Mutterstadt
Gerda Holzwarth wird 100 Jahre alt: Wie aus dem Katalog
Ein kleiner Satz mit großer Wirkung: „Ach Gerda, komm doch mit!“ Das hatte die Cousine gesagt – und Gerda Holzwarth konnte deren Bitte, sie 1943 nach Wildflecken in den unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen zu begleiten, nicht ausschlagen. So erzählt Schwiegertochter Christine Holzwarth jedenfalls die Geschichte. Am Dienstag feiert Gerda Holzwarth nun ihren 100. Geburtstag. 1922 ist sie in Mellingen, einer thüringischen Gemeinde im Süden des Landkreises Weimarer Land, geboren worden. Dort verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend, es folgten einige Jahre in Weimar.
Treffen waren schwierig
Mit der spontanen wie zufälligen Reise sollte dann ein neues Kapitel im Leben von Gerda Holzwarth beginnen. Auf dem Fußmarsch vom Bahnhof im Nachbarort nach Wildflecken lernte sie nämlich ihren späteren Mann Adolf Holzwarth kennen, der dort stationiert war. Ganz Gentlemen boten er und sein Kamerad an, den Damen die Koffer zu tragen. Eine Zufallsbegegnung mit Folgen. Es entwickelte sich eine Brieffreundschaft zwischen den beiden, sie besuchten einander auch mehrere Male – wenngleich sich das durch Konflikte zwischen den unterschiedlichen Besatzungszonen eher schwierig gestaltete. Weimar war nach dem Zweiten Weltkrieg russisch besetzt, Adolfs Heimatort Mutterstadt dagegen französisch.
1947 kam Gerda Holzwarth zunächst mit ihrer Mutter nach Mutterstadt und heiratete ihren Adolf im April. Im gleichen Jahr gründete dieser mit seinem Vater Wilhelm mit einer Dreherei und einer mechanischen Werkstätte einen Betrieb in der Schillerstraße. Dieser wurde mehrmals erweitert und zur Schlosserei, seit 1997 wird in der dritten Generation am neuen Firmensitz „An der Fohlenweide“ produziert. Gerda hielt ihrem Mann den Rücken frei und kümmerte sich hingebungsvoll um Haushalt und Garten, dessen Bewirtschaftung zur Versorgung der Familie beitrug.
Ihr Mann starb 1989 im Alter von 67 Jahren, aus der Ehe waren die Söhne Bernd und Rainer (Jahrgänge 1948 und 1949) hervorgegangen. Gerda Holzwarth ist stolze Großmutter von vier Enkelsöhnen und Urgroßmutter von vier Urenkelinnen und vier Urenkeln, die Familie hat inzwischen vier Generationen. Seit 2001 lebt sie in einer Einliegerwohnung im Haus ihres ältesten Sohnes in der Brunnenstraße mit dessen Familie unter einem Dach. Doch auch Freundschaften und deren Pflege waren Gerda Holzwarth immer wichtig. Ihren besonderen runden Geburtstag feiert sie vor allem mit einem gemeinsamen Essen am Abend im Kreis der Familie.
Zeitungslektüre gehört dazu
Stets war Gerdas Leben geprägt durch eiserne Disziplin, noch heute legt sie Wert auf einen strukturierten Alltag. Sie habe dort angepackt, wo es notwendig war, erzählt Schwiegertochter Christine. „Kraftvoll und im Dienst der Familie“ sei dies geschehen, eben das mache sie aus. „Sehr beflissen“ sei sie außerdem seit jeher, habe Englisch gelernt und ihren Führerschein gemacht, sei mit den Enkeln nach Amerika gereist. Körperlich fit hielt sie sich beim Turnen in der TSG.
Auch mit 100 Jahren gilt das Interesse von Gerda Holzwarth noch dem Zeitgeschehen, sie liest Bücher und jeden Tag die Zeitung, löst Rätsel. „Eine Mutter, wie aus dem Katalog“, sagt Christine mit viel Respekt der Jubilarin gegenüber. Diese war und ist Rückhalt der immer größer werdenden Familie – und gleichzeitig ihr Mittelpunkt.