Mutterstadt
Hilfe aus dem Karton – Proviantkisten unterstützen Bedürftige
Jeder spürt es an der Supermarktkasse – Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs werden immer teurer. Und das ist kein Gefühl, sondern statistisch belegt. Laut Statistischem Bundesamt zogen in den vergangenen zehn Jahren die Lebensmittelpreise um knapp 50 Prozent an, besonders stark ab 2022. Für Speiseöl oder Zucker zum Beispiel muss man immer tiefer in die Tasche greifen – mitunter zogen die Preise um bis zu 80 Prozent an.
Diese Entwicklung spüren am deutlichsten Menschen, die am oder knapp über dem Existenzminimum leben. Kommen sie in finanzielle Notlage, greifen ihnen in Mutterstadt die Ehrenamtlichen der Aktion Proviantkiste unter die Arme. Das sind vor allem Susanne Succu (52), Susanne Weber (58) und Joachim Hüther (71). Am letzten Donnerstag im Monat treffen sie sich in einer kleinen, umfunktionierten Garage. Sie kaufen die notwendigsten Waren zum Leben ein und packen sie in Pappkisten. Betroffene können diese dann abholen. Wenn nötig, werden Kisten auch nach Hause gebracht, etwa zu Älteren, die nicht so gut zu Fuß sind.
Mehr tun als nur die Pflicht
Die Wurzeln der Aktion gehen auf die Katholische Arbeitnehmerbewegung zurück, die vor mehr als 30 Jahren mit dieser Art der Unterstützung begonnen hat. Aus der ursprünglich kirchlich verankerten Initiative hat sich inzwischen eine überkonfessionelle und über Spenden finanzierte Aktion entwickelt. Es ist einerseits beeindruckend, dass sich Menschen über einen so langen Zeitraum für sozial Schwächere einsetzen. Andererseits muss es nachdenklich stimmen, dass diese Hilfe seit Jahrzehnten so dringend notwendig ist.
Genau das ist ein Grund, warum die Ehrenamtlichen in ihrer Freizeit Proviantkisten packen. Aber es ist nicht nur das: „Wir können hier ganz konkret Menschen helfen“, sagt Joachim Hüther, „und das in einem tollen Team.“ Der 71-jährige Ruheständler stieß eher zufällig auf die Gruppe. „Ich wurde gefragt, ob ich mal aushelfen kann – und bin geblieben“, erzählt er. Auf die Frage, warum, antwortet er mit einem Zitat von Winston Churchill: „Um eine Gesellschaft zu ruinieren, muss nur jeder seine Pflicht tun!“ Mit anderen Worten: Ehrenamt ist der Kitt unserer Gesellschaft.
Finanziell Luft verschaffen
In diesem Sinne hat auch Susanne Succu gezielt nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht. Die Aktion Proviantkiste habe perfekt zu ihr gepasst: „Wenn es einem selbst gut geht, möchte man auch etwas zurückgeben“, sagt sie. Und es passt zu ihrem quirligen Wesen: „Auf der Couch rumliegen, das liegt mir so gar nicht“, sagt die 52-Jährige und sortiert in Windeseile weiter routiniert Waren in Kisten.
Susanne Weber ist Sozialarbeiterin an einer Mutterstadter Grundschule und arbeitet vorwiegend mit Kindern mit Migrationshintergrund. Über den Arbeitskreis Asyl ist sie zu der Aktion gekommen. Für sie ist freiwilliges Engagement wichtiger denn je: „Ohne Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft ärmer und vieles nicht möglich.“ Zum Beispiel Teilhabe am Leben – besonders für sozial Schwache, bei denen das Geld hinten und vorne fehlt. Mit den Proviantkisten könne ihnen finanziell etwas Luft verschafft werden.
Von Apfelmus bis Zucker
In den Kisten sind Dinge des alltäglichen Lebens. Lebensmittel von Apfelmus bis Zucker, aber auch Hygieneartikel wie Seife oder Shampoo oder das in den vergangenen Jahren so teuer gewordene Speiseöl. Verteilt werden grundsätzlich nur haltbare Waren. Auf individuelle Wünsche wird, soweit möglich, Rücksicht genommen. So bekommen etwa Senioren, die zum Beispiel Schwierigkeiten beim Kartoffelschälen oder Kochen haben, mehr Konserven.
Es gebe keine starren Regeln dafür, wer Anspruch auf eine Kiste hat. Wer Unterstützung brauchen könnte, das habe etwa Mutterstadts Sozialarbeiterin Christine Franz im Blick, erzählen die Ehrenamtlichen. Jeder, der Unterstützung benötige, könne sich melden. Selten sei die Bedürftigkeit nicht anerkannt worden, sagt Joachim Hüther.
Höhere Dunkelziffer der Bedürftigen
Derzeit sind es elf Haushalte, die die Spenden erhalten. „Es sind vor allem ältere Menschen und drei Familien mit Kindern. Früher hatten wir fast 20 Haushalte“, berichtet Susanne Succu. Es seien ganz unterschiedliche Schicksale, die die Menschen in Not gebracht hätten. Zum Beispiel die Frau, deren Mann ins Gefängnis kam. Plötzlich stand sie allein mit dem Kind da. Oder die ältere Dame, deren Mann plötzlich verstorben ist. „Es gibt wahrscheinlich noch viel mehr Menschen in Mutterstadt, die Hilfe nötig hätten, aber sie trauen sich nicht oder wissen gar nicht, wo sie anklopfen können“, ist Susanne Weber überzeugt.
In Dannstadt gibt es eine vergleichbare Initiative, mit der sich die Mutterstadter Ehrenamtlichen vernetzten. In der Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim werden gut 50 Haushalte mit Waren versorgt – auch mit Obst und Gemüse von den Bauern. Darum muss Joachim Hüther gleich los. Bleiben dort Frischwaren übrig, werden damit auch die Kisten für die Mutterstadter aufgefüllt.
Etliche Spendenaktionen
Bis zu 450 Euro geben die Ehrenamtlichen pro Monat für die Kisten aus. Die Initiative lebt ausschließlich von Spenden. Unterstützung kommt zum Beispiel regelmäßig von der Mutterstadter Bürgerstiftung und der Kirche. „Bisher ist uns das Geld noch nicht ausgegangen“, sagt Joachim Hüther. Er bleibt zuversichtlich, denn mittlerweile haben die Ehrenamtlichen selbst Spendenaktionen initiiert oder angeregt.
Susanne Succu betreibt zum Beispiel mit ihrem Mann einen Cocktailstand auf dem Mutterstadter Weihnachtsmarkt. Auch die Kindergärten im Ort spenden Erlöse aus ihren Aktionen. Und besonders stolz sind die drei auf die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“, mit der den Kindern der betreuten Familien besondere Weihnachtsgeschenke gemacht werden konnten. Und im vergangenen Jahr ermöglichte es Susanne Succus Arbeitgeber, ein Kaufhaus in Mannheim, dass alle, die Proviantkisten erhalten hatten, ihre Weihnachtswünsche an einem Charity-Baum hängen durften. Kunden haben diese dann erfüllt.
Die Freude und Dankbarkeit seien riesig gewesen. Und das erfülle die Ehrenamtlichen mit der Gewissheit, dass mit kleinen Taten Großes bewirkt werden könne.
Noch Fragen?
Wer helfen möchte, kann sich an das katholische Pfarrbüro Hl. Sebastian wenden unter Telefon 06231 5742 oder per E-Mail an pfarramt.dannstadt-schauernheim@bistum-speyer.de,