Mutterstadt
Hochbetagt und hochzufrieden – Amalie Fichtenmeier blickt auf 100 Jahre Leben
Auf dem Esstisch in der immer noch eigenen Wohnung von Amalie Fichtenmeier steht derzeit ein Sträußchen Maiglöckchen aus dem eigenen Garten. Ihr Stuhl, mit dem sie daran sitzt, hat Räder, da die Beine mittlerweile ein wenig schwach sind. Davon abgesehen sind ihrer aufrechten Körperhaltung und ihrem glatten Gesicht mit den aufmerksamen Augen darin das stolze Alter nicht anzusehen. „Meine Mutter liebt Maiglöckchen“, erzählt Tochter Gabriele Hauke, während sie ihrer Mutter, die sie liebevoll „Muttel“ nennt, zärtlich den Arm streichelt. Am 14. Mai 1921 sei die Mama in Birkenhördt in der Nähe von Bad Bergzabern als ältestes von acht Kindern auf die Welt gekommen, beginnt sie ihre Schilderung über das Leben der Jubilarin. Als junges Mädchen habe sie bei der Betreuung der jüngeren Geschwister geholfen und sie mit großgezogen. Außerdem gab es für sie „Aufgaben auf der Wiese“, sprich: das Hüten von Gänsen und Hühnern. Auch im Winter und bei Schnee habe sie „dem Vater das Essen getragen“, das heißt, sie hat sich mit dem Hund und einem „Kännel“ voll warmer Suppe auf den Weg zu ihrem Vater in den Wald gemacht, der dort als Forstarbeiter arbeitete. Lächelnd zieht Gabriele Hauke den Vergleich: „wie das Rotkäppchen“.
Das Elternhaus wurde bombardiert
Nach ihrem Volksschulabschluss arbeitete Amalie als Pflegerin in der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster sowie in Frankenthal. Zu Beginn des Krieges wurde das Elternhaus bombardiert und die Familie nach Bamberg auf einen Bauernhof evakuiert. „Bis uns der Onkel nach Oggersheim hat kommen lassen“, weiß die hochbetagte Seniorin noch. 1940 lernte sie nach Rückkehr in die Heimat ihren Mann Friedrich kennen. Dieser war in Bad Bergzabern beim Militär und einer seiner Kameraden stammte aus Amalies Dorf. Beim Freigang liefen die Burschen dort singend durch und erregten die Aufmerksamkeit der jungen Frau. Diese war zu dieser Zeit im Bund Deutscher Mädel (BDM) organisiert. „Da hat man halt zu dem Verein gemusst“, erinnert sich die 100-Jährige an diese Verpflichtung. Geheiratet wurde 1942 mitten im Krieg. Als ihr Angetrauter nach Wien zur Hundestaffel berufen wurde, durfte sie ihn dreimal dort besuchen.
Das Paar führte 50 Jahre lang eine glückliche Ehe. Leider verstarb ihr Vater nur sechs Wochen nach der goldenen Hochzeit, blickt Tochter Gabriele traurig zurück. Sie selbst wurde im März 1944 geboren, laufen lernte sie im Schutzkeller. Nach dem Krieg fand Friedrich Fichtenmeier eine Anstellung als Chemielaborfachwerker bei der BASF. Seit 1951 bewohnte die kleine Familie eine Wohnung in Oggersheim. 1969 wurde das selbst gebaute Eigenheim in Mutterstadt bezogen. Für Tochter Gabriele, Ehemann Wolfram und den 1973 geborenen Enkelsohn Tim war die untere Etage vorgesehen. Großmutter Amalie war stets für alle da, half der Tochter mit dem Kind und verdiente mit Heißmangeln, Putzen und Feldarbeit etwas dazu.
Familie hat einen hohen Stellenwert
Mit den Worten: „Sie hat viel mitgemacht und schaffen müssen“, zollt Gabriele der Lebensleistung ihrer Mutter Respekt. Daher kümmert sie sich jetzt, wo Dinge altersbedingt schwieriger werden, gerne um sie. „Nun möchte ich ihr zurückgeben, was sie uns gegeben hat“, sagt die 77-Jährige. Sie wiederum bekommt dafür viele lieb gemeinte Worte zu hören. Familie habe für ihre Mutter immer einen hohen Stellenwert gehabt und habe ihr Zufriedenheit beschert. Gerne seien ihre Eltern auch gelegentlich in den Urlaub ins Allgäu und in den Schwarzwald gefahren, hier vor Ort sei man auf die Waldfeste gegangen und habe Zeit miteinander verbracht. Nachbarn hätten auf Erzählungen ihres lebenserfahrenen Gegenübers so reagiert: „Die hätte doch könne ä Buch schreibe.“ Schon 70 Jahre lang genießt die treue Leserin täglich die RHEINPFALZ, löst nach wie vor Kreuzworträtsel und mag es, sich Billard im Fernsehen anzuschauen. Gefeiert wird der große Tag mit vom Enkel am Zaun angebrachten Ballons, die das Alter der Großmutter verraten, selbstgebackenem Kuchen und einem bestellten griechischen Essen. Und so, wie es die Jubilarin liebt, ganz im Kreis der Familie.