Rhein-Pfalz Kreis „Habe noch nie erlebt, dass etwas so durcheinandergebracht wird“

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Otterstadt. Es ist zum Verzweifeln: Ein 20-jähriger Eritreer aus Otterstadt, den ein Landsmann vor zehn Tagen nach einer Taufe in Ludwigshafen erstochen hat, soll in der Heimat bestattet werden. Die ehrenamtliche Begleiterin aus Otterstadt hat sich um die Überführung gekümmert – doch jetzt ist alles anders. Und offen, wie es ausgeht.

Der Mann, der aus Eritrea floh und auf eine bessere Zukunft in Deutschland hoffte, ist nur 20 Jahre alt geworden: Kubrom wurde vor zehn Tagen nach einer Tauffeier in der Ludwigshafener Pfingstweide von einem ebenfalls 20-jährigen Landsmann mit einem Messer so schwer verletzt, dass er wenige Stunden nach der Tat im Krankenhaus starb. Brigitte Bauer (66) kümmert sich als Ehrenamtliche des Netzwerks Asyl in Otterstadt um eine Wohngemeinschaft von fünf jungen Eritreern, zu der auch Kubrom gehörte. „Er war ein bildhübscher junger Mann“, sagt sie. „Groß, schlank, die Zähne wie gemeißelt. Immer freundlich und hilfsbereit.“ Bauer zufolge wäre der Eritreer gern Maler geworden. Kubrom wohnte seit September 2015 in Otterstadt, zuvor war er in Waldsee untergebracht. Auf die Tauffeier in Ludwigshafen, die für ihn tödlich endete, habe er sich sehr gefreut und das Bauer noch am Tag vor seinem Tod fröhlich erzählt, berichtet sie. Nun soll er in seiner Heimat Eritrea die letzte Ruhe finden. Doch im Moment läuft alles aus dem Ruder. Seit Sonntag vergangener Woche – dem Tattag – herrscht Ausnahmezustand bei Brigitte Bauer. Abends kamen Kubroms Mitbewohner zu ihr und sagten, es sei etwas passiert, aber sie wüssten nicht was. Die Verständigung sei nicht leicht, erzählt sie, denn die jungen Leute sprechen kaum Englisch und erst wenig Deutsch. Bauer fing also an zu telefonieren. „Die Polizei gab uns keine Auskunft, weil wir keine Angehörigen sind, im Krankenhaus sagte man uns, er läge auf der Intensivstation, dabei war er zu dem Zeitpunkt schon tot. Erfahren haben wir es aus dem Internet“, erzählt sie. In den Tagen danach kamen immer mehr Eritreer in die kleine Wohnung nach Otterstadt, darunter Kubroms Schwester, ihr Mann und andere Verwandte. Alle haben einen Wunsch: Kubroms Leichnam soll in einem Sarg nach Eritrea geflogen und dort bestattet werden. Eine Einäscherung verbiete ihr christlich-orthodoxer Glaube. Hätten sich keine Angehörigen gefunden, wäre das Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Rheinauen für die Bestattung zuständig, sagt Markus Lehmann, dessen stellvertretender Leiter. „Der Leichnam würde dann ortsüblich bestattet. Hier wäre das eine Urnenbeisetzung.“ Es habe den Vorschlag gegeben, die Beisetzung in der Urnenwand und nicht in einem anonymen Gräberfeld aus dem Spendentopf des Netzwerks Asyl zu finanzieren. Doch das hätten die Angehörigen nicht gewollt. Brigitte Bauer begann zu organisieren, fand einen Bestatter in Altrip, der die Überführung arrangiert und sogar ermöglicht hätte, dass die Angehörigen Kubrom noch einmal sehen können. „Zweieinhalb Stunden war ich mit den Angehörigen dort. Alles war vereinbart: Sobald die Leichnam freigegeben würde, sollte er von der Mainzer Gerichtsmedizin nach Ludwigshafen gebracht werden“, erzählt Bauer. Doch dann bekam sie einen Anruf des Altriper Bestatters, der ihr mitteilte, er sei aus der Sache raus – ein Bestatter in Rüsselsheim sei nun zuständig. Den hatten Verwandte des Toten aus Frankfurt am Main ausfindig gemacht und das Arrangement von Bauer einfach aufgekündigt. Ständig hätten daraufhin Leute bei ihr angerufen. Sie habe geholfen, eine Kopie der Geburtsurkunde aus Eritrea zu beschaffen, und eine Kopie von Kubroms deutschen Papieren. Zu einem anberaumten Treffen mit dem neuen Bestatter sei die Familie aber nicht gegangen. „Wenn man fragt, warum, schauen sie einen nur stumm an“, erzählt Bauer. Also hat sie wieder in Rüsselsheim angerufen. Der Bestatter verliere langsam die Geduld und habe ganz klar gesagt, dass er Geld sehen will, sonst passiere nichts, fasst die 66-Jährige zusammen. Ihre Frage, ob sie das Geld, rund 4600 Euro, hätten, verneinten die Eritreer, sagten aber, sie würden es noch kriegen. Brigitte Bauer ist mit ihrem Latein am Ende: „Ich habe noch nie erlebt, dass etwas so durcheinandergebracht wird. Es war doch alles schon ausgemacht.“ Nun versucht sie, den Angehörigen zu erklären, dass sie das Geld schleunigst zusammenbringen müssen, dann werde sie den Bestatter erneut anrufen. Sie versucht auch, den Angehörigen zu vermitteln, dass Kubroms Leichnam wahrscheinlich eingeäschert wird, wenn nicht bald etwas geschieht. Dann trete genau die Situation ein, die um alles in der Welt vermieden werden sollte. Bauer erlebt aber auch die Verzweiflung der Eritreer, die um ihren Freund trauern und sich fragen, ob es wirklich Kubrom ist, der im Sarg liegen wird. Sie können kaum glauben, dass der Täter in der Jugendstrafanstalt in Schifferstadt bleibt und nicht mit Schmiergeldzahlungen wieder herausgeholt werden kann. „Das können sie sich nicht vorstellen“, sagt Bauer. Willkür und Korruption haben die Männer aus ihrer Heimat vertrieben und nach Deutschland gebracht. Trotzdem bleibt es ihre Heimat. Dorthin soll ihr Freund zurückkehren. |krx

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