Rhein-Pfalz Kreis Händchenhalten, Kuschelkissen, Teelichter

. Soll noch einmal einer behaupten, Kommunalpolitik sei eine bierernste Angelegenheit. Die Mutterstadter Ratsherren und -damen jedenfalls haben bei ihrer jüngsten Sitzung reichlich Humor und Kreativität bewiesen und eine Kuschelstunde veranstaltet. Wie das? Bei der Bürgermeisterwahl im März hat sich kein Gegenkandidat für Amtsinhaber Hans-Dieter Schneider (SPD) gefunden. Das Ergebnis von 95 Prozent der Stimmen und die Freude aller politischen Parteien haben uns allzeit kritische Journalisten misstrauisch gemacht. Zusammen mit dem Umstand, dass selbst das heißeste Eisen im Mutterstadter Gemeinderat keinen Streit auszulösen vermag, ließ das für die RHEINPFALZ nur eine Diagnose zu: Die Ratsmitglieder leiden an einer akuten Form des Wir-haben-uns-alle-lieb-Syndroms. Zur Behandlung empfahlen wir damals für die nächste Ratssitzung: inniges Umarmen, eine Gänseblümchenkette für den Bürgermeister, Freundschaftsbänder für alle anderen. Außerdem sollten sämtliche harten Gegenstände aus dem Ratssaal entfernt, bunte Sitzkissen verteilt und Duftkerzen für eine gemütliche Atmosphäre aufgestellt werden. Frei nach Dichtmeister Johann Wolfgang von Goethe – „Aller Anfang ist heiter“ – folgten die Mutterstadter den RHEINPFALZ-Therapievorschlägen. Umarmt wurde stellvertretend die Beigeordnete Andrea Franz, und zwar vom Verwaltungschef höchstselbst. Um keinem Gänseblümchen ein Leid anzutun, legte er sich die närrische Amtskette der Geeßtreiwer um den Hals, und statt Freundschaftsbändern hielten alle Händchen. Dazu bekamen die Fraktionsvorsitzenden und Beigeordneten Kuschelkissen. Darauf stand auf Englisch: Lächle und halte deine Versprechen. Das passe gut zum Rat, fand Schneider. Und weiter: Liebe, als wäre der Himmel auf Erden, also ein Appell zur guten Zusammenarbeit. Sowie: Tanze, als würde dich niemand beobachten. Das wollten die Harmonie-Patienten dann aber lieber im nichtöffentlichen Teil erledigen. Und Kerzen zündeten sie an. Am Kuschelkurs möchten sie festhalten. Der sei nämlich gar keiner, sondern nur eine erwachsene Form des Diskutierens und Kompromisse-Findens. Richtig gelesen: Sie diskutieren auch, aber eben sachlich und nie persönlich. Das wollen wir den Mutterstadter Kuschelrockern mal durchgehen lassen. So viel Humor und Kreativität müssen schließlich belohnt werden.