Bobenheim-Roxheim
Gutes Jahr für Weißstörche
Der gemeinsame Lebensweg von Weißstorch und Mensch ist lang und bewegt. Der auffällige Vogel lebt seit ewigen Zeiten in der Nähe des Menschen. Doch der hat ihn in Europa fast ausgerottet, indem er ihm die natürlichen Lebensgrundlagen genommen hat. Zu nennen sind hier die Kanalisierung von Flüssen und Bächen und damit einhergehend die Trockenlegung von Feuchtgebieten. So wurden Lebensräume und Nahrungsressourcen der Störche zerstört. 1974 galten wild lebende Störche in der Pfalz als nicht mehr existent, es gab nur noch einige wenige Exemplare in zoologischen und ornithologischen Einrichtungen.
1996 begann der Verein Pfalzstorch seine Wiederansiedlungsprojekte. Mit großem Erfolg. 2020 wurden in der Pfalz 594 freilebende Brutpaare gezählt, die 412 Jungstörche großzogen. Bobenheim-Roxheim zählte zu den Pioniergemeinden der Pfalzstorch-Bewegung. Das erste künstliche Storchennest wurde neben der Backstube von Bäckermeister Erwin Preiss errichtet.
Adebar zurückgekehrt
Die Rückkehr des als ausgestorben geltenden Weißstorchs empfanden viele Bobenheim-Roxheimer damals als Sensation. Mittlerweile hat man sich wieder an die Anwesenheit von Meister Adebar, wie er auch genannt wird, gewöhnt. Mehr noch: Die vielen Störche zählen inzwischen zum Ortsbild. Vor allem in der Nachbarschaft des Vogelparks gibt es Jahr für Jahr zahlreiche bewohnte Nester auf Bäumen und Hausdächern. Manche Hausbesitzer haben deshalb sogar schon negative Gefühle. Denn so schön der Anblick der stolzen Vögel auch sein mag, sie machen auch Dreck. Ihr Kot verunreinigt Dächer, und herbeigebrachte Zweige verstopfen die Dachrinnen.
2021 war – so viel lässt sich schon jetzt sagen – in Bobenheim-Roxheim ein gutes Storchenjahr. Rainer Berenz, Vorsitzender des örtlichen Vogelschutzvereins und Leiter des Vogelparks, ist zufrieden: „Die Jungstörche kamen gut über die Runden trotz des nasskalten Frühjahrs“, berichtet er. Oft nämlich bescheren Starkregen und späte Kälteeinbrüche dem Nachwuchs im Nest den Tod. Bei näherer Betrachtung könne man sogar von mehr als den 40 kürzlich beringten Jungvögeln ausgehen. „Die Mitarbeiter der Vogelwarte Radolfzell mussten ja ihr Steigleiterfahrzeug einsetzen und kamen in unwegsamem Gelände nicht bis an jedes Nest heran.“
Nur wenige überleben das erste Jahr
Die zuweilen geäußerte Vermutung, dass die Störche in Bobenheim-Roxheim überhand nehmen könnten, teilt Rainer Berenz nicht. Denn leider relativierten sich die beeindruckenden Nachwuchszahlen recht schnell. Laut wissenschaftlichen Studien und Statistiken überleben nur etwa 25 Prozent der Jungstörche ihr erstes Lebensjahr. Viele verenden auf dem langen Flug zu den Winterquartieren in Nordafrika und Südspanien. Zu den häufigsten Todesursachen zählen neben dem frühen Kältetod im Nest auch die Strangulation an Hochspannungsleitungen und die Aufnahme giftiger Nahrung. In den letzten Jahren – und offenbar besonders in diesem – sind Störche auch durch das Fressen von Kabeln, Plastikmüll oder Angelschnüren gestorben. Störche, die die Anfangsjahre überleben, können allerdings 30 Jahre und älter werden.
Die Gefahr, dass den vielen Störchen in Bobenheim-Roxheim die Nahrung ausgeht, sieht Rainer Berenz nicht. „Störche fressen keineswegs nur Frösche, wie oft behauptet und vermutet wird. Störche sind Allesfresser, die sich gut an veränderte Nahrungs- und Lebensbedingungen anpassen können. Sie legen bei der Nahrungssuche oft viele Kilometer zurück.“
Die Beringungsaktion sei sinnvoll, sagt der Vogelschützer. Damit könne man vor allem das Wander- und Zugverhalten der Vögel gut nachvollziehen. Der Vogelpark Bobenheim-Roxheim arbeite seit vielen Jahren eng und erfolgreich mit der Vogelwarte Radolfzell zusammen. Diese ist aus dem Max-Planck-Institut hervorgegangen und betreibt vielfältige ornithologische Studien und Projekte, die auch dem Erhalt der Artenvielfalt dienen.