Rhein-Pfalz Kreis
Gibt es das noch? Kreisbürger erzählen ihre Matrjoschka-Geschichten
Sie sind das Souvenir Nummer eins aus Russland – Matrjoschkas. Die ineinander geschachtelten Holzpuppen wurden Ende des 19. Jahrhunderts dort erfunden und stellen eine typisch russische Bauersfrau dar. Beliebt sind sie bis heute, und es gibt sie in unzähligen Ausführungen – wie die vielen Einsendungen unserer Leser beweisen. Jede Matrjoschka ist ein Unikat – darunter sind besonders wertvolle, lustige und kuriose.
In Schifferstadt und in der Ringer-Szene ist Willi Heckmann wahrscheinlich genauso bekannt wie Matrjoschkas in Russland. Denn der heute 67-Jährige war bis in die 1980er-Jahre erfolgreicher Ringer im Papier- und Fliegengewicht, dann Trainer und bis 2017 Leiter der Sportschule des Landesportbunds Rheinland-Pfalz in Schifferstadt. Und ausgerechnet eine dralle hölzerne Bauersfrau hat ihm Glück gebracht. Seine kleine Matrjoschka ist ein echtes Unikat, hat sie doch auf dem Boden im Inneren eine Sechs aufgemalt. Und das kam so: Im September 1975 fanden die Ringer-Weltmeisterschaften im weißrussischen Minsk, damals noch Teil der Sowjetunion, statt. Für die Auslosungen der jeweiligen Gegner erhielten alle Teilnehmer kleine Matrjoschkas mit Losnummern im Inneren. „Ich zog die Nummer sechs. Diese sollte mir Glück bringen, denn am Ende der Weltmeisterschaft belegte ich Platz sechs“, erzählt er. Mit dieser Platzierung hatte der Schifferstadter die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal in der Tasche. Dort holte Willi Heckmann dann Platz acht.
Aber zurück zu den Matrjoschkas und ihrem Heimatland Russland: In dieses und in die ehemaligen Mitgliedstaaten der Sowjetunion reiste der Schifferstadter als Ringer und Trainer – er war bis 2002 Bundestrainer-Assistent – sehr oft. Ob nach Minsk, Krasnojarsk, Moskau, Surgut im westsibirischen Tiefland, ins usbekische Taschkent oder ehemalige Leningrad (heute wieder St. Petersburg) – Willi Heckmann ist ein richtiger Fan dieser Länder geworden. „Die Menschen dort sind unglaublich nett und gastfreundlich“, sagt er. Beeindruckend seien auch die Gegensätze zwischen Arm und Reich, aber auch die Extreme der wunderschönen und üppigen Natur gewesen. Ach ja: „Und die sibirischen Frauen liefen bei minus 30 Grad mit Seidenstrumpfhosen unterm Pelzmantel herum“, erinnert er sich an einen Besuch in der Stadt Surgut und muss lachen. Einige Matrjoschkas hatte er von seinen Reisen mitgebracht – aber die mit der Nummer sechs hatte immer einen Ehrenplatz in einem Setzkasten.
Keine gleicht der anderen
Noch nie in Russland war Marion Mayer aus Schifferstadt – vielleicht ist sie auch deshalb so fasziniert von den hölzernen Puppen. „Vor etwa 15 Jahren habe ich für vier Euro meine erste Matrjoschka auf dem Flohmarkt im Gemeindezentrum gekauft“, erzählt die 64-Jährige. Schon bald war die nächste erstanden – und so weiter. Etwa 500 bunte Bauersfrauen tummeln sich nun im Haus von Marion Mayer, sorgsam aufbewahrt in Vitrinen. „Das Schöne ist – keine Matrjoschka gleicht der anderen“, sagt sie. Die kleinste ist gerade einmal einen Zentimeter, die größte ist 33 Zentimeter groß. Die meisten Matrjoschkas sind zu sechst ineinander geschachtelt, manchmal besteht der Satz aber auch nur aus drei, seltener aus elf oder gar 15 Puppen. Aber die Schifferstadterin hat auch eine solche in ihrer Sammlung. „Meine älteste Matrjoschka ist aus dem Jahr 1969“, erzählt sie weiter. Alle seien Originale aus Russland, darauf achte sie beim Kauf. Doch jetzt – nach 500 Sammlerstücken – hat sie sich eine Matrjoschka-Abstinenz auferlegt. „Aus Platzgründen, aber wenn ich eine ganz besonders schöne sehe, dann werde ich sie mir wahrscheinlich doch holen“, sagt sie und muss lachen. Dass sie noch nie in Russland war, „das ist wirklich schade, ich würde gern mal St. Petersburg sehen“.
Mit Blattgold verziert
Eine besonders wertvolle Matrjoschka hat Beatrice Handrich aus Dannstadt zu ihrem Geburtstag Anfang Dezember geschenkt bekommen. Ihr Bruder und ihre Tochter haben diese von einer Russland-Rundreise mitgebracht wie auch ein Fabergé-Ei. „Auf der Reise haben sie eine Bekannte, eine gut situierte Russin, besucht“, erzählt Beatrice Handrich. Und sie habe die beiden in ein Geschäft für Kunsthandwerk geführt. „Die Matrjoschka und das Ei sind ein Traum, mir ist das Herz aufgegangen, als ich beides geschenkt bekommen habe“, schwärmt sie. Die Ornamente, die Farben – jede einzelne der sechs Holzpuppen sei handbemalt und gleiche doch der anderen. Und sie seien mit Blattgold verziert. „Allein schon die Umverpackung der Geschenke ist ein Meisterwerk – wie für eine Königin.“ Entsprechend habe sie die Matrjoschka und das Fabergé-Ei gebührend in Szene gesetzt. „Die Puppe steht im Flur in einer Vitrine, so dass jeder, der reinkommt, sie gleich sieht“, erzählt Beatrice Handrich. Das Ei wird auf einem Highboard im Schlafzimmer „präsentiert“. Von allem inspiriert möchte sie unbedingt mal St. Petersburg besuchen.
In Prag eine Berühmtheit
Die kuriosesten Holzfiguren nach Matrjoschka-Art hat Manfred Claus aus Waldsee. Es sind Fußballhelden des 1. FC Kaiserslautern, man glaubt es kaum. „Diese fanden wir während einer Städtereise nach Prag 2003 in einem Geschäft, in dem ausschließlich Fußball-Matrjoschkas verkauft wurden“, erzählt er. Unzählige berühmte Helden von Fußball-Mannschaften aus aller Welt waren dort – aus Lindenholz gedrechselt – vertreten. Dass sie dort aber ausgerechnet auch die Spieler des 1. FCK im Angebot hatten – „das hat uns schon sehr überrascht“. Als FCK-Fan sei es für Manfred Claus ein Muss gewesen, diese „Matrjoschkas“ zu kaufen. Und die Überraschung beim Auseinanderpacken der einzelnen Figuren war groß, standen auf den Trikots doch Namen wie Idrissou oder Dick. Manfred Claus fragte den Verkäufer, warum er denn Figuren vom 1. FCK im Regal habe. Seine Antwort: „Die Mannschaft ist in Tschechien sehr bekannt, da viele Spieler von hier schon in der Pfalz gespielt haben, zum Beispiel Moravek, Lokvenc oder Kuka.“