Rhein-Pfalz Kreis „In Vorderpfalz statistisch mehr ALS-Patienten“

Joachim Wolf
Joachim Wolf

«Wachenheim.» Dem Privatdozenten Joachim Wolf, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Diakonissen-Krankenhaus in Mannheim, wurde der renommierte Christa-Lorenz-ALS-Forschungspreis verliehen. Die Auszeichnung erhielt der Wachenheimer für seine wissenschaftliche Arbeit über die neurologische Erkrankung ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Ein prominenter ALS-Patient war der kürzlich verstorbene britische Physiker Stephen Hawking. Wolf initiierte maßgeblich Entstehung und Aufbau des bundesweit ersten bevölkerungsbasierten ALS-Registers für Rheinland-Pfalz.

Herr Wolf, was treibt Sie an?

Neugier und auch Mitgefühl sind für mich wichtige Faktoren. Das Mitgefühl spielt als Antrieb vermutlich bei jedem Arzt eine Rolle, gerade bei ALS-Erkrankten, um für die Patienten die bestmögliche Therapie zu finden. Ein gewisser wissenschaftlicher Ehrgeiz, klar, ist auch dabei – bei Fragestellungen nicht locker lassen, beharrlich dranbleiben. Wie entstand die Idee zu Ihrer Forschungsarbeit? 2008 fiel uns im Klinikum Ludwigshafen die hohe Anzahl neuer ALS-Fälle aus dem vorderpfälzischen Raum auf. Wir fragten uns, ob ALS in der Vorderpfalz häufiger auftritt als in der internationalen Forschung beschrieben, und was die Ursachen sein könnten. Deshalb entschieden wir uns, eine Untersuchung über die Verbreitung der Krankheit in Rheinland-Pfalz durchzuführen. Von 2009 bis 2012 wurden alle Patienten des Bundeslandes mit einer neu diagnostizierten ALS-Erkrankung erfasst und Daten zu regionaler Verteilung, Beschwerdebild und Verlauf erhoben. Es wurde geschaut, ob es Hinweise auf Risiken und Prognosefaktoren gibt. Wir haben Lebensstilfaktoren abgefragt. Auch, ob die Menschen allein oder in einer Familie leben. Welche Rolle spielt die Familie? Interessanterweise zeigt unsere Studie, dass alleinstehende Patienten viel kürzer lebten. Patienten können, auch wenn die Krankheit fortgeschritten ist, eine gewisse Lebensqualität erfahren, wenn sie zu Hause und mit Angehörigen zusammen sind. Ja, und Glaube spielt auch eine große Rolle. Menschen, die im Glauben verankert sind, scheinen das Schicksal ein bisschen leichter zu nehmen. Welche neuen Erkenntnisse hat das Register noch ermöglicht? Wir wissen nun, dass zwei von 100.000 Einwohnern jährlich neu erkranken. Das war für Deutschland nicht bekannt. Für Rheinland-Pfalz wären das bei vier Millionen Einwohnern jährlich etwa 80 Menschen, die neu von der Krankheit betroffen sind. Die Überlebensdauer der Patienten ist extrem kurz – unsere Daten zeigen, dass die Hälfte der Patienten etwa eineinhalb Jahre nach Diagnoseerstellung verstorben ist. Nur etwa zehn Prozent leben zehn Jahre oder länger. Was haben Sie über die ALS im Raum Vorderpfalz herausgefunden? Das Register belegt, dass es in der Vorderpfalz statistisch gesehen mehr ALS-Fälle gibt. In Bad Dürkheim waren es hochgerechnet sechs Patienten auf 100.000 Einwohner, im Kreis Bad Dürkheim und den Stadtgebieten Ludwigshafen und Frankenthal waren es fünf bis sechs Patienten. Das sind fast dreimal mehr Neuerkrankungen als im übrigen Bundesland. Über die Ursache der Häufung gibt es nur Vermutungen, wie die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln. Register anderer Länder zeigen, dass weltweit regionale Häufungen auftreten – mit unterschiedlichen Hypothesen zur Ursache. Welche wissenschaftlichen Ziele verfolgen Sie in nächster Zukunft? Wir werden die Daten der jetzt noch lebenden ALS-Patienten aus dem Register weiter auswerten und mit den Daten der verstorbenen Patienten vergleichen. Außerdem werden wir Daten unseres Registers Daten aus anderen Ländern gegenüberstellen. Wir werden mit der Berliner Charité zusammenarbeiten, was die Versorgungsforschung angeht. Wissenschaftlich verfolge ich neben der ALS auch andere Krankheiten. Die nennen sich Vaskulitiden – Krankheiten aus dem rheumatologischen Kreis, die auch neurologische Komplikationen verursachen. Ihr größter beruflicher Traum? Mein größter Wunsch wäre, dass möglichst bald die Ursache der ALS gefunden wird. Erst dann wird eine Behandlung möglich. Von so einer Behandlung erwarte ich, dass die Krankheit irgendwann heilbar wird. Das wäre ein riesiger Durchbruch. Es würde mich freuen, wenn ich das in den nächsten zehn Jahren erleben würde. Was bedeutet Ihnen der Christa-Lorenz-Preis? Er ist eine tolle Bestätigung der Arbeit, die wir seit 2008 gemacht haben, eine Auszeichnung dafür, dass wir nicht locker gelassen haben mit diesem Register. Der Christa Lorenz-Preis ist eine große Ehre für mich. | Interview: Sabine Baum

x