Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Haustiere für das „Kuschelhormon“

Julia Grenz.
Julia Grenz.

Julia Grenz aus Waldsee hat jahrelang als Tierärztin gearbeitet. In den vergangenen Jahren hat sie sich verstärkt für das Wesen „am anderen Ende der Hundeleine“ interessiert, wie sie sagt, und sich im humanmedizinischen Bereich fortgebildet. Die RHEINPFALZ hat mit ihr über Tiere, Menschen und die Folgen der Corona-Pandemie gesprochen.

„Der Mensch ist ein ,Herdentier’“, sagt Julia Grenz. „Alleinsein ist nicht vorgesehen.“ Doch genau darunter leiden viele Menschen in der Corona-Pandemie. Haustiere erfreuen sich auch deshalb derzeit großer Beliebtheit. „Ein Tier bietet Gesellschaft – man kann mit ihm reden, mit ihm schmusen, sich um es kümmern, man hat eine Aufgabe und Verantwortung. Streicheln des Tieres setzt das ,Kuschelhormon’ Oxytocin frei, was auf den Menschen eine beruhigende und wohltuende Wirkung hat“, erklärt sie. Doch ist es deshalb automatisch ratsam, sich in der Pandemie einen tierischen Gefährten zuzulegen? Es sei wichtig, sich einige Fragen zu stellen, findet Grenz: „Kann und will ich mich auch im normalen Nicht-Krisen-Alltag noch gut um das Tier kümmern? Habe ich auch ohne Homeoffice genug Zeit für das Tier und auch wenn andere Freizeitmöglichkeiten wieder zur Verfügung stehen? Und ebenso: Wo kommt mein Tier her, wo kaufe ich es?“ In Zeiten hoher Nachfrage boome der illegale Welpenhandel. Wer sich nicht langfristig um ein eigenes Tier kümmern könne, für den sei vielleicht ein Pflegetier eine Alternative.

Julia Grenz hat bis Anfang 2016 in Böhl Iggelheim in einer Kleintierpraxis als Tierärztin gearbeitet. Ihre eigene gesundheitliche Situation brachte sie dazu, sich mehr und mehr mit stressbedingten Krankheiten und dem Zusammenspiel mit der Psyche zu befassen, wie sie berichtet. „Ein faszinierender Bereich, der im allgemeinen Gesundheitssystem noch etwas stiefmütterlich behandelt wird, diese ,Schnittstelle’ zwischen Körper und Psyche“, findet sie. Heute arbeitet sie als Heilpraktikerin und Coach in Waldsee und hilft gelegentlich noch als Tierärztin aus.

Von ihrer Arbeit als Tierärztin profitiert Julia Grenz auch im Umgang mit Menschen: „Man behandelt nie nur das Tier“, sagt sie. „Eine entsprechende Kommunikation und Verbindung zum Tierbesitzer ist notwendig für eine erfolgreiche Behandlung. Oft spiegeln Tiere sogar Eigenschaften bis hin zu Krankheiten von ihren Besitzern.“

Die aktuelle Krise verstärke oft einfach die Lebensthemen, die ein Mensch sowieso – oft unbewusst – habe: die Belastung durch Bevormundung, die Menschen in der Kindheit erfahren haben, beispielsweise. Ihr Eindruck sei, dass Ängste und Stresssymptome stark zugenommen hätten, ebenso Beziehungsprobleme. „Die Menschen sind allgemein dünnhäutiger geworden und das zeigt sich in allen Bereichen“, glaubt sie.

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