu ziehen?
Wie gesagt, eine Bündelung ist auf jeden Fall sinnvoll. Dann könnte man darüber sprechen, einzelne Ortsgruppen der BI zu installieren. Das könnte man schon unter ein Dach nehmen. Aber das müssen die Gruppen, die sich im Raum Speyer bilden, selbst entscheiden – wollen sie eigenständig bleiben oder zu uns dazukommen. Wir sind für alles offen.
Haben Sie bei dieser Entwicklung manchmal das Gefühl, dass das Ganze für Sie eine Nummer zu groß wird?
Nein, die Arbeit verteilt sich ja gut. Es gibt auch rechtsrheinisch mehrere Bürgerinitiativen. Und das Ganze ist ja auch hoffentlich zeitlich begrenzt. Denn die Entscheidung über die Zugzahlenprognose 2040 kommt hoffentlich Ende des Jahres. Dabei entscheidet sich, ob in Mannheim zusätzliche Gleise gebraucht werden. Wenn das nicht der Fall ist, wird die neue Trasse mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit rechtsrheinisch sein. In einem Jahr steht dann die Antragsvariante fest. Was dann weiter passiert mit der BI, weiß ich nicht. Danach geht es ja über einen Dialog hinaus. Dann sind es Verfahren, in die man nur mit rechtlichen Mitteln eingreifen kann.
Ich war vor Kurzem in Heidelberg und Umgebung mit dem Fahrrad unterwegs und bin tatsächlich auf Transparente gegen die Bahntrasse gestoßen. Auf der linken Rheinseite will’s keiner, rechts auch nicht. Aber der Lückenschluss muss ja gemacht werden. Welche Alternativen bieten Sie?
Es ist klar, dass man es nicht will, weil es natürlich ein Opfer ist. Das will keiner bringen. Am Ende müssen alle relevanten Kriterien – Umwelt, Raumordnung, Finanzen – berücksichtigt werden. Und dann kommt es drauf an, wie gut die Lösung verkehrstechnisch ist. Das alles muss bewertet werden. Wenn das alles offen kommuniziert wird – ohne irgendwelche Schnellschüsse – dann ist das für alle akzeptabel. Und notfalls müssten wir in der Vorderpfalz eben auch in den sauren Apfel beißen.
Was ist Ihre favorisierte Trasse im Moment?
Es gibt im vorläufigen Plan noch ein, zwei Trassen, die erscheinen mir günstiger.
Die sind aber rechtsrheinisch?
Ja.
Haben Sie auch schon Transparente in Auftrag gegeben?
(lacht) Nicht, dass ich wüsste.
Ist die BI schon ein eingetragener Verein?
Nein. Aber es gibt natürlich die Diskussion bei uns, ob man das nicht machen sollte. Ich denke, das wird in nächster Zeit noch mal zu klären sein, speziell, wenn man noch mehr finanzielle Mittel bräuchte.
In einem Jahr sind Kommunalwahlen. Wie aktiv ist die Zusammenarbeit mit der Lokalpolitik?
Wir stoßen da auf offene Türen. Es gab und wird auch weiterhin Treffen mit den betroffenen Bürgermeistern geben. Ich glaube, das Interesse wächst, je mehr die Bürger auch informiert sind. Da ist es dann auch wichtig, dass sich die Politiker positionieren.
Aus einer BI sind ja auch schon politische Bewegungen entstanden. Gibt es in diese Richtung Ambitionen?
Nein. Eines unserer Ziele ist, dass wir überparteilich bleiben wollen. Wir arbeiten gerne mit den Gemeinden zusammen, wollen uns aber nicht vereinnahmen lassen. Wir wollen unabhängig sein. Ich denke nicht, dass sich daraus eine politische Gruppe bildet. In einem Jahr ist die Entscheidung für eine Trasse gefallen und die Aufgabe der BI dann auch erfüllt.
Vielleicht müssen Sie das Projekt aber weiter kritisch begleiten.
Klar, wenn linksrheinisch gebaut wird, dann ist das Thema nicht durch für uns. Da wird es viele Themen für uns geben – Planung, Bau, das wird bestimmt zehn, 15 Jahre dauern. Das ist eine andere Dimension.
Haben Sie den Eindruck, dass die Lokalpolitiker bei dem Projekt den Anschluss verpasst haben? Auf badischer Seite scheint man da schon weiter.
Der Vorwurf kam auch in der Informationsveranstaltung. Es wundert mich, dass sich das Projekt nicht rumgesprochen hat. Das Projekt ist seit zwei, drei Jahren im Gespräch. Ich glaube, die Bürger haben das irgendwie verpasst. Ich glaube nicht, dass etwas bewusst vertuscht worden ist. Womöglich hat das Bewusstsein für die Auswirkungen gefehlt.
Sie haben die Strecken vorgestellt. Mein favorisiertes Detail war die Trasse, die mitten durch ein Lokal und die Kläranlage Limburgerhof geht. Bei was haben Sie gedacht: Kann nicht wahr sein?
Was mich am meisten stört, sind die extrem langen Tunnelbauten. Das ist im Grundwasser technisch möglich. Aber es ist nicht ohne. Und Sie haben recht. Kläranlage und „Anglerstubb“ sind zwei sehr kritische Punkte. Da weiß ich auch nicht, wie man sich das denkt.
Sind Sie in den vergangenen zwei Monaten zum Bahnexperten wieder Willen geworden?
(lacht) Es ist als Thema interessant und wichtig, dass alle Informationen auf den Tisch kommen. Als Physiker interessieren mich solche technischen Sachen auch. Ich wusste auch nicht, welche Tierarten per Bundesnaturschutzgesetz geschützt sind. Und dass davon so viele hier bei uns leben.
Gehen Sie seitdem bewusster vor die Tür?
Zumindest, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, auf jeden Fall. Da denkt man: Es wäre ein Jammer, wenn hier eine Baustelle eine etwa 100 Meter breite Schneise der Verwüstung schlagen würde.
Wird die Zeit für Ihre Aktionen knapp?
Die Zeit ist ein Thema, ja. Für ein Gutachten wird es sehr, sehr knapp. Schade, aber wir können es nicht ändern.
Zur Sache: Die Güterbahntrasse Mannheim - Karlsruhe
Die geplante Güterbahntrasse zwischen Mannheim und Karlsruhe soll eine Lücke auf der Strecke von Rotterdam in den Niederlanden bis nach Genua in Italien schließen. Dieser Lückenschluss ist auch gesetzlich verankert. Die Deutsche Bahn sucht aktuell nach der geeignetsten Trasse für dieses Projekt in einem Korridor, der sich zwischen Odenwald und Pfälzerwald befindet. Acht Trassenvarianten sind noch in der engeren Auswahl. Sechs davon verlaufen vornehmlich rechtsrheinisch, also über Nordbaden. Zwei befassen sich allerdings auch mit einer Trassenführung links des Rheins, also auch durch die Vorderpfalz. Dabei müssten allerdings diverse Tunnel und Brücken gebaut werden. Auch der Natur- und Umweltschutz ist bei den einzelnen Linien immer wieder ein Thema. Bis 2024 will sich die Bahn für eine Trasse entschieden haben, die sogenannte Antragstrasse, mit der das Unternehmen ins Raumordnungsverfahren geht. Dabei wird untersucht, ob die Trasse zum Beispiel mit dem Schutz von Mensch und Natur vereinbar ist. In Baden-Württemberg ist das Regierungspräsidium Karlsruhe, in Rheinland-Pfalz die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt in das Verfahren eingebunden.