SCHWEGENHEIM / RÖMERBERG
In 80 Tagen rund ums Windrad
An rund 80 Tagen war Kurt Benz im vergangenen Jahr immer dann mit seiner Kamera vor Ort, wenn an den vier Windkraftanlagen gearbeitet wurde. Der Baustelle ist er dabei so nahe gekommen, wie es eben erlaubt war, um Filmaufnahmen zu machen. Das Ergebnis wollte der 79-Jährige eigentlich bei öffentlichen Filmvorführungen in Römerberg, Lingenfeld und Weingarten zeigen. Doch daraus wurde wegen der Corona-Pandemie nichts. Stattdessen hat er den knapp eine Stunde langen Zusammenschnitt auf dem Videoportal Youtube im Internet hochgeladen. Auch im Offenen Kanal ist seine Dokumentation gelaufen.
Mit dem digitalen Fotografieren hat Kurt Benz schon Anfang der 1990er-Jahre während seiner Berufslaufbahn als Verfahrensingenieur bei der BASF begonnen. Privat war Fotografieren schon seit seiner Jugend sein großes Hobby, später kam das Filmen hinzu. Festgehalten hat er unter anderem die Feierlichkeiten und den Umzug „800 Jahre Heiligenstein“ sowie das Errichten des Friedenskreuzes in Heiligenstein durch die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) vor rund 30 Jahren oder auch das Abnehmen der Klöppel der Heiligensteiner Kirchglocken für eine Sanierung im Jahr 2009. An den neuen Windkraftanlagen in der Nähe seines Heimatorts hat Kurt Benz vor allem der technische Aspekt gereizt. „Das hat mich schon immer interessiert“, sagt er. Und so hat er sich im vergangenen Jahr regelmäßig auf den Weg zur Baustelle gemacht, hat beobachtet und gefilmt, wie die tonnenschweren Teile der Windkraftanlagen angeliefert und montiert wurden.
„Ich war auch ein Fan der Atomindustrie, als sie vor unserer Haustür entstanden ist“, bekennt Benz mit Blick auf das Kernkraftwerk in Philippsburg, dessen Kühltürme vor wenigen Tagen gesprengt wurden. Von der Richtigkeit des Atomausstiegs ist er bis heute nicht überzeugt. Um ein AKW zu ersetzen, seien rund 1000 Windräder nötig, sagt er. Die Nutzung der Windkraft müsse deshalb noch massiv ausgebaut werden, glaubt Benz. Dazu müssten die Anlagen auch näher als bisher an den Ortschaften gebaut werden. Für Kurt Benz ist das in Ordnung, so lange die Windräder wegen des erzeugten Lärms auf der windabgewandten Seite der Ortschaften stehen. Auch optisch stören ihn Windräder in der Landschaft „absolut nicht“. Überhaupt hat sich seine Einstellung zur Windkraft auch durch die Beschäftigung mit dem Bau der neuen Schwegenheimer Anlagen zum Positiven verändert, wie er sagt.
Anfangs skeptisch
Vor fast 15 Jahren ist das erste der Windräder zwischen Römerberg und Dudenhofen eingeweiht worden. „Damals war ich skeptisch“, sagt Benz. Einer der für den Bau Verantwortlichen habe ihm damals gesagt, dass der Windertrag dort eigentlich zu schwach sei, um eine Windkraftanlage zu betreiben. Und tatsächlich stünden die Räder oft still. „Die neuen Anlagen sieht man dagegen ständig laufen“, hat der Heiligensteiner beobachtet. Der Grund sei, dass die Türme um die Hälfte höher seien. Die Nabenhöhe beträgt rund 150 Meter. Die vier Anlagen haben eine Leistung von je knapp 3.5 Megawatt und versorgen nach Angaben der Betreiberfirma Juwi rund 7000 Haushalte mit Strom.
Bei seinen Besuchen der Baustelle im vergangenen Jahr habe er sich auf den Wirtschaftswegen in gebührendem Abstand weitgehend frei bewegen dürfen und so die beeindruckenden Aufnahmen der Montage der riesigen Bauteile festhalten können, berichtet Benz. Die eigens für die Anlieferung der Elemente hergestellten Schotterwege seien indes tabu gewesen. Mit den Mitarbeitern der am Bau beteiligten Firmen sei er ins Gespräch gekommen, sagt der Heiligensteiner. Von ihnen und aus dem Internet habe er viele der Daten bekommen, die er in seinen Film eingebaut hat. Auch in einem der Türme durfte er sich für Foto- und Videoaufnahmen an einem Tag umschauen.
Sozusagen als Nebenprodukt seiner zahlreichen Besuche im Gebiet zwischen Mechtersheim und Schwegenheim ist noch ein zweiter Film entstanden: Er zeigt die Flora und Fauna vor Ort. „Es hat mich begeistert, was die Schwegenheimer Landwirte um ihre Felder gepflanzt haben“, berichtet der Heiligensteiner von Streifen mit Blühpflanzen, die vielen Insekten und anderen Tieren eine Heimat bieten. Davon inspiriert haben der 79-Jährige und seine Frau sich entschlossen, den Rollrasen im heimischen Garten nicht auszutauschen und stattdessen eine Wiese anzulegen. Technik und Natur, das geht bei Kurt Benz eben gut zusammen.
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