Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Freier Trauerredner erzählt aus seiner Praxis

Ein Mensch ist gestorben, und jemand soll die Trauerrede halten. Das muss nicht unbedingt ein Geistlicher sein.
Ein Mensch ist gestorben, und jemand soll die Trauerrede halten. Das muss nicht unbedingt ein Geistlicher sein.

Klaus Wagner (65) hat im Rentenalter eine Aufgabe gefunden, die ihn sehr erfüllt: Er betätigt sich in der Vorderpfalz und in Mannheim als freier Redner bei Bestattungen. Im Trauermonat November hat der Bobenheim-Roxheimer Waltraud Werdelis von seiner Arbeit erzählt und wie sie ihn beeinflusst.

Herr Wagner, steigen wir gleich ins Thema ein. Was ist Ihrer Ansicht nach das Geheimnis einer guten Trauerrede?
Wenn man den Angehörigen im Vorgespräch gut zugehört hat, empathisch ist, keine Vorurteile hat und die Vielfalt des Lebens und Sterbens in Geschichten verpacken kann, dann sollte die Ansprache in oder vor der Trauerhalle oder am Grab gelingen. Natürlich müssen die Hinterbliebenen einem auch etwas erzählen und Vertrauen entgegenbringen. Das oberste Gebot für die Rede lautet: Immer bei der Wahrheit bleiben, nichts beschönigen. Es muss nicht alles erwähnt werden, aber es soll das Leben des Verstorbenen widerspiegeln.

Aber es kann doch sicher etwas schief gehen.
Meine größten Ängste sind, dass ich mal zur falschen Zeit zur Beisetzung komme, nicht die richtige Rede dabei habe, falsche Namen nenne oder biografische Details falsch wiedergebe. Schließlich beruht ein wichtiger Teil der Rede auf der Biografie des Verstorbenen. Wenn ein Redner bei einer Hochzeit einen Fehler macht, kann er das humorvoll korrigieren, einen kleinen Scherz darüber machen. Das geht bei einem Trauerfall gar nicht. Was aber nicht heißt, dass eine Trauerrede die Zuhörer nicht mal zum Lächeln oder Schmunzeln bringen darf. Das kläre ich aber auf Wunsch vorher mit den Angehörigen ab.

Wie sind Sie auf diese Tätigkeit gekommen?
Ich bin von Beruf Kaufmann, war Prokurist in der Inkassobranche und habe mich mit 57 Jahren für die Gesundheit entschieden und deshalb aufgehört zu arbeiten. Finanziell war das kein Problem. Irgendeine Aufgabe braucht man aber, deshalb habe ich vor gut fünf Jahren angefangen, in einem Bestattungsinstitut mitzuhelfen. Dort wurde in einem akuten Fall ein freier Redner gesucht, und man fragte mich, ob ich das machen könnte.

Wie haben Sie sich beim ersten „Auftritt“ gefühlt?
Ich hatte ein mulmiges Gefühl, war aber optimistisch, dass hoffentlich alles klappt. Mein Vorteil war, dass ich durch die Arbeit beim Bestatter alle Abläufe vom Sterbefall an sich bis zur Beisetzung gut kannte. Doch zwischen meiner ersten Rede und heute liegen Welten.

Haben Sie sich alles selbst beigebracht oder eine Art Ausbildung gemacht?
Ich habe mir das selbst erarbeitet, besitze kein Zertifikat und gehöre keinem Trauerrednerverband an. Ich habe viel mitgenommen von Pfarrern und freien Rednern, die ich auf Trauerfeiern habe sprechen hören.

Apropos – der Begriff freier Redner bedeutet ja, dass die Trauerfeiern, die Sie begleiten, ohne religiösen Kontext stattfinden und Sie nicht im Auftrag einer Kirche tätig sind. Wie ersetzen Sie die christlichen Inhalte, die bei kirchlichen Beisetzungen als Trost für die Trauernden vermittelt werden?
Ich verwende bildhafte Geschichten, die das Leben widerspiegeln und zum Trauerfall passen. Zum Beispiel kann man das Leben mit einer langen Zugreise vergleichen. Der Verstorbene hat vielleicht viele Stopps eingelegt, viele Menschen getroffen oder ist auch mal in den falschen Zug eingestiegen, bis er schließlich an der Endstation angekommen ist. Die Geschichten müssen aber immer zum Verstorbenen und zu seiner Familie passen. Es ist nicht so, dass Religiöses ganz und gar tabu ist. In meinem Fragebogen für das Gespräch mit den Hinterbliebenen steht immer, ob das Vaterunser gesprochen werden soll. In den meisten Fällen ist die Antwort Ja. Und erstaunlicherweise sprechen das die meisten Trauergäste mit. Ich sage immer: An irgendetwas glauben die Leute ja doch.

Was kostet Ihre Dienstleistung, zu der ja auch die Beratung für den Ablauf der Trauerfeier gehört?
Ich nehme 380 Euro, was sich in der Branche am unteren Rand bewegt. Aber ich muss davon ja auch nicht leben, im Gegensatz zu hauptberuflichen freien Rednern.

Bei Trauerfeiern wird heutzutage oft Pop- und Rockmusik abgespielt, weil der Verstorbene bestimmte Stücke zu seinen Lebzeiten gemocht hat. Und manches mag so gar nicht zum Anlass passen. Nervt Sie das?
Nein. Meinetwegen darf sogar, wie es ab und zu passiert, „Highway To Hell“ von AC/DC oder etwas von Rammstein gespielt werden. Oder die alten Klassiker, mit denen die Angehörigen etwas verbindet. Für mich persönlich ist das angenehmer als dreimal was von den Flippers hören zu müssen.

Wie geht es Ihnen nach drei Jahren als Trauerredner? Hat die Arbeit Sie verändert?
Auf jeden Fall. Ich bin offener geworden, habe Vorurteile abgebaut und viel mehr Verständnis für die Menschen. Man muss immer die Geschichte kennen, um urteilen zu können. Ich kann die Leute jetzt so nehmen, wie sie sind. Das hilft mir auch bei meinem Ehrenamt als Schöffe am Landgericht.

Und es gibt nichts, was Ihnen in der Beschäftigung mit Tod und Trauer zu schaffen macht?
Doch. Wenn ein Kind oder ein junger Mensch gestorben ist, das geht einem schon sehr nahe.

Klaus Wagner ist seit drei Jahren als Trauerredner unterwegs.
Klaus Wagner ist seit drei Jahren als Trauerredner unterwegs.
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