Rhein-Pfalz Kreis „In den 60ern mal Mäuschen spielen“

Mutterstadt. Eine Zeitreise durch die Geschichte von Rheinland-Pfalz bietet Sylvia Landau heute um 19 Uhr in der Gemeindebibliothek Mutterstadt. Die Historikerin hat ihrem Vortrag, bei dem auch das Buchprojekt „Kreuz, Rad, Löwe“ des Landtags präsentiert wird, den Titel „Rheinland-Pfalz in Bild und Ton“ gegeben. Im Gespräch plaudert die 32-Jährige über die Bedeutung der Symbole des Landeswappens, das verstaubte Geschichtsimage und wohin sie mit einer Zeitmaschine reisen würde.
Für eine Zeitreise würde ich mich geografisch gar nicht verändern, sondern in Rheinland-Pfalz bleiben und in die 1950er- und 1960er-Jahre zurückreisen. Deutschland und Rheinland-Pfalz waren damals Schauplätze, an denen man nicht nur Landes-, sondern Weltgeschichte hautnah miterleben konnte. Vor allem die Präsenz und das Verhältnis der Deutschen zu den US-amerikanischen Streitkräften in Rheinland-Pfalz, würden mich interessieren. In dieser Zeit mal Mäuschen zu spielen, fände ich sehr spannend. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Rheinland-Pfalz denken? Als Erstes denke ich an den leckeren Wein, als Zweites an die Gastfreundlichkeit der Pfälzer. In Straußwirtschaften setzt man sich einfach zu fremden Leuten an den Tisch, da gibt es keine Berührungsängste, sondern man plaudert bei einem Glas Wein über Gott und die Welt. Das war für mich, als ich 2003 nach Mainz kam, eine neue Erfahrung, die es aber sehr leicht gemacht hat, mich in meiner neuen Wahlheimat wohlzufühlen. Kreuz, Rad, Löwe – welche Gemeinsamkeit haben diese drei Bestandteile des Landeswappens? Bis 1948 hatten diese drei Bestandteile wenig gemeinsam. Erst danach haben sie als Landeswappen eine gemeinsame Bedeutung entwickelt und stehen seitdem für unser Bundesland. Rheinland-Pfalz war ja ein Land aus der Retorte, das künstlich zusammengefügt wurde und über die vergangenen Jahre zusammenwachsen musste. Das Buchprojekt hat diese Gemeinsamkeiten aufgegriffen und gibt als erstes Werk einen Überblick über die Geschichte des Raumes unseres Bundeslands wider. Was war für Sie am Buchprojekt die spannendste Erkenntnis? Das Spannendste waren eigentlich die Reaktionen auf das Buch. Viele denken zwar immer, Landesgeschichte sei verstaubt und daher für viele uninteressant, aber das positive Echo war enorm. Das hat uns gezeigt, wie neugierig die Menschen auf die Geschichte ihres Landes sind. Bei Veranstaltungen haben sie uns teilweise Löcher in den Bauch gefragt. Wird man da nicht auch manchmal von Fragen überrumpelt, auf die man so schnell keine Antwort weiß? (Lacht) Ja, das kann schon mal der Fall sein. Vor allem, weil oft auch Spezialisten im Publikum sind, die sich mit der Regionalgeschichte sehr gut auskennen und da viel detailfester sind als ich und meine Kollegen. Wir betrachten ja eher die großen Zusammenhänge. Aber daraus ergeben sich meist sehr interessante Diskussionen, bei denen man dazu lernt. Geschichte wird oft als staubtrocken und langweilig betrachtet. Wie würden Sie dieses Image aufpolieren? Wenn man Geschichte nur als Kombination von Zahlen und Faken begreift, dann ist sie natürlich staubtrocken. Allerdings wird sie sehr interessant, wenn man sich mit den Menschen, die hinter diesen Zahlen und Fakten stehen, beschäftigt. Es sind ja die Menschen, die mit ihrem Handeln und ihren Entscheidungen die Geschichte vorantreiben. Mich interessiert dabei, warum sie im Kontext ihrer Zeit so und nicht anders gehandelt haben. Wenn sich ein Afroamerikaner heute im Bus nach vorne setzt, ist das ganz normal. Hat er dies vor 1955 getan, war das ein mutiger Schritt. Man kann die Gegenwart nur verstehen, wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt hat. Leider versäumen es ja einige Geschichtslehrer, indem sie auf stures Auswendiglernen von Daten pochen, den Stoff interessant zu machen. Wie war das in Ihrer Schulzeit? Ich habe Geschichte schon in der Schule sehr gemocht. Das lag auch an meiner Lehrerin, die die Themen spannend vermittelt und eben nicht nur Wert aufs Lernen von etlichen Jahreszahlen gelegt hat, sondern vielmehr die Zusammenhänge in den Mittelpunkt gerückt hat. Ihr Vortrag wird von Filmaufnahmen begleitet. Welche zum Beispiel? Mein Vortrag wird markante Zäsuren in der rheinland-pfälzischen Geschichte wie zum Beispiel den Regierungswechsel von Peter Altmeier zu Helmut Kohl aufgreifen. Aber wir werden uns auch mit dem Thema der deutsch-französischen Aussöhnung und der Stationierung der US-amerikanischen Truppen im Land auseinandersetzen. Welche bewegten Bilder haben Sie am meisten bewegt? Mich haben alle auf ihre eigene Weise bewegt, denn sie machen den jeweiligen Zeitgeist sehr gut spür- und nachempfindbar. Ich hoffe, dass es die Besucher in Mutterstadt genießen werden, diesem gemeinsam mit mir nachzuspüren. Vielleicht sind ja auch einige Zeitzeugen anwesend, die gerade die jüngeren Ereignisse miterlebt haben und über ihre Erfahrungen berichten. Ich bin gespannt.